Kurzkritik Befreites Lärmen

Das Baltic Sea Philharmonic im Herkulessaal

Von MICHAEL STALLKNECHT

"Die Idee ist hundert Prozent Freiheit", sagt der Dirigent Kristjan Järvi vor der zweiten Hälfte. Schließlich will das Baltic Sea Philharmonic, das sich aus jungen Musikern der Ostseeanrainerstaaten zusammensetzt, mit seiner Tournee "Nordic Pulse" besonders an die Unabhängigkeitserklärungen der meisten dieser Staaten im Jahr 1918 erinnern. Doch die hundert Prozent gelten für Järvi nicht nur politisch, die Musiker sollen sich beispielsweise auch von Noten frei machen lernen.

In der zweiten Hälfte spielen sie die Konzertsuite, die Järvi aus Jean Sibelius' Schauspielmusik zu Shakespeares "Sturm" zusammengebaut hat, sowie den ersten Satz der "Rock Symphony" des Letten Imants Kalniņš auswendig und im Stehen auf der leergeräumten Bühne des Herkulessaals. Schließlich besteht Freiheit für Kristjan Järvi schon länger auch im Überschreiten von Genregrenzen. Die zeitgenössischen Kompositionen in der ersten Hälfte folgenweniger der klassischen Avantgarde als nordischen Varianten der Minimal Music, sind geprägt von hochmotorischen Repetitionsmustern wie "Orawa" des Polen Wojciech Kilar oder "Mountains. Waters. (Freedom)" des Litauers Gediminas Gelgotas. Zur Abwechslung auch von extrem verlangsamten wie die noch immer suggestiven "Fratres" von Arvo Pärt, bei denen Mari Samuelsen das Geigensolo mit viel Druck und teilweise harschen Ansätzen spielt.

Järvi hat ihr und seinem Orchester mit "Aurora" zudem ein eigenes Stück auf den Leib komponiert, dessen Melodie sich rasch ins Ohr hämmert. Vitalität lautet die Richtschnur, der Järvi als Dirigent mit ganzem Körper-, manchmal auch Fausteinsatz folgt. Die Blechbläser lassen es denn auch unentwegt krachen, und der "Rock Symphony" zum Schluss kann man wahrscheinlich auch im Hofgarten lauschen. Drinnen wippen die jungen Musiker mit, zur Zugabe wird das Publikum von Järvi zum Mitklatschen aufgefordert. Freiheit, lernen wir, ist eine ziemlich kollektive Angelegenheit.