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Kurzkritik:Barocker Expressionismus

Weihnachtsoratorium des Münchener Bach-Chors

"Expressionismus" ist ein geläufiger Begriff für allerhand Künste der Moderne. Warum aber sollte er nicht genauso gut für eine ganz andere Stilcouleur taugen - etwa als "Barock-Expressionismus"? Denn wenn Hansjörg Albrecht in Bachs Weihnachtsoratorium schon im ersten Choral das Tutti des 70-kehligen Münchener Bach-Chors bei "O meiner Seelen Zier" ins Misterioso abdämpft - dann aber in der vierten Kantate die Arie "Ich will nur dir zu Ehren leben" zu einem verwegenen Staccato-Tanz macht, der den lyrischen Tenor (Steve Davislim) in die Akrobatenliga beförderte, dann war das "Expressionismus" pur. Nicht zu reden von den raffinierten Continuokünsten, die Peter Kofler mittels des Schwellwerks der großen Orgel abgewann und der dann auch Klaus Häger, den wunderbaren Bassbariton allein, nur mit der Oboe d'amore, in der Arie "Erleuchte auch meine finstre Sinnen" begleitete. Ein Novum - aber dort steht bei Bach tatsächlich "Continuo tacet".

Keine Frage, dass auch die "Sinfonia" der zweiten Kantate zu einem bewegenden Exempel von Albrechts Konzept wurde, wenn er das pastorale Genrestück mit lebendigem Atmen in beschwingte Affektmalerei verwandelte. Hitziges G-Dur-Jubel-Espressivo im Presto, keine theologische Verkündigung, sondern musikantisches Brio, gab's im Chor "Ehre sei Gott" und natürlich in den Eckchören mit Pauke und Trompetenglanz (Ensemble Hannes Läubin).

Fast zum De luxe-Expressionismus geriet Bachs Weihnachtsbotschaft in der Gasteig Philharmonie dann aber mit den Arien der Altistin Annelie Sophie Müller. Eigentlich ein Mezzo, bezauberte sie mit dem exquisiten Timbre ihrer Stimme, während Mojca Erdmanns Sopran im filigranen Silberglanz leuchtete. Zu Albrechts Konzept gehörte auch, dass er das "Double Accompaniment" wählte, eine Spielart der Continuo-Begleitung mit Orgel und Cembalo, wobei er allerdings seine Mitwirkung recht frei gestaltete und sein Cembalo ohnehin kaum hörbar war.

Bester Partner im kammermusikalischen Espressivo war ihm das Bach Collegium München. Der Bach-Chor aber, eben erst zurück von einer triumphalen Israel-Tournee, wo er Zubin Mehta als Gastdirigenten begeisterte, zeigte seine unerhörte Flexibilität und Sensibilität in den vielen Schattierungen, die ihm Albrecht virtuos abverlangte.

© SZ vom 27.12.2018
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