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Kurzkritik:Aus der Mitte

Pianist Lucas Debargue im Prinzregententheater

Von Andreas Pernpeintner

Wenn sich die Zugaben zu einem beinahe zweiten Konzert innerhalb des Konzerts entwickeln, muss der Abend bemerkenswert sein. Und das ist dieser Klavierabend von Lucas Debargue im Prinzregententheater gewiss. Bemerkenswert ist aber auch, dass es eine kleine, charmante Scarlatti-Sonate ist, durch die der üppige Zugabenteil einen stilistischen Mehrwert bekommt. Ihre Eleganz, akzentuiert, aber nie zu kurz staccatiert, sondern mit geschwindem Portato gespielt, ist wunderbar. Derart Galantes hat man an diesem Abend bei aller Schönheit der Schubert-Sonaten noch nicht gehört - dennoch ist es ein stimmige Ergänzung der vorangegangenen Darbietungen (Schuberts Sonaten in A-Dur D 664 und a-Moll D 784 sowie Karol Szymanowskis A-Dur-Sonate op. 21).

Denn hier wie dort ist der Kern von Debargues Klavierspiel seine geradezu frappierende pianistische Kontrolle. Wenn er auf den Flügel zuschlendert und sich auf dem Hocker ausgiebig zurechtzupft (so lange, dass der tatsächliche Beginn dann fast überrascht), mag man kurz Gedankenverlorenheit annehmen. Von wegen. Wie Debargue die Schubert-Sonaten in all ihren Fortspinnungen und unendlichen Wiederholungen durchdringt, in ihrer melodischen Anmut, ihrem Ernst und ihrer Strenge, ist großes Musizieren. Jedes Detail hat hier seinen dezidiert zugewiesenen Platz.

Debargue ist dabei kein Pianist des Maximaleffekts, er agiert aus einer fundierten Mitte heraus, was den Darbietungen gewissermaßen einen präzise geeichten Bezugspunkt verleiht. Leichtes wird auf diese Weise nie beliebig luftig, das Dunkle nie vollends pechschwarz, die Konturen sind nie zu scharf, aber stets glasklar. Keine Frage, in ihrer virtuosen Opulenz, pastellenen Bewegung und perkussiven Motorik ist die nach der Pause erklingende Szymanowski-Sonate von Schuberts Musik ganze Galaxien entfernt. Und doch ist es genau dieselbe pianistische Grundhaltung mit derselben maximalen Kontrolle des Geschehens, die Lucas Debargue auch hier ideal zum Ziel führt.

© SZ vom 21.12.2017

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