Süddeutsche Zeitung

Kurzkritik:Anziehender Abgrund

"Paradisi Gloria" in der Herz-Jesu-Kirche

Welches utopische Potenzial in Bachs Solosonaten für Violine gespeichert ist, zeigt sich an den vielen Bearbeitungen, zu denen seine Chaconne aus der d-Moll Partita die nachgeborenen Musiker immer wieder inspiriert hat. Von Mendelssohn, Brahms bis Busoni und Casella. Eine vergessene, selten zu hörende Fassung von Joachim Raff eröffnete jetzt das erste Konzert der "Paradisi gloria"- Reihe des München Rundfunkorchesters.

Raff, Zeitgenosse Bruckners, der sich in allen musikalischen Metiers tummelte, bringt Bachs einsame Solomeditation auf orchestrales Breitbandformat. Er staffiert sie mit Fortissimo bis Pianissimo, Pizzicati und Rubati, Blech- und Streicherpathos aus, nicht ganz so Cinemascope wie Leopold Stockowskis Bach-Bearbeitungen, aber doch mit sinfonischem Ehrgeiz. Der löste sich dann in der folgenden Trauermusik von Josquin Deprez auf den Tod von Johannes Ockeghem in die Mystik der großen Vokalpolyphonie aus der Renaissance auf. Trotzdem lieferte der Madrigalchor der Hochschule für Musik und Theater (bestens trainiert von Martin Steidler) damit ein Pendant zu Bach: nämlich als große Musik.

Das Hauptwerk des interessanten Abends in der Herz-Jesu-Kirche aber war die Psalmvertonung "Du fond de l'abȋme" von Lili Boulanger (1893-1918). Nach dem recht vordergründigen Ruf aus der menschlichen Tiefe um göttliche Erlösung von Arthur Honeggers "De profundis clamavi" wurde das tiefgründige Flehen der jung gestorbenen Komponistin zum Ausdruck existenzieller Betroffenheit. Abgrund und Erlösung, Gebet und Heilshoffnung fängt sie in polytonalen Schichtungen und rhythmischen Schärfungen ein, besonders bewegend im Tutti-Ausbruch des vorletzten Chores "Ich schreie zu dir" und dem imposanten Fortepathos der Mezzosopranistin Annika Schlicht, unterstützt vom feinen Timbre des Tenors Thomas Kiechle und dem vitalen Elan des Münchner Rundfunkorchesters unter Ivan Repušić.

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Quelle:
SZ vom 19.11.2018
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