Kurzkritik Am Abgrund

Fein ausgelotet leitet Kent Nagano das Orchester aus Montréal.

(Foto: OH)

Das Orchestre Symphonique de Montréal unter Kent Nagano

Von Klaus Kalchschmid

"Ein kleines Valse, aber ein seltsames", versprach Kent Nagano am Ende des Konzerts mit seinem Orchestre Symphonique de Montréal in der Philharmonie dem Publikum, doch es folgte raffiniert Monströses: "La Valse" von Maurice Ravel; Apotheose des Tanzes und schließlich einer in den Abgrund. Das passte wunderbar als Zugabe nach Igor Strawinskys "Sacre", schlug aber auch den Bogen zum Beginn, zu Claude Debussys "Jeux", was man sich als Ballett kaum vorstellen konnte, in dem ein junger Mann auf der Suche nach seinem Tennisball im Gebüsch zwei Damen trifft, aber ein reizvolles Orchesterstück voller exquisiter Farben ist. "Le sacre du printemps", 1913, also nur ein Jahr nach Debussys spätem Einakter entstanden, funktioniert gleichermaßen als absolutes Orchesterstück wie als Ballett. Und das vor allem, wenn die Gegensätze fein ausgelotet, aber nicht ins Extrem getrieben werden: Kent Nagano und seine Kanadier dehnten das Brüten der Musik zu Beginn lange aus, bevor Rhythmus, Metrum und Lautstärke das erste Mal explodieren durften. Traumhaft schön gelang der kammermusikalische Beginn des zweiten Teils, bevor auch hier das Ganze in Brutalität und ein Menschenopfer führt.

In Camille Saint-Saëns' fünftem Klavierkonzert, dem alte Melodien im Mittelsatz zum Beinamen "Ägyptisches Konzert" verhalfen, hatten Pentatonik und Orientalismen eine andere Funktion und einen anderen Effekt als bei Debussy und Strawinsky. Der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet vermochte ebenso den klassisch-romantischen und den virtuosen Elementen in den Ecksätzen mit viel Flexibilität gerecht zu werden, wie er das Nah- und Fernöstliche im Andante weidlich auskostete. Auch er gab einen Walzer zu: aber einen echten, innigen von Frédéric Chopin.