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Kurzkritik:Alles bestens

Das Punk-Trio "Alte Sau" in der Bar Unter Deck

Die Heinrich-Böll-Stiftung listet Swenja Unterberg als freie Journalistin, die "Texte und Töne über Mainstream und Minderheiten" macht. Im Unter Deck singt sie indes den Chor für das Hamburger Trio Alte Sau, das zumeist als neues Projekt des 1954 geborenen Ur-Punks Jens Rachut besprochen wird. Schließlich hat dieser Sänger und Texter mit Bands wie Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, Oma Hans oder Kommando Sonnenmilch genügend deutsche Punk-Geschichte geschrieben, als dass man auch jenen weiteren Höhepunkt der deutschsprachigen Popkultur als seine Kreation feiern mag. Und mit seinen großartigen Texten, die zum Beispiel den alternden Dschungelbuchhelden Mogli als Möchtegern-Wolf beschimpfen, der mal besser im Dschungel geblieben wäre, zieht der Mann mit der abgeschnittenen Jeanshose, dem ollen Lemmy-Kilmister-T-Shirt und der Schirmmütze auch live beinahe jede Aufmerksamkeit auf sich. Wenn Mogli dann noch laut Text stinkt "wie ein totes Reh", dürfte Punkfans spätestens hier der Wink mit den Sex Pistols und deren "Who Killed Bambi" klar sein.

Doch Alte Sau kommt ohne den entsprechenden Gitarrenriff aus. Stattdessen rasen die Finger von Rebecca Oehm, der eigentlichen Komponistin des Trios, über zwei Manuale eines Synthesizers und eines Keyboards, das mittlerweile Oehms altersschwache Orgel auf Tour ersetzt. Nicht nur rhythmisch ergänzt wird sie dabei vom High-Speed-Drummer Raoul Doré, der in solcher Geschwindigkeit über die Trommeln und Becken wirbelt, dass diese dem Sound geradezu lang anhaltende Töne beizusteuern scheinen. Töne, die trotz der rasanten Geschwindigkeit so fein ausgearbeitet sind wie jene Zeichnungen, die Raoul Doré unter dem Namen Pencil Quincy veröffentlicht.

Das instrumentale Stück, mit dem Keyboarderin und Schlagzeuger schließlich die Zugabe eröffnen, erinnert noch einmal daran, wie formvollendet deren Musik eigentlich schon zuvor klang. Dann kommt Jens Rachut wieder auf die Bühne und perfektioniert also mit seinem mitreißenden Erzählstil und seiner herausragenden Stimme das ohnehin schon Perfekte. Solcher Auftritt steigert sogar den Superlativ: "bestestens"!

© SZ vom 07.09.2016
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