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Kurzgeschichten von Etgar Keret:Papa ist jetzt ein Hase

September 7, 2020, Zagreb, Croatia: April 7, 2020, Zagreb, Croatia - Israeli writer Etgar Keret promoted his books at t

Der israelische Schriftsteller Etgar Keret, Jahrgang 1967.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

In Etgar Kerets Storys aus Israel geht es um die Wunder der Liebe, um Leiden, Katastrophen - und oft entscheidet ein Nebensatz über das Schicksal der Helden und der Geschichten.

Von Burkhard Müller

Der erste Satz muss sitzen. "Stella, Ella und ich waren fast zehn Jahre alt an dem Tag, als Papa seine Form wechselte." Das sind gleich vier Leute, die dem überrumpelten Leser mit der Tür ins Haus fallen; drei davon Kinder, alle in demselben Alter, die diesen Menschen als ihren Papa titulieren. Wären das am Ende - Drillinge? O Gott! Den Papa, der hier die Form wechselt, kann man gut verstehen. Aber was das eigentlich bedeutet, bleibt einstweilen unklar.

Doch nicht für lang; schließlich sind hier "Storys" angekündigt. Nicht etwa "Stories", was eine amerikanischen Tradition signalisieren würde. Der Umschlagtext zitiert zwar die Anpreisung Maxim Billers, das hier wäre das Beste seit Hemingway; aber von dessen Pokerface hält sich der witzige und an Umschwüngen reiche Keret bei aller Kürze glücklicherweise fern. Man denkt an Ingo Schulze, der ja auch darauf bestand, er habe "Simple Storys" (deutsch) und nicht "Simple Stories" (englisch) geschrieben, und damit Luft gewann.

Papa also hat sich in einen Hasen verwandelt. Das nun wiederum ruft Assoziationen zu Kafkas "Verwandlung" hervor; und Kafka ist denn auch der zweite Großmeister, den Biller glaubt aufrufen zu müssen, um dem Autor gerecht zu werden. Doch es fehlt Keret, ebenfalls glücklicherweise, die Ausweglosigkeit, das eigentlich Kafkaeske; seine Storys haben (fast) immer einen Notausgang. Dass Papa ein Hase geworden ist, bannt ihn nicht in der Kammer fest wie Gregor Samsa und entfremdet ihn nicht der Familie. Seine drei eineiigen Drillingstöchter (um solche handelt es sich wirklich) erweisen sich als entzückt, dass der scheinbar entlaufene Papa ihnen in solch kuschliger Weise erhalten bleibt, "im vollen Glanz seiner weißen Hasenpracht", und sie kraulen ihn hinterm Ohr, "so, wie es Papa am liebsten hat".

Alle vier, die Töchter und der Hasenpapa, entweichen schließlich vor der zweifelsüchtigen Mutter, die einfach nicht sehen will, dass Papa ja noch da ist. Sie entweichen auf einem "Drillingsfahrrad", einem Ultra-Tandem, das Papa extra für sie gebaut hat, ins Offene, das unbestimmt, aber nirgends bedrohlich ist. Nur dass Ella, die am meisten beim Abschied leidet (Papa muss auf dem Land in Pension gegeben werden), auf dem Rückweg fast gar nicht mehr beim Tri-Tandem mittritt. Das wird ihr von den Schwestern nachgesehen, denn sie soll schließlich den Sündenbock abgeben: ihr verzeiht Mama immer. Nein, so ginge das bei Kafka nicht aus, und bei Hemingway auch nicht.

Ein starkes Bild, die blonden Drillinge auf dem radelnden Heimweg, die einander derart gleichen, dass dem Jungen Robbie, der sie trifft und dem Hasenpapa eine neue Heimstatt gewährt, die Kinnlade runterfällt über so viel gleichmäßig verteilte Identität - und die dabei doch so ungleich sind: Die eine erzählt, die zweite tritt, die dritte darf sich ein wenig erholen, weil sie hinterher den schwersten Part kriegen wird. Das Ganze ist völlig unwahrscheinlich - aber man sieht es so deutlich! Das kann Keret wirklich gut.

Wenn Keret den ersten Satz, das einzelne Objekt, das heraussticht, erst mal hat, geht der Rest scheinbar wie von selbst. Diese Anmutung von Leichtigkeit macht Kerets Geschichten so heiter, selbst wenn sie von schwermütigen Dingen handeln. In "Autokonzentrat" steht ein rot-weißer zusammengepresster Metallkubus im Wohnzimmer des Erzählers, auch er natürlich sofort zu Beginn präsent, sodass man schon nach drei Zeilen mit dem Lesen nicht mehr aufhören kann. Was ist das nur für ein bizarrer Gegenstand? Ein Kunstwerk, sagt der Erzähler, oder auch: eine persönliche Erinnerung; und überhaupt sagt er jedem was anderes. Die Männer wollen den Block immer anheben (geht nicht, zu schwer), die Frauen befühlen ihn mit dem Handrücken, als wollten sie einem Kind das Fieber messen. Nehmen sie aber die Handfläche dazu und sagen Sätze wie "Es ist kühl" oder "Fühlt sich angenehm an", dann weiß der Eigentümer, dass er sie wahrscheinlich ins Bett kriegen wird. Und doch hat dieses Ding, mit dem man seine Gäste so wunderbar verzaubern und manipulieren kann, natürlich ein schreckliches Geheimnis, das sich erst am Ende erschließt.

Die öfters tagediebhaften oder abseitsstehenden Protagonisten können wenig und trauen sich kaum was zu; aber wenn es drauf ankommt, treffen sie den Punkt. Einer steht kiffend am Strand von Tel Aviv und bewundert den Sonnenuntergang mit einer Intensität, wie sie nur der erste Zug des Tages schenkt. Da tönt es hinter ihm "Entschuldigung", eine Dame im Business-Dress bittet ihn darum, auch mal ziehen zu dürfen. Klar darf sie. Einer erlebt in einem Aufwasch seinen ersten Kuss und ersten Sex und sagt "Danke", was das weit erfahrenere Mächen erst für bescheuert und abturnend, und dann doch für süß erklärt.

",Meine Mutter sagt immer, dass ,Danke' das einzige Wort im Hebräischen ist, das nie schaden kann', sagte ich. "Dann soll dir deine Mutter einen blasen', sagte Vered lächelnd, und ich dachte: Was für ein Tag. Der erste Kuss. Das erste Mal, dass mir einer geblasen wird. Das erste Mal Vögeln. Alles am gleichen Nachmittag, und alles wie ein kleines Wunder."

Eigentlich sind es immer Wunder der Liebe, so verschieden sie sein mag, Liebe zu Frauen, Männern, alten Eltern und zu Kindern, die wahre Satansbraten sind und halbe Einkaufszentren lahmlegen - bis ihnen Papa den einzig wirklich unverkäuflichen Gegenstand im Laden, die Registrierkasse, eben doch gekauft hat.

In einer solchen Welt kann es keine glatten Lösungen geben

Brüche, Leiden, Katastrophen gibt es dennoch genug; manchmal kommen sie in beiläufigen Wendungen ans Licht. Die Ökonomie solchen Erzählens kann auf schmerzliche Weise verdichtet sein; ein Nebensatz entscheidet das Schicksal von Story und Held. "Ein Raum erschien wie ein Militärbunker, ein zweiter wie ein Klassenzimmer in einer Grundschule, und im dritten befand sich ein luxuriöses Schwimmbecken, in dessen Mitte eine nackte Leiche trieb." Die nackte Leiche ist Nadia, um derentwillen Albert auf seiner Flucht alles riskiert hat. Danach will er nicht mehr leben. Das leistet ein Relativsatz.

Es wäre ein Wunder, wenn es in einer Sammlung von 22 Storys nicht auch schwächere gäbe. Schon fünf richtig gute wären eine reichliche Ausbeute; es sind aber zwölf, also mehr als die Hälfte. Nicht so gut ist etwa "Die Leiter", wo ein gelangweilter Engel, der ewig nur Wolken rechen darf, mittels der im Geräteschuppen aufbewahrten Jakobsleiter aus dem Buch Genesis auf die Erde entweicht. Oder "Das ganze Jahr Geburtstag", worin ein reicher aber einsamer Mann anderen Menschen ihre Geburtstage abkauft, eine nicht voll durchdachte Fabel zur Moral, dass Geld allein nicht glücklich macht. Keret handelt von privaten Dingen. Aber an den Rändern tauchen immer wieder der Belagerungszustand des Staates Israel und der Holocaust auf. Ein Ich-Erzähler lässt sich als pöbelndes Schreipublikum in einem Prozess kaufen, worin es um einen Araber geht, der ein jüdisches Mädchen überfahren hat, und fängt sich eine blutige Nase ein. Ein Mann dreht durch, als er in Yad Vashem das Endlos-Tonband hört, das mehr als ein Jahr braucht, bis es die Namen aller von den Nazis getöteten jüdischen Kinder vorgetragen hat: Und da hat seine Frau abgetrieben! In einer solchen Welt kann es keine glatten Lösungen geben.

Eine Kurzgeschichte mit Lösung würde auch nichts taugen. Es muss immer ein unaufgelöster Rest bleiben, selbst in den heitersten von ihnen, ein dunkles, hartes Korn, das über den Schluss hinaus im Teig steckt und sich nicht ausbacken lässt. Stella und Ella heißen zwei der drei blonden Drillingsschwestern. Wie aber heißt die dritte? Da sie es ist, die erzählt, bleibt ihr Name verborgen. Eine störende, eine verstörende Asymmetrie. Reimt sie sich auch? Oder tritt sie aus der Komödien-Trias von Tick, Trick und Track heraus? Wir werden es nie erfahren.

Etgar Keret: Tu's nicht. Storys. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Aufbau-Verlag, Berlin 2020. 239 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 11.11.2020

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