Kurzgeschichten:Laurie Pennys neuer Erzählband: Serienmord als Kunstform

Laurie Penny

Gute Ideen, aber ein bisschen frustrierend: Laurie Pennys neues Buch: "Babys machen".

(Foto: Jon Cartwright)

Sie hat sich als Feministin und Antikapitalistin einen Namen gemacht. Nun erzählt Laurie Penny kleine Geschichten aus der nahen Zukunft. Über Skizzen kommen sie allerdings nicht hinaus.

Von Susan Vahabzadeh

Wenn man anfängt, über Laurie Pennys Kurzgeschichte "Babys machen" nachzudenken, wird sie schnell immer gruseliger. Der Feminismus hat es da immerhin so weit gebracht, dass ein bewundernder Ehemann über seine geniale Frau nachdenkt und die neueste Ausgeburt ihres technischen Superverstandes: ein Kind aus Computerchips, Stahl und Silikon.

Ein perfekter kleiner Roboter, mit dem man genau so umgehen muss wie mit einem echten Kind. Falls er das nicht tut, ist er ein Rabenvater, und davor scheint er sich zu fürchten. Manchmal ist der falsche Nachwuchs dann aber doch abschaltbar und, vor allem: reparabel. Träumen am Ende nur Androiden von elektrischen Babys?

Laurie Penny (geboren 1986) hat sich als Feministin in den letzten Jahren einen Namen gemacht, sie ist so ziemlich zur wichtigsten Stimme ihrer Generation geworden, wenn es um Frauenfragen geht. Das ist zum einen eine Frage der Form - sie hat viel in Blogs veröffentlicht und auch in ihren Büchern schlägt sich das nieder -, zum anderen ist sie nicht nur Feministin, sondern auch erklärte Antikapitalistin.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Ihre Vorstellung von Feminismus bettet sich ein in eine Welt, in der einem Teil der Menschheit, nicht nur Frauen, aus ökonomischen Gründen eine untergeordnete Rolle zugewiesen wird.

Laurie Penny hat in "Fleischmarkt" und "Unsagbare Dinge" über Körperbewusstsein nachgedacht hat, und über die Enttäuschung, dass in den sozialen Netzwerken, von denen sie sich eine Art virtuelle Gleichberechtigung erhoffte, am Ende doch wieder alle Männer und Frauen sind.

Opium fürs Volk in Form von flauschigen Kätzchen

Genau um diese Dinge geht es in der Geschichte "Babys machen" nicht. Ihr Weltbild kann man in den Erzählungen, die sie nun veröffentlicht hat, zwar erkennen - aber nur, wenn man danach sucht.

Zehn kleine Geschichten hat sie hier versammelt, die meisten sind bislang auf Englisch noch gar nicht erschienen. Sie bewegt sich auf dem Terrain der Science-Fiction, aber nicht sehr weit weg von der Gegenwart.

Babypuppen gibt es ja schon, und Katzenvideos, auch wenn letztere nicht Teil einer großen Verschwörung sind, die dafür sorgt, dass Menschen ein unerträgliches Dasein aushalten. Der Gedanke hat aber durchaus seinen Reiz - Opium fürs Volk in Form von flauschigen Kätzchen in der Endlosschleife.

Eine Art Ober- und Unterstadt

In einer Geschichte gibt es einen Tötungsdienst, und ein Kulturministerium, das die kreative Ausführung fördert, zur Belustigung der Massen - "seit der Serienmord in England als Kunstform anerkannt ist".

Die Geschichten sind kurz, die Ideen sind gut - aber über Skizzen kommen sie nicht hinaus. Die Geschichte "Hush" ist ein gutes Beispiel dafür: Da geht es um eine Parallelwelt oder eine Zukunft, man weiß es nicht so recht. Jedenfalls scheint es hier, wie in Fritz Langs "Metropolis", eine Art Ober- und Unterstadt zu geben.

Rosie war einst weiter oben, jetzt arbeitet sie an einem Imbisstand ganz weit unten und nimmt, wie viele andere auch, eine Droge namens Hush. Das Zeug macht ihr Leben nicht wirklich leichter. Es versperrt ihr sogar die Tür zu dem einzigen Ort, an dem sie sein will: Unter Drogen kann sie nicht zu ihrem allerbesten Freund. Weil ihre Fantasie dann gelähmt ist. Denn dieser Freund und alles um ihn herum scheint nur imaginiert zu sein.

Für Rosie hat Realität gar keinen Wert - die Wirklichkeit ist hier ja auch ungefähr so attraktiv wie im Film "Matrix", wo Menschenzombies in düsteren Kokons vor sich hin träumen. In der Laurie-Penny-Variante gibt es für vor sich hinträumendes Leben aber nur Verwendung, wenn es dabei nebenher hübsch produktiv ist.

Irgendjemand muss dafür sorgen, dass es in der Oberstadt mehr gibt als nur Träume. Aber es bleibt alles vage, offen: "Hush" liest sich wie der Entwurf für eine viel längere Erzählung, mit der Laurie Penny dann aber nicht herausrückt. Das ist zwar viel besser als eine schlechte Idee. Aber ein bisschen frustrierend ist es doch.

Kurzgeschichten: Laurie Penny: Babys machen und andere Storys. Aus dem Englischen von Anne Emmert. Edition Nautilus, Hamburg 2016. 176 Seiten, 19,90 Euro. E-Book 15,99 Euro.

Laurie Penny: Babys machen und andere Storys. Aus dem Englischen von Anne Emmert. Edition Nautilus, Hamburg 2016. 176 Seiten, 19,90 Euro. E-Book 15,99 Euro.

© SZ vom 31.05.2016/pak
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