Kurzfilmpreis Wer zuletzt tanzt

Jurymitglieder des "99Fire-Films-Award": die Schauspielerinnen Julia Dietze, Bettina Zimmermann, Nadja Uhl und Ursula Karven (von rechts) am Donnerstagabend im Admiralspalast Berlin.

(Foto: dpa)

Der 99Fire-Films-Award lebt vom Glanz der zeitgleich stattfindenden Berlinale. Richtig gute Kurzfilme hat er bisher kaum hervorgebracht. Bis zu diesem Jahr.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Es scheint vielen ein ernsthaftes Anliegen zu sein, sich und ihre Freunde dabei zu filmen, wie sie alltägliche Dinge tun. Millionenfach landen diese Videos im Netz, milliardenfach werden sie angeklickt. Das derzeit unstillbare Verlangen von Produzenten wie Konsumenten solcher Internetvideos, die mal lustig, mal peinlich, mal langweilig sind, machen sich inzwischen ganze Geschäftszweige zunutze. Einer der findigen Geschäftsleute, die das tun, ist Stefan Kiwit, Werbe- und PR-Fachmann aus Berlin.

2009 gründete er einen Kurzfilmwettbewerb, nannte ihn "99Fire-Films-Award" und schickte ihn parallel zur Berlinale ins Rennen um die Gunst des Publikums. Während der Berlinale sind besonders viele Journalisten in der Stadt, Filmfans sowieso - gesteigerte Aufmerksamkeit ist also garantiert, wenn im Admiralspalast die üblichen Sternchen über den roten Teppich stolzieren.

99 Stunden Zeit für 99 Sekunden Film

Die Idee ist prägnant, die Ergebnisse sollen es auch sein: Nur 99 Stunden haben Nachwuchsfilmer Zeit, ein 99-Sekunden-Video zu drehen. Die besten Videos kommen in die Endauswahl, über die eine Jury aus Schauspielern und Branchenvertretern zu befinden hat, um die Preisvergabe herum wird eine hübsche kleine Gala gestrickt, der Gewinner bekommt: 9999 Euro.

So weit, so knackig. Mit jedem Jahr steigt der Bekanntheitsgrad des Wettbewerbs, und die Jury wird prominenter: Diesmal waren sogar Axel Milberg und Nadja Uhl mit dabei. Regisseurin Feo Aladag betonte bei der Preisverleihung am Donnerstagabend, wie wichtig es sei, die Begeisterung fürs Filmemachen vom Nachwuchs zu spüren. Das könne die Branche nur inspirieren.

Seit 2009 wurden insgesamt rund 10 000 Teilnehmer gezählt - daraus macht der Werbefachmann natürlich den Slogan "größter Kurzfilmwettbewerb der Welt". 3421 Teilnehmer hat er in diesem Jahr angezogen. Es ist anzunehmen, dass darunter auch einige Katzenvideos aussortiert werden mussten.

Kidman kann die Stirn runzeln

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In den vergangenen Jahren war am ein oder anderen weit gekommenen Kurzfilm zu erkennen, dass die Masse der Filme wohl noch nicht so richtig vorzeigbar war. Was vielleicht daran liegt, dass der Wettbewerb für alle offen ist, vielleicht daran, dass technische Neuerungen auch Menschen ohne Visionen ermöglichen, Filme zu machen. Auch diesmal kam wieder ein Kurzfilm in die Endauswahl, der über die in Werbekreisen übliche Message "Du kannst alles schaffen, wenn Du nur willst" nicht hinausging.

Die stolzeste Tänzerin des Kurzfilms

Der Siegerfilm dieses Jahres allerdings hat das Zeug, auch die kritischsten Filmkritiker zu überzeugen. Das hebt den Wettbewerb auf eine neue Stufe. "Malou" von Adalbert Wojaczek aus Düsseldorf zeigt ein junges Mädchen, das erhobenen Hauptes durch eine Schule marschiert. Die Mitschüler tuscheln hinter ihrem Rücken, sie wird ausgelacht, ein Junge filmt sie von hinten und attestiert ihr "Hashtag big fail!". Was dann allerdings folgt, ist big success: Sie legt eine Tanzaufführung hin, die sich gewaschen hat.

Der Film lässt offen, ob es sich um eine Abschluss- oder Aufnahmeprüfung an einer Tanzschule handelt, doch der Schluss verblüfft: Am Ende gibt es einen lauten Knall - und die Beinprothese der Tänzerin fällt ab. Das Gesicht der Schauspielerin (Valentina Herold) zeigt so viel Stolz und Würde, dass die Botschaft klar ist: Nicht der Körper, sondern die innere Einstellung macht die Musik.

Ähnlich verhält es sich mit dem "99Fire-Films-Award": Egal, wie viele und welche Videos eingereicht wurden - wenn ein solches Ergebnis dabei herauskommt, hat dieser Wettbewerb seine Daseinsberechtigung erlangt.

Alle weiteren Sieger, die Videos und Infos zum Wettbewerb gibt es hier.