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Rubrik: Gehört, gelesen, zitiert:"Reisende, meidet Bayern!"

Herbstnebel im Allgäu 09.10.2020, Oberstdorf (Bayern): Die aufgehende Sonne scheint durch Nebelschwaden bei Oberstdorf

"Wollt ihr euer Geld Leuten in den Rachen werfen, die euch belästigen?", fragte Kurt Tucholsky 1921. Aber sehr hübsch ist es da halt schon, zum Beispiel im Allgäu mit Herbstnebel.

(Foto: imago images/Jan Eifert)

Eine Wutrede von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1921 passt sehr gut in eine Zeit, in der Bundesländer gegeneinander lospesten. Eine Wiederentdeckung.

Auf den ersten Blick klingt dieser Text wie ein Wutanfall aus unseren Tagen, nur dass hier von Meldefrist statt Meldepflicht die Rede ist. Ansonsten aber scheint er in eine Zeit zu passen, in der Bundesländer gegeneinander lospesten, weil der eine ein Beherbergungsverbot propagiert und andere lieber möglichst lange möglichst laxe Regeln aufrechterhalten wollen.

Er erschien am 27. Januar 1921 in der "Weltbühne" und stammt von Kurt Tucholsky, der sich mit seiner überbordenden Kreativität vier Pseudonyme zulegte, damit nicht ganz so auffällig war, dass er oft drei, vier Beiträge für ein und dieselbe Ausgabe verfasste. Ignaz Wrobel, der kratzbürstigste von Tucholskys Alternativtemperamenten ("Wrobel - so hieß unser Rechenbuch, und weil mir der Name Ignaz besonders häßlich erschien, ganz und gar abscheulich, beging ich diesen kleinen Akt der Selbstzerstörung und taufte so einen Bezirk meines Wesens"), nimmt hier die Regierung Kahr aufs Korn. Sobald man das weiß, hat es sich freilich erledigt mit den Übereinstimmungen zwischen der Satire und den aktuellen Corona-Abstimmungsanimositäten, stammt er doch aus einer politisch sehr viel dramatischeren Situation: Der nationalistische Monarchist und glühende Antisemit Gustav von Kahr war nach dem Kapp-Putsch im März 1920 bayerischer Ministerpräsident geworden und wähnte Deutschland im Abwehrkampf gegen den Bolschewismus. Er sah seine Mission darin, Bayern als "Ordnungszelle im Staat" zu führen, als autoritären Gegenentwurf zur Weimarer Republik. Seine Ordnungsideologie führte einerseits zu den hier skizzierten Kontrollexzessen, gerade gegen Fremde und Zugereiste. Zum anderen dazu, dass Bayern zum Hort des Rechtsextremismus wurde - hier konnten sich Mörder der Organisation Consul genauso verstecken wie Drahtzieher des Kapp-Putsches. Tucholsky sah die politische Gefahr, die von Bayern ausging - und plädiert für einen Reiseboykott.Schließlich hänge Bayern am Tropf des Tourismus.

"Reisende, meidet Bayern! Die Verfassung sieht zwar die Deutsche Republik als ein einheitliches Gebiet an - aber die bayerische Polizei kümmert das einen Schmarrn. Sie verhängt über die Zureisenden Verordnungen und Strafen, schreibt den Reisenden eine Meldefrist vor, verlangt Einreisebewilligungen, die schwerer zu haben sind als ein Paß nach Nikaragua, und schikaniert Deutsche in der unerhörtesten Weise. Wer nicht einen nationalen Bierbauch bayerischer Provenienz hat, ist ein "Fremder". Der münchner Polizeipräsident Poehner mißbraucht die bestehenden, zu Unrecht bestehenden Verordnungen zu politischen Schikanen - kurz: der nichtbayerische Reisende ist den Quälereien einer größenwahnsinnigen Partikularistenblase ausgesetzt. Dagegen gibt es eine Waffe. Fahrt nicht nach Bayern -! Ein nicht eben kleiner Teil, besonders des südlichen Bayern, lebt von den Fremden.

Es gibt andre schöne Landstriche Deutschlands

Wenn nun auch die Besitzer der großen Hotels in Garmisch oder Tegernsee selbstverständlich dafür sorgen, dass - durch Schiebungen bei den Gemeindevorständen - die großen Zahler unbehelligt bleiben: es widerspricht den Begriffen von Anständigkeit, wenn diese lächerliche Kahr-Regierung ihre Verfügungen bis nach Berlin heraufsendet, Papiere und Formulare vorschreibt und die Reisenden wie Kontrollmädchen dauernd unter Aufsicht hält. Warum fahrt ihr hin? Um euch belästigen zu lassen?

Schon hat sich der münchner Fremdenverein gegen diesen Unfug gewandt. Wir Norddeutsche haben es in der Hand, die bayerische Regierung zu belehren, dass sie nicht in Ungarn wirtschaftet. Denn in diesem Punkt sind auch die Bauern empfindlich - wenn sie merken, dass es an den Geldbeutel geht, werden sie tücksch. Weshalb fahrt ihr noch nach Bayern?

Es gibt andre schöne Landstriche Deutschlands, deren Verwaltungen den Reisenden das Leben minder sauer machen. Es gibt in Schlesien, im Norden, im Westen landschaftliche Schönheiten. Von Österreich und Tirol zu schweigen, wo die Valuta für uns günstig ist. Bayern hat kein Monopol. (...) Was da unten verübt wird, ist klarer Preußenhaß der dümmsten und politische Eisenstirnigkeit der schlimmsten Sorte. Aber brauchen wir das Land -?

Fahrt nicht mehr nach Bayern, wenn man euch schikaniert! Boykottiert es. Und wenn ihr schon eine längere Reise macht, dann fahrt nach Italien. Der Stand der Münze ist dort nicht allzu hoch, die Reise ist nur ein wenig teurer, und die Menschen und ihre Beamten behandeln euch anständig und höflich. Und besser als der bayerische Bundesstaat.

Wollt ihr euer Geld Leuten in den Rachen werfen, die euch belästigen?"

© SZ vom 16.10.2020/tmh

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