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Kunstsammler zwischen Allmacht und Ohnmacht:Sultan im Swinger-Club

Große Kunstsammler wirken auf ihren Shoppingtouren mitunter wie Eunuchen im Bordell: Denn begabtes Kaufen heißt noch nicht Verstehen. Von Manfred Schwarz

Große Kunstsammler, so hat einmal Francis Haskell bemerkt, erscheinen umso sympathischer, je größer der historische Abstand zu ihnen ist. Nicht anders verhält es sich mit den berühmten Herzensbrechern und Fraueneroberern wie Casanova oder Rubirosa: Im Lauf der Zeit verlieren sich die vielleicht weniger schönen Züge ihres Wirkens; abgekoppelt von den konkreten Begleitumständen, bietet sich ihr Lebenswerk der Nachwelt zur Verklärung an. Beide, die Kunstsammler wie die Herzensbrecher, werden dann vor allem wegen ihres Geschmacks gerühmt und wegen ihrer Omnipotenz, die sie zu solch beeindruckender Beute befähigte. Nicht anders als bei den Triumphzügen im antiken Rom stehen wir atemlos am Straßenrand und bestaunen, wenn der Krieg vorüber ist, die versammelten Trophäen.

Noch heute kann sich derjenige, der sein Geld für Kunst ausgibt statt für Luxusautos oder Prunkvillen, einen moralischen Bonus erwerben. Weil in unseren, noch immer von der Kunstreligion des romantischen Zeitalters geprägten Augen, ein Kunstwerk zwar einen materiellen Wert besitzen mag. Noch mehr aber einen ideellen. Wir belächeln den im Parkverbot abgestellten Ferrari als protziges Statussymbol; das im Zweifelsfall teurere Richter-Gemälde über den Lederfauteuils bewundern wir als Ausdruck einer höheren Form von Menschlichkeit.

Wenn derzeit - dies ist zu Recht kritisiert worden - zunehmend die Sammler als eigentliche Stars der Kunstszene in Erscheinung treten, so hat dies natürlich mehrere Gründe, nicht zuletzt die heillose Ankaufsimpotenz der Museen. Voraussetzung dafür sind aber zwei Entwicklungen: Dass sich mit dem Kunsterwerb nachdrückliche Kompetenz in Lifestyle-Fragen demonstrieren lässt - wie verstaubt mutet dagegen der Begriff Kennerschaft an - und, da der Kunstmarkt boomt, und die Preise immerzu steigen, eine geradezu sultanische Omnipotenz in Zeiten knapper Kassen.

Zurschaustellung phantastischer Omnipotenz

Man muss sich dieser Akzentverschiebungen bewusst sein, um der Flut von in die Öffentlichkeit drängenden Kunstsammlern mit der nötigen Reserve zu begegnen. Und den Elogen, die sie begleiten. Denn diese besondere "Spezies" von "Kunstbeseelten", die sich durch einen "talentierten Blick" auszeichnen - so liest man etwa im Katalog zur Düsseldorfer Ausstellung "Die Kunst zu sammeln" - müssen vor allem eines haben: Kaufkraft. Diese zu besitzen ist natürlich kein Makel. Aber sie verhilft nicht unbedingt zu einer interessanteren Persönlichkeit. Ohnehin lässt uns die Zurschaustellung "phantastischer Omnipotenz" (Werner Muensterberger), beim Großwildjäger wie beim Sammler, hinter der Trophäenkollektion vor allem einen Eunuchen vermuten.

An Eunuchen im Swinger-Club lassen deshalb auch viele Kunstsammler denken, die durch den Erwerb, den Besitz von Diskussionsbeiträgen in Form von Kunstobjekten sich schon als "geistige Teilhaber an den Problemstellungen" ihrer Zeit verstehen, wie es ebenfalls im Düsseldorfer Katalog heißt. Sie sind und bleiben aber zunächst einmal mehr oder weniger begabte Käufer. Konsumenten. Konsumvirtuosen.

Auch Rolf Ricke, der mit seiner Kölner Galerie seit den späten sechziger Jahren einen bahnbrechenden Beitrag zur Rezeption der amerikanischen Minimal Art und Konzept-Kunst leistete - von Donald Judd und Richard Serra bis zu Barry Le Va und Richard Artschwager - meint in der derzeit florierenden Szene der privaten Kunstsammler vor allem "Käufergeschichten" zu erkennen. Dass seine eigene Sammlung, welche er neben seiner Galeristentätigkeit aufbaute, weder gefühliger Verklärung noch Potenzprotzerei bedarf, um als ein ebenso eminenter wie ganz spezieller, kunsthistorische Entwicklungslinien sichtbar machender Werkblock zu erscheinen - das lässt sich derzeit im Frankfurter Museum für Moderne Kunst besichtigen.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich Kunstsammler am besten schätzen lassen.

Bildergalerie

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Gemeinsam mit den Kunstmuseen von St. Gallen und Vaduz wurde voriges Jahr die aus 180 Objekten bestehende Sammlung Ricke erworben, die sich zuvor - geschlossen und Begehren weckend - als Leihgabe im Neuen Museum von Nürnberg präsentieren durfte. Wie sehr dieser Coup, der in Nürnberg Entsetzen zurückließ, zur Belebung der über die Landesgrenzen hinweg kooperierenden Museen beiträgt, weiß die Neueinrichtung des Frankfurter Sammlungsbestands vorzüglich zu veranschaulichen. Rund 60 Arbeiten aus der Ricke-Sammlung sind neben anderen Neuerwerbungen der Sammlung in den Parcours eingefügt, darunter nicht nur jene, die, bei der Aufteilung der schönen Beute, dem MMK zugeschlagen wurden.

Schöne Beute

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Es gibt Reis, Baby!

Mit dem Schwerpunkt auf die amerikanische Kunst seit der Pop-Art, ergänzt durch Objekte und Positionen aus dem Ricke-Konvolut - Kapitales von Richard Serra oder Dan Flavin, Fast-Vergessenes von Bill Bollinger, Barry LeVa oder Gary Kuehn, Jüngst-Entdecktes oder Wieder-Entdecktes von Lee Lozano oder Cady Noland - bietet das MMK derzeit ein bestechendes Panorama. Und ein Exempel dafür, wie inspirierend für ein Museum die Integration einer privaten Sammlung ausfallen kann. Rolf Ricke war eben in erster Linie ein Akteur, Entdecker und Wegbereiter - ein professioneller Sichter und Filtrierer. Zwar mit einem sehr persönlichen Blickwinkel, aber auch mit der Umsicht eines Museumsleiters, dessen Handwerkszeug die Pinzette ist.

Auch im Museum Kunstpalast, wo sich derzeit ein Panorama moderner Kunst zwischen der klassischen Moderne und der Gegenwart ausbreitet - ausgewählte Kunstschätze aus Düsseldorfer Sammlungen, von Privatleuten oder Unternehmen - lassen sich gelegentlich konkretere, eindringlichere Sammlerprofile fassen. Jürgen H. Meyer etwa, von dessen splendider Fluxus-Sammlung gleich ein großer Ausschnitt, im originalen Arrangement, gezeigt wird. Oder Axel Haubrock. Ansonsten aber dominieren zwei Eindrücke den Rundgang durch diesen bunten, allzu bunten Reigen zwischen Rheinischen Expressionisten und Becher-Schule, zwischen Russischem Konstruktivismus und jüngster Szene mit Stars wie Daniel Richter, Neo Rauch oder Jonathan Meese: Welch wirklich vorzügliche Einzelwerke sich mitunter in den Privatvillen oder Verwaltungssitzen der Stadt befinden - Meisterliches von Robert Delaunay oder Otto Mueller, rare Blätter von George Grosz oder Otto Dix, Monumentales von Thomas Struth oder Andreas Gursky - und wie vieles daneben nur einfach beliebig anmutet.

Vor allem aber, wie verklärend, salvierend das Kunstsammeln hier vorgeführt wird, der Erwerb und Besitz von Kunstwerken. Als ob man wirklich dazu eine höhere Stufe des Daseins erreichen müsste und nicht vor allem eine des Einkommens. Als ob man dafür gar, wie sich eine Sammlerin zitieren lässt, ein spezielles "Kunstgen" haben müsste. Aber wie hat schon Francis Haskell gemeint: Aus gebührendem historischen Abstand lassen sich Kunstsammler am ehesten schätzen.

"Die Kunst zu sammeln", bis 22. Juli, Museum Kunst Palast, Düsseldorf. Info: Tel. 0211 / 8924242. Katalog 26 Euro. "Das Kapital. Blue Chips & Masterpieces", Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, bis 26. August. Info: Tel. 069 / 212 304 47. Kein Katalog.