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Kunstprojekt:Tempel der Kunst

Der Maler Bernd Zimmer hat eine Vision: Mitten in der Natur bei Polling will er eine Halle errichten, die von 169 individuell gestalteten Säulen getragen wird. Kreative aus aller Welt sind angefragt, darunter Marina Abramović

Polling ist in vielerlei Hinsicht ein begünstigter Ort. Nicht nur, weil Thomas Mann das Klosterdorf als fiktives Pfeiffering in seinem Roman "Doktor Faustus" verewigte und es sehr reizvoll mitten im Pfaffenwinkel liegt; das Dorf verfügt auch über beachtliche Sehenswürdigkeiten, den berühmten Bibliothekssaal etwa, den traumhaften Fischerbau oder das Dream House im Regenbogenstadel. Jetzt kommt eine großartige weitere Attraktion hinzu: Der Maler Bernd Zimmer, Bürger der Gemeinde seit 1984, hat sich entschlossen, unweit des Dorfes mitten in der Natur einen Lebenstraum zu realisieren: eine Halle, getragen von 169 individuell gestalteten Säulen, geschaffen von Künstlern aus allen Kontinenten. "Ein Zeichen der Solidarität und Völkerverständigung in Zeiten der Migrationsströme und Flüchtlingsbewegungen", sagt Zimmer in einem Video, in dem er um Sponsoren für das Projekt wirbt.

200 Meter von der Ammer entfernt mitten in einer Wiesen- und Ackerlandschaft liegt das 35 000 Quadratmeter große Grundstück, das Zimmer für seine "Stoa" (griechisch für bunte Vorhalle) gekauft hat. Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass es ihm gelungen ist, dort eine Baugenehmigung zu erhalten. Die hat er längst in der Tasche - "doch, es gab schon kleineren Widerstand" (Zimmer). Inzwischen ist die Planung weit fortgeschritten, Baubeginn soll, hofft er, im Herbst sein. Und spätestens 2020 wandern die Besucher dann von einem Parkplatz am Ortsrand Pollings Ammer aufwärts bis zu einer Schleife, einem stillgelegten Flussarm, und genießen von dort den ersten Blick auf die Säulenhalle. "Mir ist es wichtig, dass an diesem Ort die Einzigartigkeit der Natur gleichzeitig mit der Kunst wahrgenommen werden kann", sagt der 70-Jährige. Eintritt kostet dieses doppelte Vergnügen nicht.

Das Nebeneinander unterschiedlicher Vorstellungen von Kunst, erfahrbar in der schlichten Form einer Stele, soll in der Säulenhalle "Stoa 169" Wirklichkeit werden. Screenshot: Video Stoa 169, stoa 169-Stiftung

Über das Projekt denkt er seit vielen Jahren nach. Als er im Winter 1989/90 erstmals nach Südindien reiste, beeindruckten ihn die Tempel der Hindus tief. Ihn faszinierten weniger die tief im Inneren liegenden Heiligtümer,als die Säulenvorhallen, in denen die Pilger, vor Sonne oder Regen geschützt, saßen, und meditierten wäährend sie warteten, bis sie ins Zentrum vorgelassen wurden. "Ich fand diese Anlagen unheimlich aufregend", sagt Zimmer. Denn jede Säule - mal waren es hundert, mal tausend - ist individuell gestaltet, erzählt von Göttern, ihren Kämpfen, Niederlagen und Siegen, von erotischem Begehren und Liebe. Damals habe er den Plan entwickelt, eine Künstlerhalle zu bauen, allerdings schwebten ihm noch 1000 Säulen vor, erinnert sich Zimmer. An Gründen, die Umsetzung der Idee zu verschieben, mangelte es ihm nicht. Nachdem er vor drei Jahren noch einmal die Tempelanlagen aufgesucht hatte - "sie wirkten ein bisschen verwahrlost auf mich" - beschloss er, nicht mehr länger mit der Verwirklichung der Idee zu warten.

169 Säulen werden das Dach der Halle tragen. Zimmer legt großen Wert auf die ungerade Zahl, die quadratische Fläche definiert sich durch die 13 auf 13 angeordneten Säulen. Mit Esoterik habe weder das Zahlenspiel noch das gesamte Projekt etwas zu tun, sagt Zimmer. Existenzielle Fragestellungen interessieren ihn seit jeher. Nach seiner Ausbildung zum Verlagsbuchhändler und noch vor seiner Zeit als "junger Wilder" in Berlin studierte er Philosophie und Religionswissenschaft. Erst danach gründete er mit Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und anderen 1977 die Galerie am Moritzplatz, ein Künstlerselbsthilfeprojekt. Zimmer ist übrigens einer der wenigen damals hoch gehandelten Vertreter der "Heftigen Malerei", der es verstand, sich den Erfolg, auch in wirtschaftlicher Hinsicht, zu bewahren.

Berg: Bora Haus Kunstwerk des Monats von Bernd Zimmer

Bernd Zimmer

(Foto: Nila Thiel)

Dieser Realitätssinn und seine ausgezeichnete Vernetzung ermöglichen es ihm jetzt, die Idee umzusetzen. Die Liste der angefragten Künstler liest sich wie ein Who's Who der zeitgenössischen Kunstszene, reicht von Marina Abramović (Belgrad) bis zu Beat Zoderer (Zürich). Inzwischen hätten 80 Künstler zugesagt, sich mit einer Säule zu beteiligen; wer es ist, möchte Zimmer noch nicht sagen. Im bereits erwähnten Video tauchen drei auf: der Schweizer Bildhauer Roman Signer, der indische Künstler Subodh Gupta, bekannt für seine Installationen aus Edelstahlgeschirr, und der englische Land-Art-Künstler David Nash. Zimmer wählt die Künstler nicht allein aus. Ihm steht eine Fachjury zur Seite, in der auch Kunsthistoriker Walter Grasskamp und Corinna Thierolf, Kuratorin für die Kunst ab 45 an der Pinakothek der Moderne, sitzen.

Die ausgewählten Künstler entwickeln jeweils eine 3,90 Meter hohe Säule. Was Gestaltung, Material, Form und Technik betrifft, sind sie völlig frei; allerdings sollte der maximale Durchmesser nicht mehr als 91 Zentimeter betragen. Errichtet und betrieben wird die Halle von der bereits 2016 gegründeten gemeinnützigen "Stoa 169 Stiftung". Sie übernimmt Bau- und Erschließungskosten, die eine Infobroschüre mit 9,7 Millionen Euro beziffert. Nur die Kosten für die Säulen sollen Förderer und Paten übernehmen.

Die Ausgaben für den laufenden Betrieb sind inklusive Instandhaltung und Veranstaltungen auf 140 000 Euro pro Jahr veranschlagt. Nicht wenig Geld also, das die Stiftung aufbringen muss. Aber Zimmer ist zuversichtlich, zumal Landkreis und Gemeinde hinter dem Projekt stehen; auch aus dem Kulturfonds Bayern erhielt er im Vorjahr bereits einen 470 000-Euro-Zuschuss. Aber dafür erhält Polling "eine Insel des freien Diskurses" (Zimmer). Und welches andere Dorf hat das schon.