Kunstmesse Tausend Karat

"Natürlich entstandene Skulptur": Ein 4,6 Milliarden Jahre alter Meteorit aus Nordafrika.

(Foto: Courtesy Art Ancient)

Die Londoner Masterpiece ist eine Art Wunderkammer für das 21. Jahrhundert. Sie lockt Sammler mit eleganten Luxusbooten und Meteoriten, damit sie mit Matisse-Akten gehen.

Von Alexander Menden

Die Londoner Messe Masterpiece betritt man durch einen Vorhang aus Trockeneis, auf den das Antlitz der Künstlerin Marina Abramović projiziert ist. Dahinter sind fünf Alabasterblöcke arrangiert, in die ebenfalls Abramovićs Gesicht mit verschiedenen theatralischen Ausdrücken hineingefräst wurde. "Five Stages of Maya Dance" heißt die Arbeit, die Abramović gemeinsam mit dem spanischen Digitalkunstlabor Factum Arte und der Lisson Gallery in Chelsea präsentiert. Es ist ein recht spektakulärer Einstieg in die Messe, deren Anspruch es seit jeher war, ein möglichst umfassendes Angebot, von zeitgenössischer und alter Kunst, über Uhren, Schmuck, Mobiliar und diverse Luxusgüter zu bieten.

Beim Gang durch das riesige klimatisierte Zelt, das aus diesem Anlass jeden Juni in den Gärten des Chelsea Hospital errichtet wird, gewinnt man den Eindruck, dass sich das Angebot im Vergleich zu früheren Jahren in Richtung des bewährten Spitzenniveaus für Kunstmessenware eingependelt hat. Aber natürlich gibt es auch dieses Jahr wieder ein Riva-Tritone-Boot, diesmal eines von 1961, das einst der italienischen Speiseeismaschinenfabrikantenfamilie Carpigiani gehörte (395 000 Pfund). Und selbstverständlich kann man auch wieder allerlei bizarre Entdeckungen machen. Unter anderem auf dem Stand von ArtAncient, die sich auf "natürlich entstandene Skulpturen" spezialisieren. Dazu gehören fossile Abdrücke von Farnwedeln, ein Meteorit und, wie es auf dem Schildchen heißt "Tausende von Karat eines ungeschliffenen Stücks Mondgestein", das 55 000 Pfund kostet.

Ungewöhnlich ist auch die Skulptur eines anthropomorphen Froschs aus der St. Petersburger Fabergé-Werkstatt. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, besteht der Körper aus einer rauen Sandsteinkugel mit Silberbeschlägen für Beine, Arme und Kopf. Sein Rücken ist ausgehöhlt und bietet so Platz für ein dickes Bündel Streichhölzer. Denn nichts anderes ist der Frosch: eine luxuriöse Reibefläche. Der Preis, sagt die Dame vom Anbieter Wartski, dem Juwelier der Queen, sei "nicht zur Veröffentlichung bestimmt". Man darf aber vielleicht so viel verraten: Beim Tausch gegen das Riva-Boot bliebe nicht viel Wechselgeld übrig.

Philip Hewat-Jaboor, der gesprächsfreudige und distinguierte Aufsichtsratschef der Masterpiece, findet die Mischung des Angebots jedenfalls genau richtig: "Die Uhren und Boote bringen eine Gruppe von Kunden, die sich vielleicht sonst nicht für eine Messe wie unsere interessieren würden", sagt er. "Sie kommen, sie schauen sich um, sie lernen. Wir hatten bei der privaten Vorschau einen jungen indischen Sammler hier, der noch am selben Abend etwas gekauft hat."

Solche Kurzentschlossenheit jener reichen Kunden, die als sogenannte "Cross-Collectors" gelten, wird nach Hewat-Jaboors Ansicht besonders durch gemeinsame Stände verschiedener Aussteller angeregt, von denen es diesmal einige gibt. Zum Beispiel die Kooperation zwischen Daniel Crouch Rare Books und Les Enlumineurs, zwei Teilnehmern mit einem, wie Hewat-Jaboor sagt, "etwas esoterischen" Angebot. Doch die Mischung aus alten Karten, illuminierten Buchseiten und mittelalterlichen Artefakten funktioniert sehr gut: Ein Astrolabium aus dem 16. Jahrhundert, geschaffen in der Pariser Werkstatt von Philippe Danfrie (75 000 Pfund) passt durchaus zu den aufwendigen, wenn auch nicht immer ganz korrekten Weltkarten aus der frühen Neuzeit.

Die Bemühungen der Messeleitung, die Aussteller dazu zu bringen, einen Preis an ihre Stücke zu schreiben, machen indes nur langsame Fortschritte. William O'Reilly, ein Brite, der in New York für den Londoner Händler Dickinson arbeitet, sieht kein Problem darin, "bis zu einem bestimmten Preissegment" Zahlen neben die Kunstwerke zu kleben. 1,2 Millionen Pfund soll das erst kürzlich vom deutschen Experten Klaus Ertz in seiner Echtheit bestätigte Gemälde "Die Stube des Steuereintreibers" von Jan Brueghel dem Jüngeren kosten. Für eine wunderbare Matisse-Aktstudie sollen es 3,75 Millionen sein. Nur beim Vorzeigestück, einem "Weiblichen Kopf" von Picasso (1967), muss man nachfragen: Zwölf Millionen Dollar ist der Preis.

Bei Hauser & Wirth, die in diesem Jahr erstmals unter den Ausstellern sind, ist man mit Preisauskünften sehr zurückhaltend: "Wir sind einfach grundsätzlich sehr diskret", erklärt Direktor Neil Wenman. Ein Mitarbeiter am Stand verrät aber so viel, dass eines der Highlights ein 2004 von Louise Bourgeois aus Stoffresten gewirkter Kopf in einer Glaskugel sei.

Angesprochen auf das insgesamt eher besorgniserregende politische Weltgeschehen, sagt Philip Hewat-Jaboor, es habe keinen merklichen Einfluss auf die Geschäftslage der Masterpiece: "Unsere Aussteller und Besucher sind sehr kosmopolitisch und international, sie haben Häuser in vielen Ländern. Trotz kurzzeitiger politischer Unruhen sei die Messe eben "eine unvergleichliche Gelegenheit, exquisite Kunst" zu erwerben. "Hier geht es vor allem um Schönheit", postuliert er. "Die übersteigt alles Finanzielle und auch die Politik!"

Doch ganz unberührt bleibt die Publikumsmischung der Masterpiece natürlich doch nicht von den jüngsten internationalen Spannungen, Sanktionen und drohenden Handelskriegen. Die Anzahl der russischen Kunden sei auf jeden Fall zurückgegangen, verrät ein britischer Galerist. Und ein amerikanischer Kollege vermutet, dass der Brexit sich mittelfristig auch auf den Standort London als europäischen Kunstmarkt-Knotenpunkt auswirken werde:

"Als bei der Tefaf in Belgien die Mehrwertsteuer auf 13 Prozent angehoben wurde, haben alle amerikanischen Händler ihre Waren einfach durch London in den EU-Binnenmarkt geschleust", erzählt er. "Hier in Großbritannien zahlt man nur fünf Prozent. Die Belgier haben ihre Erhöhung rasch rückgängig gemacht, weil ihnen die Steuereinnahmen wegbrachen. Wenn die Briten aber aus dem Binnenmarkt aussteigen, verlieren sie diese Sonderstellung als Tor zur EU." Der Kunstmarkt sei "sehr flexibel", erklärt der Amerikaner. Da würden gegebenenfalls sicher rasch "andere Lösungen" gefunden.

William O'Reilly von der Galerie Dickinson bringt es auf den Punkt: "Uns geht es wie allen anderen - wir haben keine Ahnung wie sich die politische Lage entwickeln und wie sie sich auf unser Geschäft auswirken wird."