Süddeutsche Zeitung

Kunstmesse:Hier kauft Münchens höfische Gesellschaft

Nach einigen schwächere Jahren läuft die Highlights in der Residenz wieder zu alter Form auf. Nur die Konkurrenz der New Yorker Tefaf trübt das Bild.

Man darf ruhig ein bisschen euphorisch werden ob der Münchner Highlights-Messe, sie ist ein großes Vergnügen. Auch wer Paris oder Florenz kennt, dürfte genug Staunenswertes entdecken. Denn so klein der Teilnehmerkreis mit rund 40 Ausstellern, so überragend ist bisweilen das Angebot. Und hier hat die Alte Kunst ein entscheidendes Wort mitzureden.

Sie war schon fast auf eine Schwundstufe abgemagert, hat aber in diesem Jahr neuen Glanz gewonnen: mit dem Rückkehrer Röbbig, der Münchner Weltfirma für frühe Porzellane; mit dem neugewonnenen Spezialisten für Goldschmiedewerke und Kunstkammerstücke, Dario Ghio aus Monte Carlo; und mit dem erst zum zweiten Mal teilnehmenden Senger aus Bamberg. So lässt sich dann auch eher verschmerzen, dass die Münchner Firmen Böhler, Kunstkammer Laue, und Daxer & Marschall, die in den nächsten Tagen auf der Tefaf in New York zu Gast sind, für die Messe verloren sind.

Wer will, kann sich hier einrichten wie die Mätresse des Herzogs von Orléans

Hat man Münchens ewige Baustellen erst mal überwunden, ist der Empfang in der Residenz wie immer prächtig. Moderne und Alte Kunst sind in ein spannendes Gegenüber gebracht; entsprechend anregend gerät der Gang über die Messe. Eine der ganz großen Schatzkammern hat Peter Mühlbauer aus Pocking eingerichtet. Wo, wenn nicht im Museum, hätte man schon eine lebensgroße Skulptur des Rokokobildhauers Johann Baptist Straub vor Augen? Wo sonst könnte man sich einrichten wie die Mätresse Ludwis XV., mit einer charmanten weiß-blauen Lackkommode des Pariser Ebenisten Mathieu Criaerd, deren Gegenstück im Louvre zu finden ist? In der höfischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts bleibt man auch bei den Porzellanspezialisten Langeloh Porcelain und Röbbig. Wollte man nur ein Spitzenstück aus dem grandiosen Angebot von Röbbig herausheben, wäre es das Ensemble von drei Meißner Augustus-Rex-Vasen, exklusiv für den sächsischen König produzierten Stücken. Sie stammen aus dem Besitz der Marquise de Parabère, der Mätresse des Herzogs von Orléans, was sich im Preis von 1,4 Millionen Euro niederschlägt.

Franke-Landwers aus Bamberg rückt meisterhafte, zu ihrer Zeit in ganz Europa begehrte Möbel aus der Werkstatt von Vater Abraham und Sohn David Roentgen in den Mittelpunkt und hat für den, der nicht gleich mit 86 500 Euro für einen Schreibtisch einsteigen will, zwei ebenso perfekt gearbeitete Schatullen auf Lager, die ab 24 800 Euro zu haben sind.

Mit Golddosen und Miniaturen in verführerischer Auswahl und einer eindrucksvollen Gruppe barocker Elfenbeinskulpturen stellt sich Dario Ghio vor. Dazu zählt ein monumental wirkender Corpus Christi des Meisters von Guadalcanal und ein kleines niederländisches Elfenbeinrelief des frühen 18. Jahrhunderts, das die Flucht des Aeneas aus dem brennenden Troja schildert (130 000 Euro).

Eine kleine kunsthistorische Sensation hat der Barockspezialist Jungbauer aus Straubing im Gepäck: eine in 50 Jahren zusammengetragene Sammlung von 17 Holzskulpturen und Tonbozzetti des in Böhmen und Prag als einer der bedeutendsten Bildhauer gefeierten Ignaz Franz Platzer. In einem Katalogheft sind die Früchte seiner Passion noch einmal versammelt, bevor sie wohl auf immer zerstreut werden, so die schöne Heilige Barbara aus Buchsbaumholz von 1755, von der eine fast identische Version in der Prager Nationalgalerie zu sehen ist (95 000 Euro).

Als eines der kühnsten Schnitzwerke im spätgotischen Skulpturenprogramm von Senger überrascht der Torso eines Altarretabels mit gekreuzigtem Schächer von 1520 (58 000). Doch zeigt sich die Bamberger Firma mehr als Generalistin, mit feinen Vitrinenobjekten oder auch einem Gemälde des 18. Jahrhunderts, das darstellt, wie einst die Tänzerin Barberina dem preußischen Hof und Friedrich dem Großen selbst den Kopf verdrehte, festgehalten von einer Malerin mit dem klingenden Namen Barbara Rosina Lisiewska Mathieu de Gask (480 000).

Fast übergangslos landet man im 20. Jahrhundert. Malerei der Moderne und Nachkriegskunst stellt überwiegend das Angebot. Während bei Kunkel mit Franz von Stucks "Judith und Holofernes"-Version von 1927 (350 000) der Münchner Symbolismus letzte Regungen zeigt, stehen bei Wienerroither & Kohlbacher die Heroen der Wiener Moderne, Klimt und Schiele, mit Zeichnungen parat. Sie werden aus aktuellem Anlass von einer schönen Kubin-Wand ergänzt mit zwölf Arbeiten des Künstlers von 1902 bis 1920 (9000 bis 95 000). Das entsprechende Mobiliar, zwei elegante Sessel und ein Schreibtisch von Kolomann Moser, bietet die Galerie bei der Albertina Zetter (23 000 und 38 000).

Die Holzschnitte von Franz Marc stammen aus dem Nachlass von Lyonel Feininger

Die Galerie Thomas zählt sicherlich zu den renommiertesten Adressen für deutschen Expressionismus. Mit Wassily Kandinskys früher Rapallo-Ölskizze von 1906 und Gabriele Münters "Herbstlandschaft mit braunem Baum" von 1931 wird sie ihrem Ruf gerecht. Allerdings lenkt sie diesmal den Blick verstärkt auf Papierarbeiten wie Paul Klees Aquarell "Bildnis einer Veilchenäugigen" (1921, 775 000) oder Heinrich Campendonks "Zwei Radfahrer" (1914, 198 000).

Auch sonst ist das Angebot an Papierarbeiten stark. Eine Entdeckung hat der Hamburger Handzeichnungs-Spezialist Moeller parat, der sich für das technisch stupende, zwischen Realismus und Surrealismus changierende Werk Richard Müllers (1874 - 1954) starkmacht.

Überragende Druckgrafik des Blauen Reiters, neun Holzschnitte von Franz Marc, offeriert der Hamburger Thole Rotermund. Sie gingen in den Zwanzigerjahren, von Maria Marc von den Originalstöcken abgezogen, als Geschenke an Lyonel und Julia Feininger, wurden von der Familie gehütet und sind nun aus dem Nachlass von T. Lux Feininger, dem jüngsten Sohn, auf den Markt gelangt. Darunter sind etwa der Farbholzschnitt "Geburt der Pferde" in starken Rottönen (1911/12, 48 000) oder "Ruhende Pferde" in tiefem Blau-Grün-Schwarz (1911/12, 168 000).

Während die Fotografie bevorzugt mit konventionellen Positionen auf sich aufmerksam macht, zeigt Florian Sundheimer an seinem Stand, wie bestechende Qualität jenseits des Mainstreams aussehen kann. Die zeitgenössischen Plastiken von Michael Croissant oder Herbert Peters stammen aus den Ateliers der Künstler; die älteren Arbeiten durchweg aus interessanten Sammlungen: gute Blätter von Kirchner und Baumeister, sehr ausgesuchte Spätwerke von Paul Klee (40 000 bis 150 000 Euro) oder Ernst Wilhelm Nays Leuchtfeuer farbiger Scheiben, ein Aquarell von 1962. Es wurde vom Vater des Besitzers direkt im Atelier des Künstlers erworben und wird jetzt für 82 000 Euro angeboten.

Highlights. Residenz, München. Bis Sonntag.

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Quelle:
SZ vom 20.10.2018
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