Süddeutsche Zeitung

Kunstmarkt:Zerstört ihr Spiel

Petr Aven, Milliardär und Sammler, spricht über seinen Kampf gegen Kunstfälscher und von seinem großen Traum.

Dass der Markt für sowjetische Avantgarde durch Fälschungen schwer belastet ist, war in den vergangenen Jahren immer wieder Thema - zuletzt, als im Sommer 2013 in Wiesbaden tausende von mutmaßlichen Fälschungen sichergestellt wurden: Vom Prozess am Landgericht Wiesbaden, der vor einigen Wochen begonnen hat, erhofft sich die internationale Öffentlichkeit nun Erkenntnisse über internationale Fälscher-Ringe, die Kunstwerke im industriellen Maßstab produzieren und mit fragwürdigen Expertisen in den Kunstmarkt einschleusen. Solche Prozesse sind schwer zu führen: die ehemaligen Betreiber der SNZ Galeries in Wiesbaden, die jetzt vor Gericht sitzen, sagen, sie hätten mit authentischen Kunstwerken gehandelt, es gebe allerdings vor allem in Russland mächtige Sammler, die eine Konkurrenz frischer Ware auf dem Markt fürchteten. Petr Aven, Moskauer Bankier, ist ein Sammler, der einen Feldzug gegen Fälschungen führt.

SZ: Fürchten Sie, dass Ihre Sammlung an Wert verliert, wenn unbekannte Gemälde des Suprematismus und der russischen Avantgarde auf dem Markt auftauchen?

Petr Aven: Den Vorwurf kenne ich - als ich vor drei Jahren hier in London auf einer Messe ein Geschrei machte, weil ich Fälschungen von Werken Natalia Gontscharowas entdeckte, warf man mir das vor. Aber das ist natürlich Unfug. Schon weil ich gar keine suprematistische Kunst sammle. Seit den Neunziger Jahren allerdings beschäftige ich mich mit dem Paar Michail Larionow und Natalia Gontscharowa. Aber es geht nicht darum, sich mit seiner eigenen Sammlung durchzusetzen - es ist für einen Markt tödlich, wenn er verseucht ist mit Fälschungen. Weil man dann jedem neuen Werk mit Misstrauen begegnet. Mir ging es von Anfang an darum, eine Kollektion aufzubauen, die es in ihrer Qualität mit Museumssammlungen aufnehmen kann. Das wäre im Bereich des Suprematismus nicht möglich gewesen. Es gibt ja fast keine authentischen Werke von Malewitsch auf dem Markt.

Ist denn Suprematismus in Russland überhaupt gefragt?

Diese Kunst ist so teuer - es gibt nur ein paar Sammler wie Alexander Smuzikow oder Roman Abramowitsch, die besitzen suprematistische Werke.

Was schätzen Sie an Larionow und Gontscharowa?

Sie sind hervorragende Künstler, so gut wie Ernst Ludwig Kirchner in Deutschland - fast so etwas wie Expressionismus. Und die beiden sind die besten, wobei die Ehefrau Natalia Gontscharowa vielleicht ihrem Mann etwas nachsteht. Aber mich interessiert das Biografische nicht - es geht allein um die kunsthistorische Bedeutung, um Qualität. Und nicht darum, ob ich mich persönlich mit den Künstlern identifizieren kann.

Der Markt für diese Künstler ist auch mit Fälschungen durchsetzt - die Galerie SNZ, deren Inhaber und Geschäftsführer in Wiesbaden vor Gericht stehen, sollen auch mit gefälschten Werken dieser Künstler gehandelt haben.

Das war in Russland lange Zeit auch so: Seit zwanzig, dreißig Jahren zirkulieren Hunderte von - meist nicht einmal besonders gut gemachten - Fälschungen dieser Künstler. Mit märchenhaften Provenienzen: Sie sollen von Generälen versteckt worden sein, von hochrangigen Sowjet-Politikern. Aber das sind freie Erfindungen, ein paar dieser Geschichten habe ich überprüfen lassen. Keine stimmte. Dabei bin ich übrigens auch auf hochklassige Privatsammlungen gestoßen, die diesen Fälschungen aufgesessen sind. Und im Bereich der sowjetischen Avantgarde ist es eine Katastrophe, die sich anbahnt. Ein Beispiel: Anthony Parton, ein britischer Kunsthistoriker, hat ein Buch herausgegeben zur sowjetischen Avantgarde, das zahlreiche Fälschungen aufgenommen hat. Er weiß es einfach nicht besser, weil so viele falsche Gemälde zirkulieren. Der Betrug ist das eine - aber wir zerstören so unsere Kunstgeschichte, die vielen Fälschungen machen uns blind für Qualität.

Und was kann man tun?

Es braucht manchmal einfach etwas Mut. Wann immer mir Fälschungen angeboten wurden, habe ich sie - ganz buchstäblich - genommen und zur Polizei getragen. Damit wenigstens die Bilder weg sind. Es ist mir egal, ob die Händler - meist ohnehin nur das letzte Glied einer langen Kette - verurteilt werden oder nicht. Sie sollen einfach wissen, dass man ihr Spiel zerstört. An mich traut sich niemand heran, ich habe Bodyguards. Und ähnlich sind wir vorgegangen, wo auch immer sogenannte Experten oder sogar Museumsmitarbeiter falsche Bilder zugeschrieben haben: Wir haben ihnen ihr Geschäft kaputt gemacht, ihre Reputation zerstört. Niemand möchte mehr etwas mit ihnen zu tun haben. Durch radikale Öffentlichkeit. Das ist anstrengend und teuer. Aber es ist die einzige Antwort, es lohnt sich. Ich halte den Markt in Russland wieder für vergleichsweise sicher.

Und international?

Wir haben eine Stiftung für das Werk von Natalia Gontscharowa und Michail Larionow in London gegründet. Man muss, was an Wissen vorhanden ist - sowohl kunsthistorisch wie an technischer Expertise und vor allem auch in Bezug auf Fälschungen -, wesentlich besser international vernetzen. Letztlich geht es aber nicht nur um die Entwicklung von einer Datenbank oder Ausstellungen. Wir werden viele Werke nach Russland transportieren müssen, um sie in der Tretjakow Galerie oder dem Russischen Museum in St Petersburg - unzweifelhaften Adressen - mit authentischen Meisterwerken zu vergleichen.

Sie unterstützen in Russland die Arbeit von Museen?

Natürlich - aber nicht nur die Tretjakow Galerie, sondern auch das Puschkin Museum. Ich unterstütze viele öffentliche Einrichtungen. Russische Museen haben kaum Ankaufsetat. Sie können ihre Sammlungen nicht wirklich entwickeln. Das Puschkin Museum kauft sehr wenig, die Bürokratie braucht Jahre, es gibt kein Geld. Dabei sind die Wissenschaftler, die Kuratoren und Kunsthistoriker hervorragend - und übrigens auch immun gegen Fälschungen. Mein persönlicher Plan ist es allerdings, ein privates Museum zu gründen. Für meine Sammlung. Es ist ein Traum für mich, etwas zu hinterlassen wie Ronald S. Lauder in New York mit der Neuen Galerie. Mit Kunsthistorikern, mit Ausstellungsprogramm und einer ganz hervorragenden Sammlung. Ich weiß nur noch nicht, in welcher Stadt. Die Tretjakow Galerie in Moskau ist sehr bedeutend, sollte man da noch ein Museum daneben einrichten? Andererseits brauche ich die Beziehung zu einer Stadt, um dort meine Sammlung einzurichten. Und meine Frau stammt aus Moskau, meine Kinder sind dort aufgewachsen.

Und wer engagiert sich für die öffentlichen Museen?

Langsam erkennen private Sammler, dass es wichtig ist, Museen zu fördern, ihnen Kunst zu schenken. Und diese Menschen darf man nicht unterschätzen - es gibt hier unerreichte Vorbilder. Beispielsweise Sergej Schtschukin: Niemand hat um die Wende zum 20. Jahrhundert die internationale - vor allem die damals führende französische Moderne - mehr unterstützt als dieser Moskauer Sammler und Mäzen. Es gibt in Russland jetzt viele Sammler, sie entwickeln herrliche Kollektionen und sie werden sich großzügig zeigen.

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Quelle:
SZ vom 04.04.2015
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