bedeckt München 23°
vgwortpixel

Kunstmarkt:Luxusware

Auch Ai Weiwei macht in Porzellan und erinnert an das Tiananmen-Massaker.

(Foto: Jens Ziehe/Photographie)

Porzellandämmerung: Früher wollten alle Zwiebelmuster, heute kämpft die Branche ums Überleben und setzt auf den asiatischen Markt.

Röbbig ist jetzt in einen Palazzo im Stil der Neorenaissance gezogen. Das scheint ein wenig gegen den Trend zu sein, weil viele Antiquitätenhändler - ganz im Gegensatz zu Kunstgalerien für berühmte Zeitgenossen - gerade lieber kleinere Brötchen backen. Aber der Münchner Spezialist für frühe Porzellane glaubt an die Zukunft seines Sammelgebiets. Die Kunden aus aller Welt, so Mitinhaber Alfredo Reyes, sind glücklich, dass sie jetzt im Carolinenpalais an der Brienner Straße - ursprünglich von Gabriel von Seidl 1905 als Wohn- und Geschäftshaus für den Kunsthändler Böhler erbaut - Rokoko-Vögel von Kändler, Originale aus dem Brühl'schen Schwanenservice oder ein Kofferset mit japanisierendem Dekor aus der Anfangszeit der Meissener Manufaktur echt schlossmäßig shoppen können.

Die Wände sind neu mit venezianischer Seide von Rubelli bespannt. Darauf oder daneben prangen Stuckdetails von aktuellen norditalienischen Designern, Ideallandschaften von Jakob Philipp Hackert und französische Gemälde aus den Louis-Epochen.

Bisschen viel durcheinander vielleicht? Reyes lacht. Der Kunsthändlerjargon kennt für buntes Allerlei den versöhnlichen Begriff "eklektisch". Man müsse eben für alle Kunden etwas bieten. "Manche Käufer wählen nur, was ihnen gefällt." Röbbig ist seit fast 50 Jahren Experte für Porzellan aus Meißen. Für die historisch genauen Sammler sind zurzeit drei sogenannte Augustus-Rex-Vasen, einst ein Geschenk des sächsischen Hofs an Frankreichs König, das teuerste Angebot: 1,4 Millionen Euro.

"Heute kaufen die jungen Leute ihr Geschirr alle bei Ikea", sagt der erfahrene Sammler

"Luxus geht immer", sagt dazu Hartmut Lubcke. "Gebrauchsware, selbst wenn sie handbemalt ist, hat es dagegen heute schwer." Der Münchner Sammler muss es wissen. Er selbst kauft eher nicht bei Röbbig, sondern im Internet: "Da machen Kenner zwischen 1000 und 10 000 Euro ihre Schnäppchen". Lubcke besitzt mehr Meissener Zwiebelmuster-Geschirre der Jahre 1730 bis 1888 als jeder andere auf der Welt. Das "Zwiebelmuster" war mal das klassische Hochzeitsgeschenk der besseren Stände - in immer neuen Zeitstilen hergestellt, bis heute. 1870 konnten die Sprösslinge der Bürgerfamilien im Katalog noch zwischen 12, 18 oder 24 Gedecken wählen, und sie taten es zu Zehntausenden. Bambus, Lotos, Orchidee, Granatapfel und andere Früchte und Pflanzen nach chinesischen Vorbildern symbolisieren darauf in kobaltblauer Unterglasurmalerei Fröhlichkeit, Liebe, Ausdauer und viel Nachwuchs. Hilft aber nichts. "Heute kaufen die jungen Leute ihr weißes Geschirr alle bei Ikea", weiß Lubcke. "Und feiern tun sie lieber im Restaurant." 279 Euro kostet ein neuer Zwiebelmuster-Teller jetzt bei Meissen. Ein limitiertes Zwiebelmuster-Kaffeeservice für vier Personen in der aktuellen Variante "Noble Blue" kommt auf 1440 Euro. Zu viel für zu viele.

Auch weniger elitäre Fabriken leiden am digitalen Zeitalter. Die Porzellanindustrie ist seit Längerem mehr oder weniger in einer Art Abwicklung begriffen. Die Herstellung ist zu teuer, wenn nicht mehr verlässlich alle mit Geschenklisten die Nachfrage ankurbeln. Alte Marken fressen sich gegenseitig auf. Jeder kämpft gegen jeden, und alle gegen zwei Teufel namens Lagerbestand und Produktionsgarantie. So hat selbst ein von Walter Gropius entworfenes Kaffeegeschirr aus dem Jahr 1969 schon einiges mitmachen müssen an Sondereditionen. Rosenthal legte allerlei eigensinnige Dekore dafür auf, nicht erst zum Bauhaus-Jubeljahr. Wie die Streifen, die an die Fassade der (von Gropius gebauten) Rosenthal-Fabrik in Selb erinnern sollen. Wie die vergoldete Variante "Edition TAC Gropius Skin Gold". Oder wie "TAC Gropius Palazzo RORO II", benannt nach und bemustert mit dem geliebten Hausschwein der Besitzerfamilie. Auch wenn der auf Sachlichkeit abonnierte Gropius zum Ferkel mit der Goldkante jetzt womöglich im Grab rotiert.

Aber so viele verschiedene Editionen - lohnt dieser Aufwand für den Hersteller? Lubcke glaubt: nein. Architekten und Trend-Künstler retteten höchstens mal eine Saison oder bringen eine Marke modisch ein wenig ins Gerede. "Schon die Meissener Aufträge für Blaumalerei, die Richard Riemerschmid und Henry van de Velde um 1900 erhielten, liefen nicht gut und wurden rasch wieder eingestellt. Künstler oder Architekten arbeiten ja oft nicht sehr porzellangerecht". Immerhin, heute freuen sich die Auktionshäuser über rare und entsprechend heiß begehrte Stücke aus van de Veldes "Peitschenhieb"-Service oder Riemerschmids "Blaue Rispe".

Ein anderer wichtiger Faktor, der den Porzellanmarkt verändert hat, sind Käufer aus Schwellenländern. Wohlhabende Chinesen zum Beispiel, die in den letzten Jahren verstärkt zeitgenössische westliche Kunst erwarben, kaufen im Porzellanbereich in erster Linie uralte Exportware zurück, die sie als eigenes Kulturerbe entdecken. Lange vor 1708, als Böttger in Meißen endlich auch für Europa das Porzellangeheimnis entdeckte, gab es chinesisches und japanisches Proto- und Hartporzellan, das die Handelskompanien an die europäischen Fürstenhöfe lieferten. Sammler aus Asien schlagen heute vor allem bei der Qing-Epoche zu - das ist die Kaiserzeit im 17. und 18. Jahrhundert, als China am stärksten, reichsten und fortschrittlichsten war. Dafür nutzen sie Gelegenheiten wie 2011. Damals wurden von Sotheby's in Hongkong 80 Meisterwerke der berühmten, in der Schweiz beheimateten Meiyintang-Sammlung mit China-Porzellanen von vor 1000 bis zu den Song-, Yuan-, Ming und Qing-Dynasien versteigert. Das teuerste Stück, eine bunt bemalte Vase, brachte 23 Millionen Dollar.

Ab Dezember präsentiert der sanierte Zwinger in Dresden seine Porzellansammlung neu

Aber werden Ostasiaten irgendwann auch Porzellan aus Meißen kaufen? Vielleicht weiß man es nach der Wanderschau "White Gold! East and West Porcelain Capitals. From Jingdezhen to Meissen", zu der das Deutsche Keramik Museum beigetragen hat. Sie startet im Juli in Shanghai. Bis 2021 wird der historische Vergleich der beiden wichtigsten Porzellanzentren in Ost und West in fünf Großstädten im Reich der Mitte gezeigt. Aus Lubckes jüngster Zwiebelmuster-Ausstellung "Das Blau des Königs" ist ein Zweiergedeck mit Teetassen, Kanne und Zuckerdose dabei. Bisher sind nur die Japaner Feuer und Flamme für Zwiebelmuster, sagt Hartmut Lubcke. Isabella Hodgson, die die China-Tournee für das Museum mit vorbereitet, glaubt, dass sich durch die neue Seidenstraßendynamik noch einiges tun könnte. "Viele Chinesen werden die Meissener Produkte, in denen Chinas alte Dekore und Symbole aufleben, bei uns zum ersten Mal sehen."

Ohnehin ist 2019 ein Porzellanjahr. In Maastricht waren die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gerade mit fünf Meissener Luxusvasen zu Gast, die sie dem Publikum mit anderen Kollektions-Highlights als Appetizer vorführten. Denn zu Hause werden im September die wieder errichteten Paraderäume, die August der Starke 1719 für die Hochzeit seines Sohnes mit der Kaisertochter Maria Josepha von Österreich im Residenzschloss bauen ließ, eröffnet. Und ab Dezember präsentiert sich der sanierte Zwinger mit der neu arrangierten Porzellansammlung.

Porzellan als Markt bleibt indes schwierig einzuschätzen. Gibt es eigentlich neue Sammler? Alfredo Reyes vermutet "seine" nächste Generation eher als in Dubai oder Hongkong auf der Messe Brafa in Brüssel. "Sehr vielversprechend, dort waren wir im Januar zum ersten Mal". Auf der Münchner Highlights, der Tefaf und der New Yorker Armory Show hofft er hingegen, dass etwa der Louvre Abu Dhabi sein Herz für europäisches Porzellan entdecken könnte, der müsse doch für die Ära nach dem Öl westliche Touristen anlocken. Oder geht das übrige Sammlergeld künftig gar zu den amorphen Gebilden der Gegenwart? Auch das weiß noch keiner. Aber spätestens seit in den Neunzigern Thomas Schütte und Rosemarie Trockel auf Keramiken setzen - der Oberbegriff für Steingut, Steinzeug, Irdenware und Porzellan - ist das Material in der aktuellen Kunst ein Dauerbrenner. Und noch mehr seit der Kunstrevoluzzer Ai Weiwei 2010 tonnenweise handbemalte Porzellan-Sonnenblumenkerne in die Eingangshalle der Tate Modern kippen ließ. Oder, wie aktuell in seiner Düsseldorfer Schau und passend zum Jahrestag des Tiananmen-Massakers, Deko-Panzer auf Gartenvasen auffahren lässt. In kobaltblauer Unterglasurmalerei.