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Kunstmarkt:Luxuskunst

Die App "Magnus" soll abfotografierte Kunstwerke mit einer Datenbank abgleichen und somit Transparenz schaffen. Doch so entsteht der falsche Eindruck, dass das allein durch die Preisgabe der Kunstwerkpreise ermöglicht werde.

(Foto: PR)

Warum zahlen manche Sammler gerne Höchstpreise für Zeitgenössisches? Weil ein Werk gut sein muss, wenn es denn nur teuer genug ist.

Ein Captcha soll den Menschen von der Maschine scheiden. Häufig sind es erst jene sinn-freien, grafisch verzerrten Zahlen- und Buchstabenfolgen, nach deren Eingabe sich eine Webseite öffnet. So etwas wie Captchas für den Kunstmarkt will nun die nach dem selbst ernannten Kunstmarktspezialisten Magnus Resch benannte App bereitstellen. Mit ihr kann man ein Kunstwerk mit dem Handy abfotografieren und mit einer Datenbank abgleichen lassen. Den Usern werden daraufhin werkrelevante Daten angezeigt, darunter und vor allem der Preis und bei Werken auf dem Sekundärmarkt auch die Preishistorie. Die Datenmenge soll per Crowdsourcing entstehen und wachsen - sofern die Crowd mitmacht. Die Kombination aus Text und Zahlen, die Magnus ausspuckt, soll die Tore in den Kunstmarkt weit aufstoßen und, so das große Versprechen, für Transparenz sorgen.

Wie viele Produkte und Tools gerade im digitalen Kunstmarkt dürfte auch diese kostenlose App in erster Linie auf ihren eigenen Verkauf spekulieren. Dass sie mit markigen Sprüchen beworben wird, gehört dazu. Doch so entsteht der falsche Eindruck, dass allein die Preisgabe der Preise für Transparenz auf dem Kunstmarkt sorgen wird. Nun dürfte der Preis eines der am wenigsten gehüteten Geheimnisse des Kunstmarkts sein. Mit dem Auftreten des Internets traten auch Preisdatenbanken wie Artprice oder Artnet auf. Namentlich Artnet machte Transparenz zum Schlagwort und Geschäftsmodell. Heute stellen die meisten Auktionshäuser ihre Ergebnisse für jedermann ersichtlich und ohne Zahlschranke online. Und auch viele Galerien scheuen sich nicht, ihre Preise offen oder auf Nachfrage hin kundzutun. Aus just diesen Quellen dürften auch die Preise stammen, welche die App verbreiten will.

Undurchschaubar sind vor allem die psychologischen und ökonomischen Mechanismen, die bei der Entstehung der Preise eine Rolle spielen. Dass man bei Geldflüssen selten auf den Grund sehen kann, ist nicht nur ein Problem des Kunstmarkts. Doch es gibt immer mehr Autoren, die hier für Klarheit sorgen. Juristische Aufklärungsarbeit etwa leistet die auf Finanzmarkt- und Wirtschaftsstrafrecht spezialisierte Schweizer Anwältin Monika Roth mit "Wir betreten den Kunstmarkt". Der Untertitel ihres Buchs, "Geldwäscherei / Zollfreilager - Ein zu diskretes Geschäft? / Interessenkonflikte, Manipulationen und Preisabsprachen" spricht für sich. Wer ein Faible für Paragrafen hat, kann auch die Dissertation des auf Kunstrecht spezialisierten Anwalts Nicolai Kemle unter der spröden Überschrift "Kunstmessen: Zulassungsbeschränkungen und Kartellrecht" lesen. Unterhaltsamer, und an dieser Stelle schon besprochen, ist da beispielsweise die jüngste Publikation "Siegerkunst" von Wolfgang Ullrich, die dem wachsenden Einfluss einer hochgradig narzisstischen Sammlerschaft nachspürt.

Man kann sich Kunst ästhetisch und intellektuell aneignen. Oder mit viel Geld

Trotzdem haftet den Preisen für Kunst je nach Perspektive etwas Obszönes oder Magisches an, erst recht, wenn sie sich in Regionen bewegen, die für Höhenangst sorgen. Es gibt nicht viele Märkte, über die gleichermaßen im Feuilleton, Wirtschaftsmagazin und den bunten Blättern berichtet wird. Denn man hat es mit einer Ware zu tun, die den einen als Heilige, den anderen als Hure gilt. Teile der Kunstgeschichte haben die Kunst und ihre Schöpfer mit einer Reinheit ausgekleidet, die sämtliche ökonomischen Zusammenhänge ausblendet. Gleichzeitig erscheinen gerade diese ökonomischen Zusammenhänge ausgesprochen intransparent, und das auch, weil Kunst nicht den Regeln alltäglicher Produkte folgt. Was aber treibt manche Menschen dazu, Höchstpreise für ein Gut zu zahlen, bei dem das Prinzip von Angebot und Nachfrage nicht greift?

Kunst ist ein Luxusartikel, hier werden die meisten gängigen Wertmaßstäbe ausgehebelt. Ein hoher Preis verheißt bekanntlich hohen Status, ihn zu zahlen signalisiert ökonomische Macht und damit Distinktion. Welches Gut gekauft wird, ist dabei im Grunde zweitrangig. Das ist ein Grund, warum so viele Werke erworben werden, die inhaltlich und formal eher dürftig ausgestattet sind. Dass gerade aber die Spekulationskunst wenig eigenen Inhalt mitbringen muss, damit sie von ihrer eigenen Wertsteigerung erzählen kann, die zum eigentlichen Inhalt eines Werkes wird, ist oft genug beschrieben worden. Kunst ist ein Spiegel, in dem viele Käufer sich und ihre Ideale repräsentiert sehen wollen, und je profaner das Ideal, desto profaner auch das Werk.

Der Preis verspricht nicht nur Distinktion. Die Formel, dass ein hoher Preis auch einen hohen Konsumgenuss bedeutet, dem Kunden ein größeres Werterlebnis verspricht und somit auch beschert, ist die Grundlage sämtlicher teurer - oder überteuert scheinender - Marken und ihrer Erzeugnisse. "Das Werterlebnis bestimmt nicht nur den erzielbaren Preis, sondern umgekehrt stabilisiert ein hoher Preis auch ein hohes Werterlebnis", schreibt etwa der Unternehmensberater Otto Belz. Der Preis verheißt nicht nur ein besonders aufregendes Erlebnis, er ist Teil dieses Erlebnisses. Er wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Aber vielleicht ist bei der zeitgenössischen Kunst noch ein anderer psychologischer Faktor mit im Spiel. Denn im Gegensatz zu anderen Luxusartikeln verspricht die Kunst ja auch einen intellektuellen Mehrwert, so gering er auch manchmal sein mag. Ein Großteil der gegenwärtigen Kunstproduktion aber hat sich intellektuell - durch Überforderung, aber auch durch eine Unterforderung, die aber mindestens als Herausforderung maskiert wird - von großen Teilen ihrer Betrachter entfernt. Geld bietet eine gute Möglichkeit, sich ein Kunstwerk anzueignen, dem anders nur schwer beizukommen ist. So kann der Sammler seinem sphinxhaften Gegenüber ökonomische Überlegenheit demonstrieren und den Künstler zugleich zum Komplizen machen, indem er den - vermeintlichen - intellektuellen Abstand ökonomisch überbrückt. Somit wäre ein hoher Preis dann neben vielen anderen Dingen auch so etwas wie eine profitable Rache des Käufers am Künstler.