US-Künstler Richard Prince:Instagram-Bilder für 90 000 Dollar

Lesezeit: 3 min

Suicide Girls, Aktion gegen Richard-Prince-Kunst

Gegenaktion aus Ärger über die hohen Preise, die Prince abruft: Das Portal "Suicide Girls" verkauft seine Fotos nun selbst.

(Foto: suicidegirls.com)

Für seine Serie "New Portraits" bediente sich Richard Prince auf Instagram. Ist es in Ordnung, dass der Künstler für fremde Fotos Unsummen aufruft?

Von Catrin Lorch

Das Mädchen trägt kurze Shorts und posiert mit breit geöffneten Schenkeln auf dem Sattel ihres Motorrads. "Ich kann mich so gut daran erinnern", schreibt Richard Prince unter das Bild, das allerdings kein Souvenir aus seinem Album ist. Der Künstler hat es auf Instagram gefunden, wie auch den Schnappschuss einer Pummeligen im engen Badeanzug, unter das er: "Süß. Lass uns nächste Woche zusammen kommen", geschrieben hat.

Man kann das als literarisches Surplus zu einem zeittypischen Ready-Made verstehen - aber die knappen Formulierungen klingen vor allem wie Gedankenblasen, mit denen sich ältere Männer in solche Szenen hineinträumen.

Die knappen Reverien wirbeln derzeit die Kunstszene gewaltig auf. Aber nicht wegen ihres offensichtlichen Voyeurismus'. Richard Prince, einer der größten Sammler von Erstausgaben des "Lolita"-Autor Vladimir Nabokov, ist in den vergangenen Jahren schon oft für seinen Sexismus kritisiert worden. Diesmal allerdings vergreift er sich tatsächlich an Aufnahmen, die von vielen als "privat" empfunden werden.

Er hat sie auf Instagram gefunden, abfotografiert, gesammelt, kommentiert - um sie in seinem Studio als Inkjet-Druck auf eine Leinwandgröße von knapp zwei Metern Höhe zu bringen und auszustellen. Komplett mit dem Namen desjenigen, der sie hochgeladen hat, und den Kommentaren. Wobei es die Öffentlichkeit weniger entsetzt, dass Richard Prince das eigentümliche Verhältnis zwischen privat und öffentlich - wie es auf Instagram gepflegt wird - aus der Balance bringt, indem er einen Seitenpfad über Galerien und Museen öffnet, sondern dass er daran verdient.

Der Künstler hatte schon härtere Gegner in Sachen Urheberrecht

Dass die Motive von der Gagosian- Gallery - die sie im vergangenen Herbst erstmals als "New Portraits" in der New Yorker Filiale an der Madison Avenue präsentierte - mit einem 90 000 Dollar-Preisschild versehen wurden, erregt die Kritiker vor allem. Was rechtfertigt den Preis der farblich und im Schärfegrad leicht vermanschten Motive (Richard Prince fotografiert sie schlicht mit seinem i-Phone ab und lässt sie im Studio vergrößern)?

Seit Larry Gagosian der Serie jedenfalls auf der Frieze Art Fair in New York komplett seinen Stand frei räumte, ist die Szene in Aufruhr. Nicht nur, weil außer einem Motiv, das ein schwules Paar zeigte, alle sofort ausverkauft waren, sondern auch weil eine Abgebildete dem Künstler antwortete, via Instagram: "Ja, es ist ein Screenshot (kein Gemälde) meines originalen Posts. Nein, ich habe meine Erlaubnis nicht gegeben und ja, der kontroverse Künstler Richard Prince hat es trotzdem ausgestellt."

"Deine Instagram Fotos gehören nicht wirklich dir"

Richard Prince wird seine Modelle - die ja häufig genug auch die Fotografen der Motive sind - nicht am Erlös beteiligen. Warum auch, wird sich der 1949 geborene Altmeister der Appropriation Art fragen, der in der Vergangenheit schon härtere Gegner in Sachen Urheberrecht überwunden hat. Klassiker sind seine Fotografien von den Plakaten der Marlboro-Werbung, Cowboys, Pferde, Lagerfeuer. Professionelle, aufwendige Produktionen, die inzwischen allerdings als Klassiker auf Kunst-Auktionen bei Christie's oder Sotheby's für ein Vielfaches der ursprünglichen Fotografen-Honorare gehandelt werden dürften.

Dass Richard Prince entsprechende Auseinandersetzungen vor Gericht bislang für sich entscheiden konnte, ist das eine. Die Urheberrechts-Debatte, die sich hier entzündet, zielt ja nicht nur auf die Finanz-Moral des Appropriation-Künstlers, sondern ist auch implizite Kritik an den ungeheuren Summen, die der Kunstmarkt seinen Stars zu zahlen bereit ist. Die Serie wird da zum Fallbeispiel. Allein die Signatur von Richard Prince reicht aus, um die gefundenen Internetmotive in hochpreisige Kunstmarkt-Trophäen zu verwandeln.

Die Kunstszene begrüßt den Vorstoß in "neue, irreale Räume"

Die Szene wiederum schätzt es, wenn sich Künstler wie Richard Prince mit kontroversen Projekten in die "neuen, irrealen Räume" vorwagen um sie "auszuforschen", wie es der Kritiker Jerry Saltz ausdrückt. Er vergleicht das Unternehmen mit ästhetischen Setzungen einer ganzen Generation, die von Ajay Kurian bis Frances Stark reicht. Die Kunst wage sich hier in Bildwelten vor, die nur noch in Fragmenten und Online-Feeds existieren, wo sich "virtuelle Identitäten, Web-Persönlichkeiten und schlechtes Verhalten begegnen". Ein Blogger der Washington Post konstatiert mit gewissem Wohlwollen: "Eine Erinnerung, dass Deine Instagram Fotos nicht wirklich Dir gehören: Jemand anderes kann sie für 90 000 Dollar verkaufen."

Wobei die Preisspirale sich schon wieder abwärts dreht: Auf der Seite der Suicide-Girls sind die Richard-Prince-Motive inzwischen für 90 Dollar zu haben, in der gleichen Größe und Technik. Das kommerzielle Erotik-Portal - auf dessen Seiten sich Richard Prince für die "New Portraits" unter anderem bediente - habe sich allerdings nicht wegen der Verletzung der Urheberrecht zu der Kopier-Aktion entschlossen. "Wir antworten nur aus Ärger über die hohen Preise mit einer Gegenaktion", lässt sich Selena Mooney, die Gründerin der Seite, zitieren. "Wenn ich jedesmal einen Nickel erhalten hätte, wenn jemand ohne Erlaubnis unsere Bilder benutzt, wäre ich heute sicher reich genug, um 90 000 Dollar für Kunst auszugeben."

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