bedeckt München 23°

Kunstmarkt:Das Gefühl, auf der richtigen Party zu sein

Bilddatei ACo_F_8:Anne CollierWoman Crying #2, 2016

Auch die Galerie Neu leistet sich zwei Spielorte: Anne Colliers "Woman Crying #2" (2016) hängt in Mitte, Victor Mans Malerei am Mehringdamm.

(Foto: Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin)

Beim Berliner Gallery Weekend geht es nicht ums Kaufen - sondern um die Nähe zu den Künstlern.

Es ist ja ein Irrtum, dass es auf dem Kunstmarkt ums Einkaufen geht: Wer sich für Renditen und guten Geschmack interessiert, sollte so viel Geld wie möglich einem gut vernetzten Galeristen überweisen und ab und an Nägel in die Wand hauen oder ein paar Flachbildschirme unsichtbar verkabelt im Keller anbringen.

Wer sich nur für Wertsteigerung interessiert, braucht nicht mal Nagel oder Keller, sondern investiert in ein paar Quadratmeter Lagerfläche in einem Freihafen. Die Szene dagegen braucht Veranstaltungen - Messen, Vernissagen und Auktionen. Damit man verhandeln kann: Wer dazugehört, wie die Aktien stehen. Wie nahe ein jeder bei der Kunst ist und den Künstlern.

Nur Vulkanausbrüche konnten die Amerikaner vom Gallery Weekend abhalten

Das Gallery Weekend, das vor zwölf Jahren in Berlin als Frühlings-Event erfunden wurde, hat davon gezehrt. Gemeinsame Eröffnungen gab es ja auch schon andernorts. Aber das Weekend verlieh der Sache - mit einem Gala-Dinner, VIP-Shuttle und Events - mehr Glamour. Und setzte andererseits auf den Unique Selling Point der Stadt: die Künstler.

Das funktionierte sogar international bestens. Nicht nur deutsche Sammler wollten dabei sein. Höchstens Vulkanausbrüche auf Island konnten Amerikaner, Italiener, Franzosen davon abhalten, in die Stadt zu reisen, die der Szene so vertraut ist, weil der Hinweis "lebt und arbeitet in Berlin" noch jede Künstlerbiografie ebenso zuverlässig beendet wie die Formel "und wenn sie nicht gestorben sind" die Märchen.

Wenn sich also, wie in diesem Jahr, 54 Galerien zusammenfinden, um mitzumachen, klingt das nach einer zuverlässigen Veranstaltung. Tatsächlich scheuen alle, die vom mit Galeristen besetzten Kuratorium ausgewählt werden, auch keine Anstrengung. Michael Haas hat Werke der großen Malerin Paula Modersohn-Becker im Angebot, Max Hetzler den Autor Edmund de Waals zur Soloschau überredet. Viele leisten sich gleich zwei Schauplätze, Johann König und Eigen + Art kombinieren ihre Einzelausstellungen von K. H. Hödicke beziehungsweise Carsten Nicolai noch mit kompletten Gruppenschauen.

Teil des Auftritt oder letzter Rest des Berliner Ruinencharmes?

Isabella Bortolozzi hat nicht nur den Altbau am Schöneberger Ufer von Oscar Musillo mit rostigen Gestellen und ölschwarz getränkten Stoffen zugebaut, sondern kubikmeterweise Holzlatten, Plastikspielzeug, Zeltbahnen und ein Gummiboot in ihre Dependance "Eden Eden" transportiert. Stephen G. Rhodes haute daraus eine Installation zusammen, die als Gegengewicht zu den irrsinnigen Filmkulissen gedacht ist, die der Regisseur Robert Altmann nach dem Dreh von "Popeye" Ende der Siebzigerjahre auf Malta zurückließ.

Schöner Effekt: Wie bei Helga Maria Klosterfeldes kleinem Laden an der Potsdamer Straße, wo auf der Scheibe die Schildchen von Kreditkartenunternehmen kleben, fragt man sich auch hier, ob die in die Schaufensterscheibe geätzte Beschriftung "Biochemie" Teil des Auftritts ist oder letzter Reste des Ruinencharmes, den alle an Berlin so ungeheuer schätzen.

Der Doppelauftritt der Buchmann Galerie ist dagegen nicht nur bemerkenswert, weil neben Bettina Pousttchi auch Daniel Buren ausstellt. Sondern weil Buchmann tatsächlich drei frühe Streifenbilder des Künstlers im Angebot hat, in nachgerade museal erschlafften Farben.