Kunstjahr 2017:Es wird aussehen, als wandele das Publikum auf dem Wasser

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Deren Vorschläge hatten nichts mehr mit den Denkmälern der Vergangenheit zu tun: Claes Oldenburg ließ gewaltige Kugeln - "Giant Pool Balls" - durch Grünanlagen rollen. Donald Judd mauerte Kreise auf. Die Avantgarde so in der Öffentlichkeit zu platzieren hat sie populär gemacht. Ihre Attraktivität war Basis der zahllosen Biennale-Gründungen und Stadtkunstprojekte. Wo früher ein elitärer Kreis von Kennern über Ikonografie und die Qualität der Pinselarbeit richtete, konnten fortan alle mitreden; es genügte, dabei gewesen zu sein - und der Wert der Kunst bemaß sich, ganz demokratisch, auch in Besucherzahlen und dem Interesse der Medien.

Ein Konzept, dem Kasper König bei seiner fünften Ausgabe in diesem Jahr treu geblieben ist. Nur drei Dutzend Künstler sind eingeladen, alle Werke entstanden in Münster und man leistet sich - als Realitätserfahrung - einen Ableger im unweit gelegenen Marl, einem kühlen Industrieort. Kasper König und seine Kuratoren, die früher ungeniert mit der Documenta konkurrierten, setzen dieses Mal auf stille Bilder. Ayse Erkmen versenkt in einer aufgegebenen Hafenanlage derzeit Gitter direkt unter der Wasseroberfläche. Wenn alles klappt, wird es aussehen, als wandele das Publikum auf dem Wasser.

Die Documenta aber ist mit ihren erwarteten knapp eine Million Besuchern unter den drei Großausstellungen das Ereignis, das als eigentlicher Gradmesser für den Stand der Kunst gilt. Sie teilt die Kunstgeschichte alle fünf Jahre in Etappen. Es gab Momente wie die Schau von Harald Szeemann im Jahr 1972, in denen Unvorstellbares geschah. Hatte man bis dahin vor allem über Motive diskutiert, über Abstraktion und Figuration und eine neue Auffassung von Bildhauerei, ging es danach nicht mehr um Leinwand und Papier, sondern um die Bilder der Werbung, aus Magazinen, aus dem Fernsehen.

"Learning from Athens"

Schon wegen der Geltung dieser Ausstellung, aber auch wegen ihrer Unabhängigkeit vom Markt, von staatlicher Beeinflussung, vom Tourismus, hat ihr Leiter die Möglichkeit, auf die Erwartungen seines Publikums mit einer Gegenstrategie zu antworten. Und es scheint, als werde der 1970 in Warschau geborene Adam Szymczyk sie unterlaufen, indem er sie überbietet. Zunächst mit der Ansage, dass sich die Ausstellung verdoppelt. Zwei Monate vor Kassel eröffnet die Documenta am kommenden Samstag, 8. April, in Athen. Jeder der etwa 150 Künstler wird nicht nur in Kassel, sondern auch in Griechenland mit einem Werk vertreten sein. Als Szymczyk sein Konzept vor drei Jahren vorstellte, war Athen das Symbol für die Schuldenkrise und die Zerrissenheit Europas. Inzwischen sind noch die Flüchtlinge dazugekommen, die dort an den Küsten der Inseln stranden. Und die Brutalitäten im Nachbarland Türkei. "Learning from Athens", so der Ausstellungstitel, ist deswegen ein Versprechen - die Eule, das Wappentier der Documenta 14, kann ihren Kopf um 180 Grad drehen und die Welt aus der entgegengesetzten Perspektive betrachten.

Den Monumentalismus der Gegenwartskunst wird die Documenta 14 aber trotzdem noch überbieten. Beiläufig kündigte man an, dass auf dem Platz vor dem Fridericianum in diesem Jahr das größte Kunstwerk der Gegenwart entstehen wird, wenn die Argentinierin Marta Minujin dort einen "Parthenon of Books", einen Akropolis-Tempel aus Büchern, aufschichtet. Und der Treck von vier Reitern, die der schottische Konzeptkünstler Ross Birrell am Tag der Vernissage in Athen in Richtung Kassel aufbrechen lässt, könnte womöglich nach 3000 Kilometern eine der längsten Wanderungen werden, die die Land Art zu verzeichnen hat.

Die Documenta wird auch in die Kulturpolitik der gastgebenden Metropole eingreifen, indem sie beispielsweise das immer noch unfertige griechische Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst als Ausstellungsfläche benützt. Dazu kommen Konzerte, Performances, Tanz und Theater in der ganzen Stadt.

Man kann in diesen Tagen, in denen viele Hundert Künstler in Athen und Venedig, in Münster, Marl und Kassel ihre Werke aufbauen und einrichten, nur hoffen, dass sie sich von den aktivistischen, monumentalen Kraftmeiereien der vergangenen Jahre nicht mitreißen lassen. Dass der Erdkilometer noch zum Pol taugt, an dem sich aller Aufwand, alle Größe und alles Gewicht ausrichten. Er ist ja noch da.

Documenta 14. Athen, 8. April bis 16. Juli; Kassel, 10. Juni bis 17. September. www.documenta14.de. Biennale. Venedig, 13. Mai bis 26. November. www.labiennale.org. Skulptur Projekte Münster. 10. Juni bis 1. Oktober. www.skulptur-projekte.de.

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