Kunsthaus Göttingen:Lückenlos gelungen

Kunsthaus Göttingen: Ein zeitgenössisches Statement, angepasst an die Umgebung: Das neue Kunsthaus Göttingen steht zwischen zwei mittelalterlichen Fachwerkhäusern.

Ein zeitgenössisches Statement, angepasst an die Umgebung: Das neue Kunsthaus Göttingen steht zwischen zwei mittelalterlichen Fachwerkhäusern.

(Foto: SIMONE BOSSI © 2021)

Lange hat der Verleger Gerhard Steidl dafür gekämpft - jetzt wurde das neue Kunsthaus in Göttingen eröffnet. Es wirkt, als sei etwas Wirklichkeit geworden, das schon lange an diesen Platz gehörte.

Von Alexander Menden

"Mich rufen alle fünf Minuten Leute an, besonders während der Documenta, die mir sagen: 'Ich sitze im ICE und fahre gerade an Göttingen vorbei'", erzählt Gerhard Steidl. "Jetzt haben die einen Grund, auch mal hier zu halten und einen Tag dazubleiben."

Steidl, 70, laut Karl Lagerfeld "bester Buchdrucker der Welt", hat gerade die Probedrucke für die Bücher mit den Prêt-à-porter- und Cruise-Kollektionen von Chanel ("Der Begriff Katalog wäre da zu niedrig") und einen Band mit bisher unveröffentlichten Fotos William Egglestons geprüft. Jetzt sitzt er in einem überwucherten Gärtchen hinter seinem verwinkelten Verlagshaus in der Göttinger Innenstadt und erklärt, warum das von ihm seit Jahrzehnten herbeigesehnte und nun nach zwei Jahren Bauzeit eröffnete Kunsthaus mehr kultivierte Besucher in die niedersächsische Universitätsstadt locken wird: "Göttingen hatte noch nie einen guten Ausstellungsraum für Flachware. Jetzt hat es einen."

Tritt man vom Verlag auf die Düstere Straße hinaus, die so heißt, weil die zum Trocknen aufgehängten Laken der hier früher ansässigen Färber sie verdunkelten, muss man sich nach Norden wenden, stadteinwärts. Da sieht man zunächst das Äußere dieses Ausstellungsraums: Zum Bürgersteig hin bis auf zwei schmale, verglaste Aussparungen fensterlos, erhebt sich das viergeschossige Kunsthaus mit Spitzgiebel, auskragenden Obergeschossen und einer Fassade aus horizontal aufgekämmtem Modellierputz, der an Papierstapel erinnern soll, wie die minimalistisch-skulpturale Nachempfindung eines traditionellen Gebäudes. Die opak wirkende Hülle, die während der Bauphase in der Stadt zu Diskussionen Anlass gab, war Teil der Vorgabe: Möglichst wenig Tageslicht soll in das Gebäude dringen. Die Arbeiten auf Papier - Fotos, Zeichnungen, Druckgrafik, Bücher, Plakate -, die hier künftig nebst Neuen Medien in wechselnden Ausstellungen mit freiem Eintritt gezeigt werden, vertragen es nicht.

Kunsthaus Göttingen: Möglichst wenig Tageslicht soll in das Gebäude dringen. Die Arbeiten auf Papier, die hier gezeigt werden, vertragen es nicht.

Möglichst wenig Tageslicht soll in das Gebäude dringen. Die Arbeiten auf Papier, die hier gezeigt werden, vertragen es nicht.

(Foto: Simone Bossi © 2021)

Das Kunsthaus steht eingekeilt zwischen zwei mittelalterlichen Fachwerkhäusern, deren kleineres, südlich gelegenes aus dem frühen 14. Jahrhundert stammt und heute das zur Universität gehörende Günter-Grass-Archiv beherbergt. Das an der anderen Stirnwand sich anschließende Gebäude harrt noch seiner Renovierung, hier sollen nach dem Willen Steidls, dem alle angrenzenden Immobilien gehören, Büros und ein Restaurant unterkommen. Gegenüber wird eine alte Buchbinderei zu neuem Leben erweckt.

Das Leipziger Architekturbüro Atelier ST hatte einen auf den ersten Blick widersprüchlichen Auftrag. Das Kunsthaus sollte kein Protzkasten werden, sich einer einfachen Form- und Materialsprache bedienen, um sich in die weitgehend intakte Umgebung einzufügen. Zugleich war ein zeitgenössisches architektonisches Statement gefordert - Steidl hatte nicht tiefgestapelt und als Referenzorte Paris, London und New York genannt. Das Grundstück mit einer Grundfläche von 17 mal 13 Metern gehörte dem Verleger. Er überließ es mehr oder minder zum Selbstkostenpreis der Stadt, die als Bauherrin das Kunsthaus in Auftrag gab. "Ideengeber", wie er selbst sagt, war und ist aber Gerhard Steidl. 4,5 Millionen der insgesamt sieben Millionen Euro Baukosten trug das Bundesprogramm "Nationale Projekte des Städtebaus" bei, der Rest kam von der Stadt sowie einem privaten Spender.

"Das Haus sollte nicht auftrumpfen, sich aber auch nicht zu sehr wegducken."

"Wir sind letztlich nach dem Motto 'Rohbau gleich Ausbau' verfahren", erklärt Atelier-ST-Mitbegründer Sebastian Thaut. Der 43-Jährige und seine Frau Silvia Schellenberg haben bereits Erfahrung mit der Arbeit in historisch sensiblen Zusammenhängen; so gelang ihnen 2016 die vielbeachtete Integration eines Neubaus in das bestehende Gebäude des Lutherarchivs in Eisleben. "Wir wollten hier die Kubatur voll ausnutzen und zugleich ein Zeichen setzen", so Thaut. "Das Haus sollte nicht auftrumpfen, sich aber auch nicht zu sehr wegducken."

Nach Osten, zum Innenhof, auf den sich auch die Rückseite von Steidls Buchladen öffnet, sind weitere Fenster eingelassen. Das gibt der Rückwand ein offeneres Gepräge. Hier steht das "House of Words". Steidl weist den Besucher an, sich umzudrehen, bis er die Flügeltüren des überdimensionalen Schuppens geöffnet hat - "sonst kriegen Sie nicht den richtigen Eindruck". Und wirklich hat die ursprünglich für die Getty-Villa in Los Angeles geschaffene Installation des Amerikaners Jim Dine einen gewissen Wow-Effekt: Bestehend aus zehn an Walt Whitman erinnernden Gesängen, einer riesigen Selbstporträt-Plastik des Künstlers sowie einem Statuen-Ensemble aus gebeizter und abgeschliffener Rotbuche beeindruckt sie vor allem durch den selbstbewussten Gestus eines wuchtigen Gesamtkunstwerks.

Nachdem man Steidl zuvor in seiner Druckerei erlebt hat, verwundert es kaum, dass er bezüglich der praktischen Gegebenheiten der Galerieräume sehr genaue Vorstellungen hatte. Mit der gleichen Exaktheit, die er bei der Anmischung eines von ihm wiederentdeckten Papierrezepts von 1885 walten lässt, plante er das Kunsthaus: "Die besten Ausstellungsorte habe ich im Kopf, ich mache ja rund 50 Ausstellungen im Jahr", sagt er. "Welche Raumhöhe muss da sein, wie gestalten sich Zugänglichkeit und Klimatechnik?"

Kunsthaus Göttingen: Fünf Ausstellungsräume bringen es, von Stock zu Stock sich vergrößernd, auf gut 500 Quadratmeter Fläche.

Fünf Ausstellungsräume bringen es, von Stock zu Stock sich vergrößernd, auf gut 500 Quadratmeter Fläche.

(Foto: SIMONE BOSSI © 2021)

Wie beim Lutherarchiv kommt im Inneren auch in Göttingen viel Sichtbeton zum Einsatz. Der Kern, ein offenes Treppenhaus, ist schmal gehalten, die fünf Ausstellungsräume bringen es so, von Stock zu Stock sich vergrößernd, auf gut 500 Quadratmeter Fläche. Der Aufzug kann auch für Lasten genutzt werden, die Türen sind mit 2,80 Metern hoch genug für die Installation großer Arbeiten. Die Eröffnungsausstellung mit Werken der Amerikanerin Roni Horn gibt einen guten Eindruck von der variablen Bespielbarkeit der Räume, die von ihren Gussbetonböden bis zur von einem Tablet-Computer aus steuerbaren Beleuchtung durchgehend edle Funktionalität signalisieren.

Das Kunsthaus wird das Karree an der Düsteren Straße aufwerten, so viel scheint sicher. Es soll den Kern eines Projektes bilden, dessen Ziel es ist, das "Sanierungsgebiet südliche Innenstadt" zwischen Nikolaikirchhof, Nikolaistraße und Turmstraße in ein Göttinger Kunstquartier zu transformieren. Der Blick vom Balkon aus, den man vom Veranstaltungsraum unterm Spitzgiebel betritt, schweift über die Dächer der Stadt. Es wirkt nicht, als sei hier eine Lücke gefüllt worden, sondern als sei in diesem Kunsthaus einfach etwas Wirklichkeit geworden, das schon lange hierhin gehört hat. Mehr kann man von einem frisch eröffneten Gebäude kaum verlangen.

© SZ/knb
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