Corona und Galerien:Cindy allein zu Haus

Lesezeit: 4 min

Cindy Sherman Exhibition at Galerie Sprüth Magers Berlin

Galerien waren nach Schließung der Museen der einzige Ort, um Kunst zu sehen - jetzt müssen auch sie schließen. Hier ein Besucher vor Cindy Shermans "Untitled #612" (2019) in der Berliner Galerie Sprüth Magers.

(Foto: Ingo Kniest; Ingo Kniest/Courtesy Sprüth Magers and Metro Pictures, New York/Ingo Kniest; Ingo Kniest/Courtes)

Während die Museen schließen mussten, blieben Galerien auf. Doch wirklich profitiert haben die deutschen Kunsthändler davon nicht. Denn Sammler sind meist älter - und gehören zu den Risikogruppen.

Von Till Briegleb

Der weißhaarige Mann, der überrascht von einem Besucher schnell seinen Pullover über Mund und Nase zieht, sagt: "Nein." Die junge Assistentin in der Galerie nebenan sagt: "Nein." Im Stockwerk darüber: "Nein." Eigentlich überall in Hamburgs Galerienzentrum Fleetinsel, wo trotz Corona etwa die Hälfte der Verkaufsräume bisher die Öffnungszeiten einhält, ist die Antwort auf die Frage, ob die Schließung der Museen im Kultur-Lockdown ihnen mehr Besucher beschert habe: "Nein". Anfang November, nachdem das zweite pandemisch bedingte Öffnungsverbot für Kulturinstitute beschlossen worden war, gab es da noch einen gewissen Optimismus unter den Kunsthändlern. Denn als Einzelhändler, die sie per Klassifikation sind, durften sie diesmal weiterarbeiten wie Modeketten und Autohändler.

Viele Galeristinnen und Galeristen boten sich in dieser Situation an, nun den Kunsthunger der Menschen zu stillen, die in Museen keine Ausstellungen mehr sehen konnten, weil diese als "Freizeiteinrichtungen" genauso schließen mussten wie Bordelle und Spielhallen. Johann König etwa verlängerte in seiner Berliner Galerie-Kirche St. Agnes die Öffnungszeiten, zog die Vorhänge vor seinem Schaulager weg, um dort Künstlerinnen und Künstler zu zeigen, deren Museumsschauen nicht mehr betreten werden durften. Und Angela Holzhauer, Sprecherin des Landesverbands der 100 Hamburger Galerien, forderte in einer Fernsehsendung die Zuschauer auf, gerade jetzt zu ihnen zu kommen. Es gäbe tolle Ausstellungen in großen, gut gelüfteten Räumen zu entdecken. Sie selbst stand vor ihrer Schau mit Collagen von Georges Adéagbo, großer Raum, gut belüftbar.

"Die Galeristen haben jetzt Zeit", lockte Holzhauer damals weiter die Museumsklientel, auch um zu unterstreichen, dass sich Kunsthändler in der großen Mehrheit als Kunstvermittler mit Leidenschaft verstehen, und nicht als Luxusagenten für Superreiche, wie es das gängige Vorurteil meint. Von den 14 000 Künstlern, die von deutschen Galerien in rund 4000 Ausstellungen pro Jahr präsentiert werden, sind nur ein winziger Prozentpunkt "Selbstgänger", die ihre Kunst auch selbst vermarkten. Für den Rest ist die Galerie das kommerzielle Gewächshaus, ohne dessen kontinuierliche Pflege kein Werk Interesse und Zustimmung findet.

Galerie-Tycoone - wie David Zwirner oder White Cube - gibt es in dem kleinen deutschen Kunstmarkt, der zwei Prozent des Welthandels abwickelt, ohnehin nicht. Durchschnittlich, das hat gerade eine sehr detaillierte Studie des Bundesverbands der Galerien und Kunsthändler aufgeschlüsselt, macht eine Galerie hierzulande nur 250 000 Euro Umsatz pro Jahr. Selbst die fünf Prozent der deutschen Stargalerien, die die Hälfte jener 890 Millionen Euro erwirtschaften, die der deutsche Kunsthandel 2019 im Ganzen umsetzte, können sich nicht mit internationalen Größen messen. Eine einzige New Yorker Galerie, wie die von Larry Gagosian, bewegt so viel Geld wie 700 deutsche.

Deswegen hatten die Galeristen in Köln, Düsseldorf, Frankfurt München, Hamburg oder Berlin bis zum neuen Lockdown mehr Zeit, als ihnen lieb war. Sie zeigten interessante Querschnitte durch ihr Angebot, die sie sonst auf der erst verschobenen und dann abgesagten Messe Art Cologne gezeigt hätten. Oder sie präsentierten tatsächlich museumswürdige Einzelschauen wie die von Cindy Sherman bei Sprüth Magers in Berlin, von Walid Raad bei Sfeir-Semler in Hamburg, von Günther Förg bei Bärbel Grässlin in Frankfurt, Cerith Wyn Evans bei Buchholz in Köln wo auch Lucio-Fontana-Keramik bei Karsten Greve zu sehen ist. Von 100 Besuchern pro Woche, die gut besuchte Galerien 2019 zählten, fehlte leider trotzdem jede Spur.

"Sammler sind häufig alt und gehören zu den Risikogruppen", begründete Melike Bilir ihre Einsamkeit im Galerieraum auf der Fleetinsel, wo sie dicht gehängt wilde Reisecollagen von Marcus Sendlinger zeigte. "Die kommen erst wieder, wenn es einen Impfstoff gibt." Und Laufkundschaft oder internationale Gäste machen sich nicht allein für eine Ausstellung auf den Weg. Erst die Kombination mit Events und Museumsvernissagen setzt sie in Bewegung. Und Quarantänebestimmungen erledigen momentan sowieso alle Reisegelüste.

Darunter leiden vor allem die Berliner Galerien, die laut der Studie des Bundesverbands die Hälfte ihrer Umsätze mit internationalen Kunden machen. Und dabei haben sie es doch sowieso schwer genug in der globalen Konkurrenz, weil Deutschland das einzige Land in den Top Ten der Kunstmarktnationen ist, das auf diese Kulturware die volle Mehrwertsteuer erhebt. Muss man in Basel, London oder New York zwischen fünf und neun Prozent zahlen, so sind es seit einer Steuerreform 2014 hier 19 (aktuell noch 16) Prozent.

Und doch hat das Jahr 2020 bisher wenig Opfer unter den Galerien gefordert. Obwohl manche bis zu 90 Prozent weniger Einnahmen erwarten, ist die Rate derer, die aufgeben, erstaunlich gering. Das liegt neben den staatlichen Corona-Hilfen paradoxerweise ausgerechnet an der Absage nahezu aller Kunstmessen. Obwohl deutsche Galerien dort rund 30 Prozent ihres Umsatzes machen, sind die Standmieten und Ausgaben für diese Teilnahmen inzwischen so exorbitant hoch, dass ohne deren Rechnungen die Bilanzen gar nicht so düster aussehen.

Die Kunstmessen werden ihre Preise senken müssen

"Vielleicht schafft diese Zeit bei den großen Messen endlich die Einsicht", so Angela Holzhauer, "dass ihre völlig überzogenen Preise deutlich nach unten korrigiert werden müssen." Denn offensichtlich geht es für die meisten handelnden Kunstvermittler auch ohne Präsenz auf den großen Messen weiter, wo sie bis zu 800 Euro Gebühr für eine schnöde Box zahlen müssen - pro Quadratmeter wohlgemerkt.

Für diese neue Autonomie kann ein Ersatz hilfreich werden, den die Messen selbst erfunden haben. Der neue digitale Markt mit Online Viewing Rooms, der dieses Jahr von Hongkong bis Miami Beach etabliert wurde, könnte längerfristig zu einer deutlichen Reduzierung der aktuell über 300 Kunstmessen in der Welt führen. Denn natürlich funktioniert dieses Format, bei dem man sich in einem virtuellen Ausstellungsraum hochaufgelöste Werke ansehen kann, auch auf der Galerie-Website.

Zwar hat der körperlose Verkauf laut der Studie des Bundesverbands für den deutschen Kunsthandel (im Gegensatz zu den internationalen Top-Galerien) noch keine echte Bedeutung. Als "eher unwichtig" stufen die meisten Galerien hier das Format noch ein, was vielleicht auch an den großen Investitionskosten für eine ansprechende Präsentation im Netz liegt. Aber wenn das so weitergeht mit den Seuchen und Katastrophen, könnte die ökologisch eh bessere Alternative vom Kauf am Bildschirm zur Regel werden. Man sollte jedenfalls nicht "Nein!" dazu sagen.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB