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Kunstgeschichte:Der verschollene König

Leseprobe

Einen Auszug aus der literarischen Biographie stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Was ist aus dem Gemälde geworden? Die Kunstkritikerin Laura Cumming sucht nach einem verlorenen Velázquez-Bild: 1845 stöberte ein Buchhändler es in England auf, 1889 verliert sich seine Spur in New York.

Von Harald Eggebrecht

Dass "Las Meninas" ("Die Hoffräulein"), von Diego Velázquez 1656 gemalt, nicht nur eines der berühmtesten, sondern auch eines der rätselvollsten Gemälde aller Zeiten ist, hat sich wohl herumgesprochen. Allein Pablo Picasso malte 1957 44 Variationen, um Aufbau und Struktur dieses Wunderbildes zu verstehen, Oscar Wilde ließ sich durch das Bild zu seiner Erzählung "Geburtstag der Infantin" inspirieren, der wiederum die Komponisten Franz Schreker mit einer Tanzpantomime und Alexander von Zemlinsky mit seinem Operneinakter "Der Zwerg" folgten. "Las Meninas" hängt im Madrider Prado-Museum, einer der grandiosen Kunstschatzkammern dieser Welt. Wie sich im Pariser Louvre die Schlangen vor Leonardos "Mona Lisa" stauen, so die im Prado vor "Las Meninas".

Der Buchhändler entdeckte das Gemälde zugerußt und verdreckt in einem Internat

Also beginnt Laura Cumming, Jahrgang 1961, Tochter zweier Künstler und renommierte Kunstkritikerin, ihre zehn Jahre dauernde, glänzend geschriebene (von Tobias Schnettler ebenso übersetzte), fesselnde Recherche über den viktorianischen Buchhändler und Velázquez-Fan John Snare ebenfalls mit einer begeisterten Hommage für das "Las Meninas"-Bild und seinen Schöpfer, über den man jenseits seiner Karriere am spanischen Hof Philipps IV. so gut wie nichts weiß, am wenigsten über seine Gefühls- und Gedankenwelt. Zugleich aber ist dieses Malgenie eben in seinen Bildern anwesend, es spricht durch sie. Laura Cumming wird in ihrem Buch nicht müde, die Vergegenwärtigungskunst, die Genauigkeit in der Erfassung der diversen porträtierten Persönlichkeiten, ohne ihre Würde als eigenständige Personen je zu verletzen, und die malerische Virtuosität von Velásquez zu rühmen. Dass es dabei zu mancher übertreibenden Wiederholung kommt, sei gelassen hingenommen.

Die wahre Geschichte vom Buchhändler Snare und dem von ihm 1845 bei einer Räumungsauktion in einem englischen Internat entdeckten Gemälde ist aller Anstrengung wert. Snare findet das Bild zugerußt und verdreckt vor. Er säubert eine winzige Stelle mit Spucke und ist wie vom Blitz getroffen von der Leuchtkraft der Farben. Rasch ist er überzeugt, ein verschollenes Porträt des jungen Charles I., gemalt von Velázquez, vor sich zu haben. Für den Preis eines Durchschnittspferdes ersteigert er das Bild und wird mit ihm im Lauf seines Lebens so glücklich wie unglücklich.

Tatsächlich hat es dieses Porträt des später geköpften englischen Königs wohl gegeben. Velázquez malte es während eines ziemlich verunglückten Aufenthalts von Charles am spanischen Königshof. Der war damals in strenger Etikette erstarrt, Charles und sein Begleiter benahmen sich dagegen eher aufdringlich, ungezogen und peinlich. Wie und ob das Bild nun nach England geriet, wie es dort gewissermaßen vergessen wurde, bis es John Snare gefunden zu haben meinte, dem forscht Cumming lustvoll nach. Sie weist darauf hin, wie viel leichter dank moderner Computertechnik sich ihre Suche gestaltet als die von Snare. Wenn er ein halbes Jahr brauchte, um in einem Archiv fündig zu werden, dann kann sie diesen Weg mit ein paar Klicks nachvollziehen.

Es existieren keine Fotografie, kein Stich und keine Reproduktion des Gemäldes

John Snare, zuerst Kunstamateur, stellt dann das Bild in London aus, der Erfolg ruft Gegner aus dem professionellen Lager auf den Plan. Für Snare, der zum Velázquez-Kenner wächst, wird ein lebenslanger Kampf daraus. Snare versucht die Echtheit und Provenienz von nun an hartnäckig nachzuweisen. Geradezu besessen von der Wahrheit seines "Velázquez" setzt er in diesen Auseinandersetzungen sein Geschäft und seine Familie aufs Spiel. Als er das Bild schließlich teuer verkaufen könnte und so mit einem Schlag saniert wäre, kann er sich nicht davon trennen, es ist sein Lebensinhalt und -sinn geworden. Snares Spuren und die des Bildes verlaufen sich Ende des 19. Jahrhunderts in New York. Immerhin wird es noch einmal im Metropolitan Museum gezeigt und ruft große Bewunderung hervor. 1889 wird es auf einer Auktion angeboten, ohne Resultat. Danach bleibt es verschollen. Es existiert keine Reproduktion, kein Stich, keine frühe Fotografie, ebenso wenig wie ein Bilddokument von John Snare.

Laura Cumming geht nun nicht nur den Lebenspfaden des John Snare und seines Wahnbildes und Bilderwahns nach, soweit sie sich wissenschaftlich hieb- und stichfest verfolgen lassen, sondern sie bietet auch höchst animierende Einsichten in die einzigartige Kunst des Diego Velázquez an prägnanten Beispielen. Sehr einleuchtend etwa, wie sie darlegt, dass Velasquez die Hofzwerge Francisco Lezcano und Sebastián de Morra nicht als Skurrilitäten oder gar Grotesken malt, sondern beiden als bemerkenswerten und wichtigen Persönlichkeiten des Hofes, aufmerksam und zugeneigt, gerecht wird: Menschen schauen dich an.

Laura Cumming: Der verschwundene Velázquez. Ein besessener Sammler, ein verschollenes Gemälde und der größte Maler aller Zeiten. Aus dem Englischen von Tobias Schnettler. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 383 Seiten, 26 Euro.

© SZ vom 19.12.2017
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