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Kunstfund:Der Schatz von Onkel Jimmy

Zwei Düsseldorfer Galeristen haben das verschollene Bilderbuch aufgespürt, das Otto Dix für seine Stieftochter Hana gemalt hat.

Von Gottfried Knapp

Für die Kunstwelt ist diese Nachricht ein kleine Sensation: Das Bilderbuch, das Otto Dix um 1925 für seine damals fünfjährige Stieftochter Hana gemalt hat, ist plötzlich aufgetaucht. Die Biografen von Dix wussten zwar, dass der Maler nicht nur die fünf bislang bekannten und mit ihren Einzelblättern längst in alle Welt zerstreuten Bilderbücher für die Kinder Martin (Muggeli), Nelly, Ursus, Jan und die Enkelin Bettina gemalt hat, sondern ein weiteres auch für die von Martha Dix in die Ehe mitgebrachte Tochter Hana. Doch von diesem sechsten Buch hatte nie jemand etwas zu Gesicht bekommen.

Die Tochter hat das Geschenk des Stiefvaters geheim gehalten

Tochter Hana, der es gewidmet war, hat den vom Stiefvater geschenkten Schatz lebenslang vor der Welt geheim gehalten; sie hat das wertvolle Heft in ihrer Wohnung misstrauisch in einem ehemaligen Altaraufsatz versteckt. Ende der Achtzigerjahre konnten zwei Düsseldorfer Galeristen auf der Suche nach dem legendären Bilderbuch die Besitzerin Hana Koch in Murnau zwar aufspüren, doch die Erlaubnis, die Blätter zu veröffentlichen, haben sie erst nach Hanas Tod von deren Tochter Olga bekommen.

´Bilderbuch für Hana" von Otto Dix

Galerist Herbert Remmert zeigt in Düsseldorf das Aquarell mit den "Sieben Todsünden" aus dem Bilderbuch für das Mädchen Hana. An der Wand hängt das Titelbild des Buches mit Engeln, die ein Füllhorn ausschütten.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Das intime "Bilderbuch für Hana" ist für die Kunstgeschichte deshalb so interessant, weil Dix diese Aquarellmalereien unmittelbar nach dem großen Radierzyklus "Der Krieg", also nach dem erbarmungslosen Wühlen in den eigenen Erinnerungen, in Angriff genommen hat - und weil er die Blätter mit szenisch auffällig bewegten biblischen Geschichten, Legenden- und Märchenmotiven gefüllt hat. Was dabei herauskam, dürfte für ein fünfjähriges Mädchen nicht nur schön gewesen sein. Ja es ist durchaus denkbar, dass Dix, weil er merkte, wie Kinder auf seine heftigen szenischen Dramatisierungen reagieren, zwei Jahre später beim Bilderbuch für seine Tochter Nelly den Stil total geändert hat. Auf Nellys Blättern werden keine legendenhaften Abenteuergeschichten mehr ausgemalt; nein, Menschen aus der direkten Umgebung, die wie Scherenschnitte in klaren Umrissen vor dem neutralen Hintergrund stehen, ergehen sich dort in irgendwelchen eigentümlichen Tätigkeiten.

In seinem ersten Kinderbuch, dem 1922 für Stiefsohn Muggeli gemalten Band, hat "Onkel Jimmy" - so nennt sich Dix auf der Titelseite - abenteuerliche Geschehnisse aus aller Welt zusammenfabuliert. Der Himmel ist voller seltsamer Flugmaschinen; Zirkusleute vollbringen wahre artistische Wunder; Hexen reiten auf Schweinen daher; Indianer jagen Büffel; Taucher kämpfen gegen Haie und schreckliche Kraken; Asiaten stolpern durch die Häuserschluchten von New York; und Saurier versuchen gefährlich dreinzuschauen.

Im Buch für Hana geht es zunächst ähnlich temperamentvoll weiter. Der riesige Wal, der den Jonas schnappen will, kippt beim Aufreißen des Mauls einen ganzen Dampfer um. Und David steht so auf den Oberarmen des Riesen Goliath, dass er ihm mit dem Schwert mitten ins Gesicht hauen kann. Dix hat für die kleine Hana aber auch wahre Monster parat: Die animalischen Ausgeburten, die er als die "Sieben Todsünden" antreten lässt, werden ihm wenige Jahre später als Vorbilder für das berühmte Gemälde dieses Titels dienen.

© SZ vom 07.09.2016

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