Süddeutsche Zeitung

Kunstberater Helge Achenbach:Ein Buddy und seine Bilder

Er kaufte Bilder für den verstorbenen Aldi-Erben und stattete das WM-Quartier Campo Bahia mit Kunst aus - nun sitzt Kunstberater Helge Achenbach in Untersuchungshaft. Es geht um Betrug in Millionenhöhe. Der Vorfall wirbelt eine verschwiegene Sammlerszene auf.

Von Jörg Häntzschel

Es gibt viele, die viel Geld haben, um Kunst zu sammeln, aber nur wenige, die von Kunst viel verstehen. Diese Menschen engagieren einen Kunstberater. Er soll sie durch die tückische Welt der Messen und Auktionen lotsen, um die Fettnäpfchen und Verluste herum, hin zu Glamour und märchenhafter Wertsteigerung.

Helge Achenbach, 62, ist in Deutschland der größte und erfolgreichste dieser Consultants. Er hat den Beruf quasi erfunden. Doch mit den eloquenten und gut angezogenen Kunstgeschichts-Magistern und Ex-Galerie-Damen, die - Milliardäre im Schlepp - unter diesem Label über die Messen ziehen, hat er nicht mehr viel zu tun. Er sieht selbst aus wie ein Sammler, ist Strippenzieher, Netzwerker, Mäzen und "Buddy" von Leuten wie Andreas Gursky, Gerhard Richter und Gerhard Schröder. Einer seiner jüngsten Coups war der langjährige Sponsorship-Deal zwischen Volkswagen und dem New Yorker MoMA.

Engagement im Fußball

Sogar im Fußball ist er aktiv. Sein erstes Engagement dort, als Präsident von Fortuna Düsseldorf, war nicht von Erfolg gekrönt, das zweite dafür umso erfreulicher: Er stattete das Campo Bahia, das Quartier der deutschen Nationalmannschaft in Brasilien, mit Kunst aus. In dem von der Münchner Kleiderhändler-Familie Hirmer in ein Naturschutzgebiet gepflanzten Resort (Motto: "Catch Your Dream"), trifft man sich nun an der von Gursky und dem Künstlerkollegen Claus Föttinger gestalteten Bar mit Memorabilia aus deutscher Fußballgeschichte und Fassbinder-Stills.

Doch als Achenbach nach der Installation am 10. Juni in Düsseldorf landete, wartete am Flughafen schon die Polizei. Seitdem sitzt er wegen des Verdachts auf Betrug und Urkundenfälschung in Untersuchungshaft (SZ vom 26.6). Mit dem brasilianischen Traum hatte die Festnahme nichts zu tun. Es ging um Achenbachs deutsches Kerngeschäft. Er soll seinen Kunden Berthold Albrecht, Sohn des Aldi-Nord-Gründers Theo Albrecht, von 2009 bis zu dessen Tod 2012 systematisch betrogen haben.

Zwei Oldtimer-Fans

Der schwerreiche Erbe liebte Kunst, aber er fühlte sich selbst wohl nicht kompetent genug, um ernsthaft zu sammeln. Da tauchte 2009 Achenbach auf, ein Mann, der fast gleichaltrig war und wie Albrecht selbst Oldtimer-Fan (Achenbach besitzt den Bentley von Joseph Beuys). Schnell entwickelte sich eine enge Freundschaft, und Achenbach ging für Albrecht einkaufen. Bilder von Picasso, Richter, Kokoschka, Lichtenstein sollen unter den Trophäen gewesen sein, die er zurückbrachte, hinzu kamen ein Dutzend wertvolle Autos. Rund 120 Millionen Euro soll Achenbach, der die Käufe im eigenen Namen oder dem seiner Firma Achenbach Kunstberatung tätigte, für Albrecht ausgegeben haben.

Wie viel genau, das ist schwer zu sagen, denn die Rechnungen, die Achenbach Albrecht anschließend zur Erstattung vorlegte, soll der Berater in vielen Fällen gefälscht haben. "Teilweise wurden Rechnungen der Verkäufer offenbar manipuliert, es wurden sowohl aus US-Dollar Euro gemacht sowie auch die Preise gefälscht", so Oberstaatsanwältin Annette Milk.

18 Millionen Euro Schaden

Achenbach ließ sich offenbar also höhere Preise als die tatsächlich gezahlten erstatten und behielt die Differenz. Mit seinen Manipulationen blähte er auch die Provision von fünf beziehungsweise drei Prozent auf, die er vom Kaufpreis für seine Dienste erhielt. Laut Handelsblatt entstand Albrecht ein Schaden von 18 Millionen Euro.

Achenbachs Frau und seine Anwälte nennen die Vorwürfe haltlos. Hinter der Anzeige von Albrechts Witwe Babette stünden "persönliche Motive". Sie sei erbost gewesen, von den kostspieligen Käufen ihres Mannes erst nach der Bezahlung erfahren zu haben. Die FAZ raunt sogar von "Männerfreundschaft" und einem postum ausgetragenen "Eifersuchtsdrama".

Doch diese Version klingt weniger überzeugend, seit das Handelsblatt von einem zweiten Geschädigten berichtete: Christian Boehringer, 48, "Clanchef" der Familien Boehringer und von Baumbach, den Inhabern des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim. Boehringer gab indirekt zu, dass Achenbach auch ihn betrogen habe. Den Schaden von 1,2 Millionen Euro habe Achenbach aber inzwischen erstattet.

Geräuschlose Trennung

Boehringer lernte Achenbach offenbar über die Düsseldorfer Privatbank Berenberg kennen, die Achenbach als Gesellschafter für ihre im Januar 2012 gegründete Kunstberatung Berenberg Art Advice sowie für den Investmentfonds Berenberg Art Capital Fund engagiert hatte. Nachdem sowohl Boehringer als auch der frühere Leiter eines Kunstmuseums auf suspekte Transaktionen aufmerksam wurden, soll die Berenberg Bank sich an die Albrechts gewandt haben. Mitte 2013 trennte sich die Bank geräuschlos von Achenbach. Dass sie keine Strafanzeige erstattete, lag wohl nicht zuletzt an dem unrühmlichen Licht, das die Sache auf die Bank wirft.

Stattdessen löste sie ihre Kunstberatungssparte und den Kunst-Fonds auf. Auf der Berenberg-Website geistert die Werbeprosa von Art Advice indes noch herum. Achenbach rühmt sich dort seiner "spezifischen Methodik zur Sammlungsanalyse" und warnt Neulinge vor den "großen Abweichungen bei der Werteinschätzung einzelner Künstler und Werke". Er verrät: "Ein Künstler ist immer dann überbewertet, wenn sich eine Gruppe von Sammlern und Händlern zusammenschließt, abspricht und möglicherweise sogar auf Auktionen die Preise künstlich hochtreibt."

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Quelle:
SZ vom 04.07.2014/nema
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