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Kunstakademie in Nordkorea:"Das ist kultureller Chauvinismus"

Traavik sagt, er wolle die Nordkoreaner nicht belehren. "Zu oft verbirgt sich hinter kulturellem Austausch die Absicht, die armen, ungebildeten Massen zu unterrichten", so der Norweger. "Das ist kultureller Chauvinismus." Umgekehrt könne der Westen von den Asiaten lernen. "Sie legen Wert auf das handwerkliche Können, auf die Technik, während bei uns im Westen Ideen im Vordergrund stehen."

Traaviks Projekt ist umstritten. Allzu leichtgläubig macht er sich zum Hofnarren eines Regimes, das systematisch Menschenrechte verletzt. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen ergab in diesem Jahr, dass die nordkoreanische Führung Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht, die denen der Nationalsozialisten in einigen Punkten ähnlich sind. Dazu gehören Folter, willkürliche Festnahmen und bewusst in Kauf genommene Hungertode.

Für sein Projekt "The Promised Land" ließ Traavik 2012 norwegische Grenzsoldaten auf Befehl nordkoreanischer Instruktoren Aufstellung nehmen. Als "menschliche Pixel" bildeten die Soldaten im norwegischen Kirkenes an der Grenze zu Russland ein riesiges Mosaik - eine militaristische Massenperformance, die dem nordkoreanischen Vorbild nachempfunden ist und die Auflösung des Individuums im Kollektiv zelebriert. "Das wäre in einer Demokratie nicht möglich", sagt Traavik. Er ist fasziniert von dieser "eindrucksvollen Darstellung von Einheit", die an Nazi-Deutschland und die Filme von Leni Riefenstahl erinnere.

Unverhohlene Begeisterung für totalitäre Symbolik

Doch Kunst lässt sich nicht aus ihrem Kontext lösen und unabhängig von jeder Ideologie bewundern. Schon gar nicht, wenn sie derart in ein politisches System verstrickt ist. Traavik sieht das anders: "Man kann gegen die Ideologie sein, die dahinter steht, und dennoch anerkennen, dass es phantastisch aussieht." In den nordkoreanischen Massenspektakeln sieht er weniger Repression am Werk als vielmehr einen starken Sinn für die Gemeinschaft. Davon kann allerdings kaum die Rede sein, solange die Menschen nicht freiwillig an den Performances teilnehmen. "Sie tun es aber auch nicht aus Angst. Ein großer Teil hat Spaß daran", sagt Traavik. Doch wie glaubwürdig ist dieser Spaß in einem Land, das Strafgefangene in Lagern verhungern und verbrennen lässt, um die Überreste als Düngemittel zu verwenden, wie Zeugen aus Nordkorea der UN-Kommission berichteten?

Für die DMZ Akademie wird Morten Traavik keine Massenperformances inszenieren, die "Realityshow" in Pjöngjang werde sich den visuellen Künsten widmen. Wer daran teilnehmen wird, ist noch nicht klar. Es soll zu einem kulturellen Austausch auf Augenhöhe kommen. Daran scheint Traavik ernsthaft interessiert. Doch seine unverhohlene Begeisterung für totalitäre Symbolik macht ihn zum Problemfall. Leni Riefenstahl sah sich zeitlebens dem Vorwurf ausgesetzt, sie habe die NS-Ideologie wirkungsästhetisch legitimiert. Gegen solche Kritik wird sich auch Traavik behaupten müssen. Seine "Mass Games" knüpfen an Riefenstahls Ästhetik an, auch wenn sie längst nicht die gleiche Strahlkraft haben.

Wenn Traavik nordkoreanische Akkordeonisten dazu "Take On Me" spielen lässt, wirkt das geradezu niedlich. So niedlich, dass man für einen Augenblick vergisst, wie brutal es in diesem Land zugeht. Spätestens dann wird klar, dass Traaviks Performance-Kunst über die Wirklichkeit hinwegtäuscht. Diese Kunst ist gefährlich harmlos.

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