Kunst Zeichnungen von Stefan Berg

(Foto: Stefan Berg)

Von Gustav Seibt

Ineinander verkeilte Häuser, Menschen mit eckigen Köpfen, die sich aufklappen lassen, wimmelnde Plätze, fliegende Fische und Geigen, große staunende Gesichter - vieles zart koloriert. Die meisten dieser unvermittelt fesselnden Zeichnungen tragen keinen Titel. Stefan Berg, ihr Urheber, kam erst im Alter von 50 Jahren (er wurde 1964 im Ostteil Berlins geboren) zu seiner neuen Kunst. Eine Enkelin wünschte sich, dass er mit ihr Bilder male. Das tat er, und aus diesem Anfang wurde ein genuiner künstlerischer Antrieb, so mächtig, dass der junge Großvater wie besessen weitermachte und bald seine unverwechselbare Form fand. Die Zeichnungen erregten die Aufmerksamkeit von Kennern, und nun stellt die Berliner Galerie Gräfe in Prenzlauer Berg (Kollwitzstraße 72, bis 12. Januar 2019) sie aus. Wer sie unbedingt einordnen will, mag an die klassische Moderne seit dem deutschen Expressionismus denken. Doch diese Bilder kommen nicht aus dem Gedächtnis der Tradition, dafür sind sie zu persönlich, motivisch untereinander zu eng verbunden. Etliche Symbole lassen sich als christlich entziffern, aber die Unmittelbarkeit der oft wildbewegten Bildflächen ist zu stark für solche kulturellen Deutungen. Ihre Atmosphäre schwankt zwischen einer wilden Heiterkeit und gelegentlicher, tiefer Trauer. Der Zeichner ist durchaus prominent, allerdings bisher nicht als Künstler hervorgetreten. Stefan Berg ist Autor beim Spiegel, wo er mit scharfsinnigen und einfühlsamen Analysen zur ostdeutschen Gesellschaft auffiel. Doch Berg ist auch ein Mensch mit einem Schicksal. In der DDR verweigerte er den Wehrdienst und diente als Bausoldat. In dieser Zeit begann der damals 18-Jährige einen Briefwechsel mit dem Schriftsteller Günter de Bruyn. Damals hatte ihn schon die Krankheit ereilt, die ihm den so früh erprobten Mut von Neuem abverlangte: Parkinson. Mithilfe von Ausdauersport und einem ruhigen Leben konnte Berg seine glänzende Berufstätigkeit fortsetzen. Das Zeichnen kam 2014 hinzu. Die fast hundert Blätter, die jetzt die Wände der Berliner Galerie bedecken, zeigen einen Meister seines Fachs. Wer eine lange Nachmittagsstunde mit ihnen verbringt, kommt ruhiger und heiterer wieder heraus.