Kunst Wo Gretel herrscht

Die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron aus Basel wollten keine Werbeschau und ließen der Kunst freie Hand für die Ausstellung "Elbphilharmonie Revisited" in den Hamburger Deichtorhallen.

Von Till Briegleb

Werkschauen von Architekturbüros sind, wenn man es nüchtern betrachtet, reines Marketing: dreidimensionale Imagebroschüren. Gezeigt wird nur, was den Entwerfern recht ist. Kritische Töne fehlen, denn die Damen und Herren Baukünstler sind gerne schnell und gründlich beleidigt. Deswegen ehrt es das Basler Büro Herzog & de Meuron, dass sie anlässlich der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie auf die angebotene Gelegenheit verzichtet haben, ihre vierzigjährige Entwurfsarbeit umfangreich in den Hamburger Deichtorhallen zu präsentieren.

Stattdessen kann der Direktor des Ausstellungshauses, Dirk Luckow, nun zeigen, was ihm nach eigener Aussage sowieso lieber gewesen ist: eine in Absprache mit Herzog & de Meuron entwickelte, aber inhaltlich erstaunlich kritische Schau, die unter dem Titel "Elbphilharmonie Revisited" 12 Künstlern die Interpretationshoheit gibt. Und da wird es im Herz der Ausstellung gleich richtig frech. Ein Turmbau zu Babel, der im Moment der Explosion erstarrt, hat der belgische Künstler Peter Buggenhout bis unter das Dach der ehemaligen Blumenmarkthalle gebaut. Durch ein Stahlgerüst verbundene Architekturfragmente ergeben ein Standbild von Gottes Zorn, wie er den Gestalt gewordenen Größenwahn als Hybris menschlicher Eitelkeit zerbläst. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Direkt daneben kann die künstlerische Chefkritikerin männlicher Architekturpotenz, Monica Bonvicini, drei großformatige Arbeiten zeigen, die auch nicht gerade als Kniefall vor dem Konzerthaus-Design verstanden werden können. Wackelig gestapelte Ausstellungswände, auf die eine massive Betontreppe mit dem Hinweis, die Plattform auf keinen Fall zu betreten, führt, wirken wie ein ätzender Spott auf die Behauptung, die Elbphilharmonie sei ein demokratisches Gebäude, weil alle Menschen umsonst auf die Aussichtsebene könnten.

Umgeben ist dieses Monument des Zweifels mit den Bauarbeiter-Fragebögen, die Bonvicini seit 1999 ausfüllen lässt, und aus denen man lernt, dass "Scheiße"das meistbenützte Wort auf allen Baustellen ist, sowie von einer großen Wandarbeit, die auf die viel gerühmte "Weiße Haut" des Großen Saals anspielt - mit circa zehn Quadratmetern nackter Model-Haut, ausgeschnitten aus Magazinen, deren reliefartige Ansicht ziemlich eindeutig die Frage stellt, ob die männliche Architektursprache nicht vielleicht einen sexuell-voyeuristischen Subtext besitzt?

Eine Ecke weiter lässt Liam Gillick schwarzen Schnee auf einen computergesteuerten Flügel rieseln, der Strawinskys Ballett über die Jahrmarktspuppe "Petruschka" spielt, die kurzzeitig Mensch sein darf, aber daran nicht glücklich wird. Schwarz geht es weiter, wenn Janet Cardiff und Georges Bures Miller in einer dunklen Kabine das Konzerthaus aus alten Koffern und Bonbongläsern nachbauen, in denen Miniaturfiguren den Alltag eines Mietshauses darstellen, oder Tomás Saraceno in seinem "Arachno Concert" eine afrikanische Seidenspinne mit einem Spot auf ihr Netz beleuchtet, während die Bewegungen der Killerin und der Staub, den sie aufwirbelt, in leise Sounds übersetzt werden.

Der Film von Alexander Kluge und Sarah Morris ist eine herrlich verquere Intellektuellen-Debatte

Huldigung findet die Ästhetik des neuen Wahrzeichens noch am ehesten durch den Künstlerfreund der Architekten, Thomas Ruff, der das verwaschenen Porträt des Gebäudes in seiner Serie groß aufgezogener Thumbnail-Fotos aus dem Internet als schönes Monument würdigt. Aber schon gleich nebenan spielt der Musiker und Studio-Braun-Veteran Jacques Palminger in einer Sperrholz-Elbphi von "Baltic Raw Org" Kommentare zur Leidensgeschichte des Projekts, sowie Tiergeräusche und den Sound einer Heulboje auf Plattenspielern ab - und lässt es durch ein großes Nebelhorn ab und zu rülpsen. Ganz ehrlich: Freuden-Rufe klingen anders.

Der vielleicht komplexeste Kommentar zum Thema stammt von Sarah Morris und Alexander Kluge. In einem neuen, zwanzigminütigen Architekturfilm der New Yorker Künstlerin unterhalten sich die beiden über den Begriff des "unendlichen Spiels" des Religionswissenschaftlers James P. Carse und den "Tiger von Eschnapur". Über die heimliche Herrschaft von Gretel Adorno im Frankfurter Institut für Sozialforschung und den Zusammenhang von Avantgarde und Musik. Dazu zeigt Morris Detailaufnahmen aus der Elbphilharmonie, aus einer automatisierten Platinenfabrik und aus dem Studio von Alexander Kluge. Diese herrlich zerfahrene Intellektuellen-Diskussion ist vermutlich der ernsthafteste Versuch dieser Ausstellung, das Gebäude von Herzog & de Meuron wirklich in seiner Gänze zu lieben.

Elbphilharmonie Revisited. Bis 1. Mai in den Deichtorallen, Hamburg. Der Katalog kostet 29,80 Euro