Kunst Weltseele in 210 Stationen

Schon das Ausmaß der Installation "Anima Mundi" von Zygmunt Blazejewski im Ägyptischen Museum ist beeindruckend.

(Foto: SMÄK / Marianne Franke)

Das Museum für Ägyptische Kunst präsentiert in seinem Sonderausstellungsraum die Rollenbibliothek "Anima Mundi" von Zygmunt Blazejewski

Von Evelyn Vogel

Der Blick von oben in den Raum ist besonders beeindruckend. Deshalb sollte man einen Moment vor der breiten Glasfront verweilen und erst dann die Treppe hinabsteigen zu der Rollenbibliothek von Zygmunt Blazejewski im Sonderausstellungsraum. Der liegt einsam wie eine abgeschlossene Gruft hinter der Kasse des Ägyptischen Museums - und damit auf der gegenüberliegenden Seite des eigentlichen Ausstellungsrundgangs. Deshalb gab es anfangs auch Befürchtungen, dass er sich als toter Raum für das Haus erweisen könnte.

Doch so wie der scheinbar überflüssige Hohlraum bei der U-Bahnstation Königsplatz zum zusätzlichen und für das Lenbachhaus unschätzbar wertvollen Ausstellungsraum namens "Kunstbau" wurde, erweist sich dieser ebenfalls ganz in grauem Sichtbeton gehaltene hohe, lang gestreckte Schacht im Ägyptischen Museum immer mehr als Ort, um spielerisch den Bogen von den alten Ägyptern bis in die Neuzeit zu schlagen. Und längst ist die etwa 400 Quadratmeter große "Betonkiste mit Wow-Effekt", wie ihn Museumsdirektorin Sylvia Schoske fast liebvoll nennt, zum festen Bestandteil des Ausstellungskonzept des Hauses geworden.

Steht man also oben, schaut man zig Meter in die Tiefe. Man hat das Panorama des Raumes und die Installation vor Augen und ahnt die Größe von Blazejewskis Rollenbibliothek "Anima Mundi", die nicht von ungefähr im Umfeld des Ägyptischen Museums Assoziationen zu Papyrusrollen weckt. Wie groß sie aber tatsächlich ist, dessen wird man erst gewahr, wenn man vor ihr steht. Auf elf Metern Länge und mehr als sechs Meter Höhe erstreckt sie sich. 210 Bildrollen sind in sieben raumhohen Stelen angeordnet. Noch nie war Blazejewskis Arbeit, die in den Jahren von 1992 bis 1997 entstanden ist, so vollständig präsentiert. Im Frankfurter Raum, wo der gebürtige Münchner seit langer Zeit lebt, hatte er Teile davon schon einmal flach über das Portal des Deutschen Architekturmuseums gelegt. Zwei vertikale Anordnungen flankierten zeitweilig den Altar der Kirche St. Cäcilia von Balthasar Neumann in Heusenstamm. Und im ehemaligen IG Farben-Haus der Frankfurter Universität hatte Blazejewski einmal eine Auswahl wie auf einer riesigen Kabeltrommel oder wie in einem überdimensionalen Ring aufgerollt.

Nicht nur, dass die Arbeit hier in München nun erstmals vollständig gezeigt wird. Mit Hilfe von zwei Medienstationen kann man die Bilder auch digital entrollen und sie einzeln studieren. Das ist nicht uninteressant, wenngleich sich die ganze Dramatik, unter der die Arbeiten nach den Worten des Künstlers und vielmehr noch seines Sohnes wohl entstanden sind, nur dem Betrachter mitteilt, der sich intensiv damit auseinander setzt. Und das bedeutet, man muss die Rollen Bild für Bild aufrufen und sie sich anzeigen lassen. Und nicht einem spielerischen Impuls folgend mal hierhin und mal dahin tippen. Sondern sie systematisch erkunden, die Veränderungen studierend.

Im ersten Moment wirkt die Rollenbibliothek nämlich ziemlich gleichförmig. Die farbintensiven Bilder, jedes 1,10 Meter auf 1,35 Meter groß, sind so aufgerollt, dass vorne eine Figur zu erkennen ist. Entrollt zeigt sich, dass sich diese Figur im unteren rechten Feld, die gedruckt, gemalt, übermalt ist, durchaus verändert. Bis etwa zur Hälfte der Rollen hat Blazejewski sie stark reduziert und eher schwebend dargestellt, wie einen Menschen, der den Boden unter den Füßen verloren hat. Dann verändern sich Kopf und Haltung, ja, man meint sogar, eine Veränderung an der Bekleidung auszumachen, und die Figur gewinnt immer mehr an Erdung.

"Anima Mundi" hat der Künstler seine Rollenbibliothek genannt. Das naturphilosophische Konzept der "Weltseele", das sich dahinter verbirgt und Makro- wie Mikrokosmos umfasst, hat er mit Acryl auf Leinwand, Baumwolle und Nesselstoff gedruckt, gemalt, gekratzt, geschabt. Nicht übereinander ein Schicksal verdichtend, sondern in einzelnen Schichten jedes auf eine andere Fläche aufgebracht. Kein Zweifel, das Ganze ist ein sehr persönliches, über Jahre entstandenes Befindlichkeitskonstrukt. Es dokumentiert das Ringen dieses Künstlers in und mit der Gesellschaft. Mit dem Aufrollen der Bilder scheint er dieses Schicksal bewahren, vielleicht auch verbergen zu wollen. Vielleicht mutet es deshalb auch irgendwie schizophren an, dass er die Rollenbibliothek hier nun öffnen lässt. Vielleicht ist das Entrollen nun aber auch ein Befreiungsschlag. Für Zygmunt Blazejewski geschieht dies nach eigenen Worten jedenfalls in einem "idealen Raum".

Rollenbibliothek Anima Mundi, Installation von Zygmunt Blazejewski, Ägyptisches Museum, Gabelsbergerstr. 35, bis 16. September, Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-18 Uhr