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Kunst:Was den Menschen überwuchert

Hans Haacke wurde gerade zu einem der einflussreichsten Künstler 2019 gekürt. Eine Ausstellung in München gibt Einblicke in sein Frühwerk, in dem er sich oft mit Natur und Ökologie beschäftigte

Die Natur wird die Menschheit sehr wahrscheinlich überleben. Ein Gedanke, an dem man auf gewisse Weise etwas Tröstliches finden kann. So sieht es jedenfalls der Berliner Kultur- und Literaturwissenschaftler Hartmut Böhme, der diesen Gedanken im Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) formulierte. In seinem Vortrag ging es unter anderem um den "letzten Menschen" und wie sich die Vorstellung vom Untergang vom biblischen Narrativ gelöst hat. Es wurden Beispiele aus der Kunstgeschichte präsentiert wie ein von Dürer gemalter Meteoriten-Einschlag, Fotografien von Müll, die Rudolf Kramer bereits Ende der 1920er machte. Oder neuere, hoch ästhetisierte Ruinen-Fotos von Thomas Windisch.

Irgendwo in diesem Spannungsfeld bewegt sich auch das Frühwerk von Hans Haacke, um den es hier eigentlich geht. Mit Böhmes Vortrag wurde neben der Reihe "Kunst Natur Politik: Jetzt" auch die gleichnamige Ausstellung eröffnet, die sich vorwiegend um kaum bekannte, frühe Arbeiten von Haacke aus der Zeit um 1970 dreht.

Der 83-jährige Haacke wurde von der Zeitschrift Monopol kürzlich zum einflussreichsten Künstler 2019 gekürt. Seine Wahlheimat New York widmet ihm im New Museum gerade eine Retrospektive. Bei der Ausstellung in München geht es weniger um Politik und Institutionskritik, nicht um die wirtschaftlichen Verflechtungen von Kunst, wie man es von Haacke eigentlich kennt. Hier stehen, sehr aktuell, Natur, Tierwelt, Ökologie im Zentrum.

Seine "franziskanischen Arbeiten" nannte Haacke diese Arbeiten humorvoll, in Anspielung auf Franz von Assisi, der als Pazifist, Tier- und Naturfreund galt. "Hans Haacke hat es mit dem Wasser" titelte wiederum die Krefelder Rundschau 1972 angesichts der Ausstellung "Demonstrationen der physikalischen Welt" im Haus Lange. Damals hatte Haacke dort eine Rheinwasseraufbereitungsanlage aufgebaut, zu der Klärbehälter und ein Goldfischbecken gehörten. Das gereinigte, trinkfertige Wasser landete abschließend über einen Schlauch im Garten. Zwei Schautafeln, die zeigten, wer wo und wie stark in Krefeld das Wasser verschmutzt, gehörten ebenfalls zur Ausstellung. Sowie ein Bild von Möwen, die an einer Fabrikabwasser-Einleitungsstelle tote Vögel aus dem Rhein holen.

Den Schriftzug "Der Bevölkerung“ errichtete Hans Haacke 2007 am nördlichen Innenhof des Reichstags. Er forderte die Abgeordneten auf, Erde aus ihren Wahlkreisen beizusteuern, dann pflanzte er Gras und Unkraut, die mit ihrem Wachstum die Worte nach und nach verschwinden ließen.

(Foto: Hans Haacke VG Bild-Kunst)

Das daraus gebildete "Krefelder Abwasser-Triptychon" ist in der von Ursula Ströbele kuratierten Ausstellung zu sehen. Die Rheinwasseraufbereitungsanlage ist dagegen wie viele andere Werke nur fotografisch und mit Texten dokumentiert. Der Grund? Werke wie etwa das 1970 in Spanien entstandene "Denkmal der Strandverschmutzung" sind nicht erhalten. Tatsächlich war Haacke weniger an der Schaffung bleibender Objekte interessiert als an biologischen, physikalischen oder gesellschaftlichen Systemen und Prozessen. Er wollte "etwas machen, das Erfahrungen und Erlebnisse hat, das auf seine Umwelt reagiert, sich verändert, unsolide ist. Etwas Undetiminiertes, das immer anders aussieht, dessen Gestalt nicht präzise voraussagbar ist, das ohne das Mitwirken der Umwelt seine 'Vorstellung' nicht geben kann. Etwas, das in der Zeit lebt".

So hat es Haacke selbst jedenfalls 1965 formuliert. Und deshalb hat er für "Ant Coop" Ameisen in ein Plexiglasgefäß und etwa deren dort neu entstehendes Tunnelsystem zu dem New Yorker Straßensystem in Bezug gesetzt. Er hat bei "Chickens Hatching" Küken in einem methodisch unterteilten Brutkasten ausschlüpfen lassen, was an heutige Verfahren der Massentierhaltung denken lässt. Für "Transplanted Moss in an Artificial Climate" ließ er durch das Besprühen einer Trauerweide mit Grundwasser Moos entstehen. Und bei "Goat Feeding in Woods" schickte er eine Ziege im Museumsgarten der Fondation Maeght zum weiden und konfrontierte damit Kunst und Natur als Systeme. Kritische Anspielungen wie die des Künstlers als "Nutztier" inklusive.

All das waren Arbeiten, die im Versuchsaufbau und ihren gesellschaftskritischen Bezügen teilweise einfach und direkt, aber oft auch sehr komplex waren. Und bei denen die Grenzen zwischen Kunst, Natur, Technik und Wissenschaft verwischten. Aufgrund der Kurzlebigkeit oder Prozesshaftigkeit war das natürlich höchst dramatisch für den an Solidität interessierten Kunstmarkt. Und es dürfte auch einer der Gründe dafür sein, warum Haackes Frühwerk nicht oder kaum kanonisiert ist. Wobei sich der Künstler auch bei seinen späteren Aktionen stets um Kunstmarkt-Unverträglichkeit bemüht hat.

Gift Horse on Fourth Plinth at Trafalgar Square

Der Künstler Hans Haacke, 83, lebt in New York.

(Foto: Facundo Arrizabalaga/dpa)

Mit der im Jahr 2000 im Innenhof des Reichstagsgebäudes installierten, damals heftig diskutierten Arbeit "Der Bevölkerung" ist eines dieser Werke auch dokumentiert. Haacke forderte dafür Politiker auf, Erde aus allen Bundesländern in Holztröge zu füllen, in denen seitdem Gras und Unkraut über den Titel-Schriftzug wächst, der eine Neuformulierung von "Dem Deutschen Volke" darstellt. Als künstliches Biotop hat das durchaus Bezüge zum Frühwerk, sowie zur Arbeit "Wir (alle) sind das Volk", die Haacke 2017 für die Documenta 14 schuf und die in Gestalt von zwei Flaggen und einem Banner draußen am Gebäude des Zentralinstituts für Kunstgeschichte hängt.

Der darauf in zwölf Sprachen zu lesenden Titel erinnert an den Mauerfall vor 30 Jahren und die dem vorausgehenden Montagsdemonstrationen. Und weil sich das ZI im ehemaligen Verwaltungsgebäude der NSDAP befindet, kommen möglicherweise noch andere Assoziationen auf. Verglichen mit der Radikalität früherer Arbeiten oder den umstrittenen Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit, wirkt das trotzdem etwas harmlos. Und was vielleicht mal ein politischer Kampfruf war, das weht nun stumm im kalten Wind.

Kunst Natur Politik: Jetzt, bis 7. Februar, Mo. bis Fr., 10-18 Uhr, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Katharina-von-Bora-Str. 10 (weitere Vorträge am 8. und 15. Januar)