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Kunst:Vor Goldgrund

Albrecht Dürers Lehrer Michael Wolgemut betrieb um 1500 in Nürnberg eine florierende Werkstatt. Er schuf Glasfenster, Altäre, Druckgrafiken, wie eine Ausstellung in Nürnberger Kirchen und Museen zeigt.

Der Junge hätte Goldschmied werden sollen wie sein Vater. Doch er brach die Lehre im Familienbetrieb ab, um die Malerei zu lernen. Offenbar hatte Albrecht Dürer früh einen starken Willen, denn er überzeugte seinen verärgerten Vater, ihn in die Lehre zu Michael Wolgemut zu geben, der in der Nürnberger Nachbarschaft der Familie eine florierende Künstlerwerkstatt unterhielt. Gezeichnet hatte der Jugendliche vorher schon, jetzt aber lernte er das Handwerk und auch die Betriebsführung systematisch. Später sollte er sich darüber beklagen, die Gesellen Wolgemuts hätten ihn gepiesackt. Seinen Lehrer aber behielt er in bester Erinnerung.

So kam es später zu Dürers Bildnis des älteren Wolgemut, eines der berührendsten Porträts der deutschen Renaissance. Dürer malte es Jahre nach der Zusammenarbeit wohl für sich selbst, als Dokumentation seines Lebensweges und eines Menschen, der ihn geprägt hatte. Er muss es nach dem Leben geschaffen haben, denn es zeigt den schon alten Mann, der an einer Mischung aus Grauem und Grünem Star erkrankt ist und deshalb mit leicht leerem Blick umso sorgenvoller ausschaut. Sein zart gestrichelter Pelz schmiegt sich an den faltigen Hals, eine dunkle Kopfbedeckung verdeckt das möglicherweise schon spärliche Haar. Der Mann ist in Nahsicht zu sehen, der Betrachter befindet sich quasi auf Tuchfühlung. Und doch scheint der alte Künstler auf diesem Bild ganz in sich selbst zu ruhen; seine ernsten, fein geschnittenen Züge mit den schmalen, blassen Lippen zeigen ihn als nachdenklichen Mann, der viel erlebt hat.

Albrecht Dürer: Bildnis des Nürnberger Malers Michel Wolgemut, 1516

Albrecht Dürers Bildnis seines Lehrers, des Nürnberger Malers Michel Wolgemut.

(Foto: Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München)

1516 malte Dürer das Porträt, ergänzte aber eine Inschrift drei Jahre später, als Wolgemut gestorben war. Aus Anlass des 500. Todestages zeigen Nürnberger Kirchen und Museen nun die Werke Wolgemuts und seines Kreises. "Mehr als Dürers Lehrer" heißen die Ausstellungen, die zum Stadtspaziergang einladen. In dem Titel impliziert ist das Unvermeidbare: Man sieht die Werke des Meisters und denkt an seinen Schüler, der sich so anders entwickelte: weg vom Goldgrund, weg von der strengen spätmittelalterlichen Ikonografie, hin zu Individualität, Anatomie, Psychologie der neuen Zeit.

So erfolgreich waren Dürers Formentscheidungen, das er schon bald zu Wolgemuts Konkurrenten um die Gunst der Nürnberger hohen Herren aufstieg. Nach seiner Ausbildung im Fränkischen war er Anfang des Jahres 1492 zu dem großen Fantasten, Kupferstecher und Maler Martin Schongauer nach Colmar gereist - musste aber erfahren, dass der Meister kurz zuvor gestorben war. Doch Schongauers Familie stattete den Reisenden mit Blättern und Erzählungen aus, so dass er sich eine genauere Vorstellung machen konnte, wie der Künstler gearbeitet hatte.

Im Laufe der Zeit nähert sich die Werkstatt Michael Wolgemuts dem Denken der Renaissance immer mehr an

Als Dürer wieder in Nürnberg war, galt er bald als der modernste Künstler der Stadt, die Aufträge für Bildnisse und einige Druckgrafiken gingen nun oft an ihn statt an die Werkstatt Wolgemuts. Doch für die großen Altäre, die Epitaphe, die Fenster, auch einige Druckerzeugnisse war Wolgemuts Haus beste Adresse, bis nach Böhmen und Sachsen war seine religiöse Malerei gefragt. Besonders in den Nürnberger Kirchen ist zu sehen, wie außerordentlich produktiv sein Atelier arbeitete.

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Werkstatt Michael Wolgemut: "Epitaph für Jodokus Krell".

(Foto: GNM; Bayer. Staatsgemäldesammlung)

Unbedingt lohnend (auch außerhalb der aktuellen Ausstellung) ist ein Besuch der mächtigen Lorenzkirche mit ihrem 1477 fertiggestellten Hallenchor. Sie verdankt gute Teile ihrer Ausstattung der Werkstatt des gebürtigen Nürnbergers. Wolgemut und seine Gesellen entwarfen etliche der hohen Glasbilder, darunter das Friedrich III. gewidmete Kaiserfenster. Die Scheibengröße bestimmen Struktur und Rhythmus der Bilderzählungen, doch die Künstler wollen mehr, sie ringen um mal freudige, mal traurige Gesichter, um kunstvoll gemalte Architekturelemente, die unterschiedliche Motive zusammenhalten. Im Laufe der Zeit nähert sich die Werkstatt dem Denken der Renaissance immer mehr an. So porträtiert ein Mitarbeiter 1485 den Probst der Lorenzkirche Dr. Lorenz Tucher in einem Glasgemälde für St. Michael in Fürth. Die verschatteten Wangen, der konzentrierte Blick des Lesenden sorgen für Unverwechselbarkeit; der Faltenwurf des Gewandes aber wirkt noch fast gotisch.

Wolgemut war ein Mann des Übergangs, einer, dessen Gesellen, wie im Epitaph für den Vikar Jodokus Krell, noch mit Pressbrokat arbeiteten. Und der sich trotzdem dann auch mit Holzschnitten an der avantgardistischen Schedelschen Weltchronik beteiligte. Einerseits bedachte er Bürger und Kleriker mit der Tradition, andererseits gierte er nach Innovation - und ging in seiner Wissbegierde soweit, die Witwe eines Konkurrenten zu heiraten, um dessen Entwürfe zu bekommen. Dürer hätte im Fränkischen keinen besseren Zeitgenossen finden können, um erst zu lernen und sich dann vom Meister abzugrenzen.

Michael Wolgemut

Werkstatt Michael Wolgemut: Stifterscheibe des Dr. Lorenz Tucher.

(Foto: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Michael Wolgemut. Mehr als Dürers Lehrer. Ausstellung in neun Stationen in Nürnberg und Schwabach. Katalog 40 Euro. Info: museen.nuernberg.de

© SZ vom 20.01.2020
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