bedeckt München

Verschollene Kunst:Geldübergabe ja, aber in bar, ohne Rechnung

Ma Yue behauptet, Bell Art habe die Bilder nie erhalten. Aber Zhang Xi ist nicht die Einzige. Auch der deutsche Künstler Uwe Esser händigte der Firma 2015 vier seiner Kunstwerke für eine Ausstellung in Nanjing aus. Auch er hat die Bilder nie wieder gesehen, auch er wurde nie bezahlt. Einmal, sagt er, sei ihm von Ma Yues Mitarbeitern eine "konspirative Geldübergabe" angeboten worden: "Sie sagten mir, Herr Ma könne mir das Geld am Düsseldorfer Flughafen übergeben, in bar, ohne Rechnung, und ohne Mehrwertsteuer." Er lehnte ab, und erstattete Anzeige. Für den 24. Januar 2020 ist nun in Krefeld der Prozess gegen Ma Yue angesetzt, wegen Unterschlagung.

Von Unregelmäßigkeiten erzählt auch Elke Rosemeier, die von 2014 an als Bürokraft zuerst für Ma Yues Firma Glory Union und dann für die Bell Art arbeitete. "Rechnungen waren nicht so das Ding von Herrn Ma", erzählt sie. "Das ging immer über Mahnbescheide. Ich habe den ganzen Tag Mahnbescheide sortiert und die Leute am Telefon vertröstet, das war mein Job." Elke Rosemeier kündigte im Frühjahr 2017, als ihr Gehalt ausblieb. "Aber Ma Yue hatte ja auch tolle Ideen", sagt sie. "Alle haben sich von ihm blenden lassen."

Maria Chen-Tu sah keine Warnsignale, sie arbeitete weiter mit Bell Art zusammen, ließ Ma Yue an weiteren Orten in China Ausstellungen mit ihren Bildern organisieren. Dass er chronisch klamm war, einmal gar die Versicherungsprämien für die Werke nicht bezahlte, ignorierte sie. In Changsha, im Oktober 2018 kam es erstmals zum Konflikt. Kurator der Ausstellungen war mittlerweile Wenzel Jacob, der ehemalige Bonner Kunsthausdirektor.

"Das ist Kindermist!" Markus Lüpertz mit seinem spontanen Werk bei der Pressekonferenz am Montag in Peking.

(Foto: Christoph Giesen; VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Die ersten drei Ausstellungen seien professionell abgelaufen, sagt er: Die Kisten wurden jeweils unter Aufsicht ausgepackt, die Ausstellung aufgebaut, und danach wieder ordentlich unter Zeugen verpackt und verplombt. In Changsha war es dann anders. "Herr Ma war sehr unfreundlich, als ich die Ausstellung aufbaute. Später erfuhr ich dann, dass der zuständige Mann für den Abbau nicht dabei war und also auch nicht protokollieren konnte, dass alle Werke ordnungsgemäß verpackt wurden."

Ma Yue bestreitet, dass er persönlich Bilder zum Verkauf angeboten haben soll

Ma Yue erklärte Maria Chen-Tu später, die Zollbehörden hätten den Abbau verzögert. "Heute weiß ich, dass die Werke damals schon längst in Hongkong waren", sagt Maria Chen-Tu. Bereits Mitte Dezember dann brachte Ma Yue große Teile der Arbeiten wieder nach China, und zwar nach Shenzhen, der Grenzstadt der ehemaligen britischen Kronkolonie. Bei der Wiedereinfuhr nach China gab seine Firma beim Zoll den Wert der Anselm-Kiefer-Arbeiten mit insgesamt 60 000 Euro an. Also knapp 700 Euro für einen Kiefer. Ma Yue sagt, er sei kein Zollexperte, das habe jemand anderes aus seiner Firma gemacht.

In Shenzhen dann hatte Ma Yue mit einem privaten Museum dort einen Vertrag abgeschlossen, der offenbar vorsah, ihn zu 40 Prozent an den Erlösen einer Kiefer- und Lüpertz-Ausstellung zu beteiligen. Als Besitzer der Werke vermerkte die Übereinkunft: Ma Yue. Davon erfuhr Maria Chen-Tu allerdings erst im Mai 2019. "Ich bin aus allen Wolken gefallen." Im Juli stellte sie in Peking Strafanzeige. "In Deutschland würde der Staatsanwalt sofort sämtliche Kisten konfiszieren und überprüfen", sagt sie. "Es könnte ja sein, dass statt der Werke Steine verpackt wurden. In China passiert nichts." Stattdessen vertrösten die Beamten: Solange sie nicht beweisen könne, dass Ma Yue Werke aus der Sammlung verkauft, sei es ein zivilrechtliches Problem. Maria Chen-Tu sagt, das verstehe sie nicht. "Es ist eine Straftat, solche Leute müssen aus dem Verkehr gezogen werden." Sie habe zudem Belege, dass Ma Yue einem Sammler aus Taiwan etwa ein Kuh-Bildnis aus Kiefers "Europa"-Serie zum Kauf angeboten habe. Auch einige Lüpertz-Arbeiten. Etwa das Bild "Kamm", 1968 gemalt. "Es war mein allererster Lüpertz", sagt Maria Chen-Tu. "Er hat meine Arbeiten angeboten?", unterbricht Lüpertz. "Das ist illegitim. Das darf er nicht."

Ma bestreitet das. Er persönlich habe keine Bilder zum Verkauf angeboten, sagt er am Telefon - für seine Mitarbeiter könne er da allerdings die Hand nicht ins Feuer legen. Im Übrigen, teilt er später schriftlich mit, sei er im Dezember 2016 von Maria Chen-Tu ermächtigt worden, Werke zu verkaufen. Einen Vertrag kann er nicht vorzeigen. Maria Chen-Tu sagt: Nach dem Streit mit Kiefer 2016 habe sie Ma tatsächlich die Erlaubnis gegeben, die Werke Kiefers zu verkaufen - aber nur in Gänze, als Kollektion. "Niemals einzelne Werke. Und schon gar nicht Lüpertz."

Der Großteil von dessen Werken ist offenbar noch in Hongkong. Weil Ma die Kosten für ein Lager nicht bezahlen konnte, seien gut 90 Arbeiten gepfändet worden, hat Maria Chen-Tu recherchiert. Es geht um Schulden in Höhe um 300 000 Euro. Ma bestreitet auch das. Stattdessen sagt er: Die Arbeiten befänden sich in Shanghai, Shenzhen und Hongkong, jederzeit zugänglich für Maria Chen-Tu. Sie könne sie einfach abholen. Er verstehe die ganze Aufregung nicht. Alles Lüge, sagt wiederum Maria Chen-Tu. Sie wisse nicht, wo die meisten der Werke gelagert seien, vor allem könne sie nicht darüber verfügen.

Die "Waffenhändlerin" wurde nie für irgendein Vergehen belangt

Wochenlang hatte Ma Yue nicht auf die Kontaktversuche von Maria Chen-Tu reagiert. Am Sonntag, dem Tag vor der Pressekonferenz, dann schickte er ihr eine Nachricht: "Er droht mir jetzt mit Schadenersatzklage", so Chen-Tu.

"Und er nennt mich eine Waffenhändlerin." Ah, die Sache mit dem Waffenhandel. Im deutschen Netz mag sich kein Wort über sie finden - taiwanische Webseiten spucken eine ganze Menge aus. Ihr Name taucht auf in Zusammenhang mit einem der größten Waffenbeschaffungs- und Korruptionsskandale in der Geschichte Taiwans. Der Chef des Beschaffungsamtes der Marine, Kapitän Yin Ching-feng, verschwand 1993 auf dem Weg zu einem Treffen in einem Café, am Tag danach fanden Fischer seine Leiche im Meer. Die Frau aber, die er an jenem Tag sprechen wollte, um über einen Rüstungskauf zu reden, war Maria Chen-Tu. Sie wurde nie für irgendein Vergehen belangt. Der SZ sagte sie, sie habe 1993 bei der Ersatzteillieferung einer deutschen Firma für taiwanische Minenräumboote ein wenig Unterstützung geleistet, eine Waffenhändlerin sei sie deshalb aber nicht.

Nach der Pressekonferenz am Montag hat sie noch eine Bitte: Ob man nicht vielleicht in einem Bericht ihren Namen einfach weglassen könne? Nur die Stiftung, mehr nicht.

Markus Lüpertz ist deutlich weniger öffentlichkeitsscheu. Am Ende hält er den Hotelblock in die Höhe, zeigt, was er gekritzelt hat: Es ist ein Weihnachtsengel, durchaus martialisch. Ein Lüpertz in China wenigstens, der nicht verschollen ist.

© SZ vom 19.11.2019/tmh
Zur SZ-Startseite
Umzug Ethnologisches Museum

Kolonialismus
:Die größte Identitätsdebatte unserer Zeit

Beim Streit um Raubkunst geht es nicht nur um Wiedergutmachung. Sondern auch um den Blick, mit dem Europa die Welt heute wahrnimmt.

Gastbeitrag von Jürgen Zimmerer

Lesen Sie mehr zum Thema