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Kunst:Verrückt

Nie wieder Würfelhusten: Gegen das Elend der Kiste setzt die neue Landesgalerie in Krems auf eine spektakuläre Architektur - und außerdem auf lohnende Ausstellungen.

Von Gottfried Knapp

Was haben das Kunstmuseum Stuttgart, das NS-Dokumentationszentrum in München und das neue Bauhaus-Museum in Weimar gemeinsam? Sie sind in einen Würfel eingesperrt, der von außen extrem abweisend ist; an seinen geschlossenen platten Wänden und harten Kanten prallen fragende Blicke brutal ab. Der Inhalt bleibt ein Rätsel. Nichts zieht den Passanten hinein. Und da die Architekten den Eingang, der die Idealform ihres Würfels beschädigt, jeweils trotzig versteckt haben, muss man sich zwingen, das Loch zu suchen und so in das hermetisch verschlossene Innere einzudringen.

Seit einiger Zeit scheint den Architekten für die anspruchsvolle Bauaufgabe Museum, die sie vor einigen Jahrzehnten noch zu künstlerischen Höchstleistungen inspiriert hat, nur noch die absolut nichtssagende Form des Kubus einzufallen. Offenbar halten Baukünstler derzeit die Kiste, in der alles sauber übereinandergestapelt und weggesperrt werden kann, für die architektonisch passendste Antwort auf den unermesslichen Formenreichtum der in Museen gezeigten Ausstellungsstücke.

Das Land Niederösterreich, das sich in jüngster Zeit kulturell immer deutlicher artikuliert und von Wien abgenabelt hat, wollte irgendwann ein Museum für seine ständig gewachsenen Kunstbestände errichten. Dass man diese Landesgalerie nicht in die 1986 zum Regierungssitz erklärte Stadt St. Pölten verlegt hat, wo schon andere Landesmuseen angesiedelt sind, sondern in die touristisch belebte Wachau nach Krems, war eine kluge Entscheidung. In der dortigen Museumsmeile reiht sich die neue Galerie in eine Gruppe ähnlich lebendiger Ausstellungshäuser und Kultureinrichtungen ein. Und da sie dort der seit 1995 aktiven Kunsthalle direkt gegenübersteht, ja unterirdisch sogar mit ihr zu einer beneidenswert großen Ausstellungslandschaft zusammengeschlossen ist, verdichtet sich das Kunstbiotop Krems zu einem der größten und lebendigsten Kulturzentren Österreichs.

Der mit einem Schuppenpanzer verkleidete Bau zieht die Blicke magisch an

Den Architektenwettbewerb für das neue Haus hat das Vorarlberger Büro Marte.Marte Architekten gewonnen. Das Brüderpaar Bernhard und Stefan Marte hat mit dezidiert kubischen Sichtbetonbauten, die durch wenige wirkungsvoll gesetzte sprechende Details Charakter bekommen und jeweils sehr klug, aber auch sehr selbstbewusst auf die meist heterogene Umgebung reagieren, in den letzten Jahren einigen Ruhm erlangt. Für die Landesgalerie in Krems schlugen sie, als würden sie sich dem modischen Zwang zum Museumskubus beugen, einen Würfel von exakt quadratischem Grundriss vor, doch diesen hockenden Klotz, der direkt am Donauufer zwischen lauter niedrigeren Bauten und direkt vor dem Steiner Stadttor wie ein Bollwerk gewirkt hätte, haben sie nach oben verschlankt, also schmaler werden lassen, und gleichzeitig in sich so verdreht und so weit aus der Achse verschoben, dass das Quadrat des Daches, wie Grundrisse und Luftaufnahmen zeigen, deutlich verrückt, man könnte auch sagen: wachaugemäß trunken schief über dem etwas größeren Quadrat der Grundfläche sitzt. Die Wirkung dieser Dreh- und Schiebe-Maßnahme ist in monumentaler Übergröße an den vier Außenwänden abzulesen. Sie stehen nicht aufrecht da, sondern hängen ganz unterschiedlich schräg nach innen oder außen über und sind durch die Verdrehung außerdem in sich sphärisch so gekrümmt, dass ein bizarr verzogenes Gebilde mit dynamischen Schrägen und Kurven entstanden ist.

Dieser mit einem Schuppenpanzer aus Zinnschindeln verkleidete Baukörper zieht die Blicke von allen Seiten magisch auf sich, wirft sie an einigen Stellen höchst elegant aus der Kurve, lenkt sie aber an anderen Stellen sinnfällig auf den Boden zurück, dorthin, wo der Bau zur Ruhe kommt und sich nach außen öffnet. Jede der vier Außenwände endet unten in einem weitgespannten flachen Segmentbogen, der verglast ist und den Blick von außen ins Innere und von innen hinaus auf den Platz schweifen lässt.

Landesgalerie Niederösterreich in Krems

Der von Marte.Marte Architekten errichtete Neubau der Landesgalerie Niederösterreich in Krems baut sich direkt vor der Kunsthalle auf.

(Foto: Faruk Pinjo)

Im Inneren des gekippten und verwirbelten Kubus sorgen zwei senkrecht durch alle fünf Geschosse durchlaufende, im Grundriss quadratische Betontürme als Kerne und Traggerüste für eine räumliche Ordnung. Der eine enthält die Last- und Personenaufzüge und die technischen Anlagen, der andere das um einen Lichtschacht herumgeführte Treppenhaus, in das auch die Nottreppe mit ihren Schutztüren integriert ist.

Im allseits offenen Erdgeschoss nehmen Foyer, Laden und Restaurant etwa die Hälfte der Grundfläche ein. Der von schräg stehenden Glaswänden dominierte Rest ist für Sonderausstellungen reserviert. In den drei übereinander jeweils leicht verrutschten Obergeschossen kommen die senkrecht stehenden Kerne jeweils an anderen Stellen an, sodass die Raumfolgen um sie in jedem Stockwerk etwas anders ausfallen; sie laden zu Rundgängen ein. In der obersten Etage ist an der zur Donau gerichteten Ecke eine quadratische Terrasse ausgespart; ihre Konturen folgen den Koordinaten des Erdgeschosses, schneiden also schräg in das verschobene Quadrat des Dachgeschosses ein.

Der großartige Blick von dort oben über das Dächergewirr der Stadt Stein und geradeaus über die Donau auf die triumphal auf dem Berg thronende barocke Schauarchitektur des Stiftes Göttweig dürfte bald zu den fotografischen Lieblingsmotiven der Wachau-Besucher zählen. Aber auch der auf dieser Terrasse aufgestellte Glas-Stahl-Würfel von Dan Graham, dessen diagonal gesetzte Glasscheiben mit ihren zentralen runden Öffnungen zum Durchklettern oder Durchfotografieren einladen, würde allein schon den Weg nach oben lohnen.

Vom Knecht zum Sammler: Die Geschichte des Museums ist auch die von Franz Hauer

Für die Einweihung des Hauses und die Eröffnungsmonate haben die Leiter der Landesgalerie fünf ganz individuell interessante Ausstellungen zusammengestellt, die einen imponierend weiten Bogen spannen und doch intim aufeinander und auf die Region bezogen sind. Sie sind verblüffend logisch in die ganz unterschiedlichen Raumfolgen der fünf Ausstellungsstockwerke hineinkomponiert, beweisen also recht überzeugend die Brauchbarkeit der Architektur, deren heftige Außengesten verklemmte Hohlräume im Inneren befürchten ließen, wie sie etwa in Museumsbauten von Zaha Hadid zu finden sind.

In den weiten Räumen des Untergeschosses, die unter der Straße hindurch zur Kunsthalle hinüberführen, widmet das Museum einem der eigenwilligsten und bedeutendsten, heute freilich weitgehend vergessenen Kunstsammler der frühen Moderne eine Hommage, die Staunen erzeugt. Franz Hauer, der in ärmlichsten Verhältnissen in der Wachau aufgewachsen ist, als Hotelknecht in Krems anfing, als Wirt des Wiener Prominentenlokals Griechenbeisl aber ein beträchtliches Vermögen erwerben konnte, hat in den wenigen Jahren, die ihm zum Kennenlernen von Kunst und zum Sammeln blieben - er starb schon im Alter von 47 Jahren - eine Sammlung zeitgenössischer Gemälde zusammengetragen, die heute wie ein Wunder bestaunt wird.

Von Albin Egger-Lienz, der mit seinen Monumentalisierungen ländlicher Figuren eine Position zwischen Naturalismus und Moderne anstrebte, hat Hauer ganze Serien radikal formalisierter Bilder gekauft, deren koloristische Herbheit sie für die Kunstgeschichte gerettet hat. Eine ganze Reihe weiterer Maler, die zwischen Spätimpressionismus und Jugendstil ihre Spuren zogen, wie der in Farben schwelgende Anton Faistauer, haben für Hauer gearbeitet und jahrelang von ihm gelebt.

Bild aus Sammlung, Krems

Eines der Glanzstücke in Krems: Egon Schieles "Selbstporträt mit Pfauenweste" aus dem Jahr 1911.

(Foto: Landessammlungen Niederösterreich/Ernst Ploil)

An die Spitze der Avantgarde hat sich Hauer aber mit seiner Begeisterung für die "Jüngsten" gesetzt, mit seinen gezielten Erwerbungen radikaler Werke von Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Selbst wenn sich nur die suggestiven Porträts erhalten hätten, die Schiele und Kokoschka 1914 von ihrem Gönner und Briefpartner gezeichnet und gemalt haben - sie summieren sich zu einem Persönlichkeitsbild von einzigartiger Dichte -, müsste man die Beziehung, die sich zwischen ihnen und ihrem Sammler aufgebaut hat, als eines der Ereignisse feiern, die ihr Schaffen in den Monaten vor dem Weltkrieg am entschiedensten beflügelt haben.

Mit Bildern, Zeichnungen und Aquarellen von Schiele, die bislang selten zu sehen waren, können aber auch zwei andere Ausstellungen im neuen Haus prunken. In der Ausstellung "Selbstdarstellung von Schiele bis heute" stehen die mimisch perfekt einstudierten und nach formalen Prinzipien konstruierten Selbstdarstellungen Schieles an der Spitze einer langen Reihe ähnlicher Versuche, mit dem eigenen Abbild bildnerisch zu spielen und Aufmerksamkeit zu erregen. Und ein Stockwerk höher in der Ausstellung "Sehnsuchtsräume. Berührte Natur und besetzte Landschaften" fungieren Schieles Ansichten fragiler Landschafts- und Architekturorganismen als Beispiele für die Sehnsucht so vieler heutiger Künstler, das gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Natur bildnerisch zu reflektieren.

In den beiden restlichen Stockwerken des Museums sind Einzelausstellungen eingerichtet. Im Erdgeschoss kann Renate Bertlmann, die in diesem Jahr als erste Frau den österreichschen Pavillon auf der Biennale in Venedig allein bespielen darf, in angenehmer Lässigkeit die poetischen Monumente ihrer feministischen Weltsicht präsentieren. Und ganz oben, wo der Blick hinaus in die Wachau ansteht, führt uns Heinz Cibulka mit seinen Fotoassemblagen kreuz und quer durch das Land Niederösterreich, das sich mit dieser Landesgalerie einen touristisch attraktiven Ort geschaffen hat.

© SZ vom 03.07.2019

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