Kunst Verloren in der Masse

Grafische Arbeiten von Adolf Schinnerer, hier ein Blatt aus der Serie "Haus Silbernagel", zeigt die Galerie der Künstlervereinigung Dachau zum 70. Todestag des Künstlers noch bis zum 7. April.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Adolf Schinnerer galt als Poet unter den Grafikern. Zum 70. Todestag beleuchtet eine Dachauer Ausstellung eine besonders spannende Facette seines Schaffens: Die frühen Werke geben beklemmende Einblicke in seine Seelenzustände

Von Gregor Schiegl

Die Welt ist aus den Fugen geraten, das sagen heute viele. Man hätte es auch schon vor 100 Jahren sagen können: Die alte politische Ordnung in Europa zerbarst im Geschützdonner des Ersten Weltkriegs, auch die Rolle des Menschen, der als Gottes Geschöpf auf Erden wandelte, wurde durch die neuen Ideen der Zeit grundlegend infrage gestellt, durch Marx und Freud. "Der Mensch fiel aus der Welt", so formuliert es der oberbayerische Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler. "Er wurde aus seinem Idyll vertrieben." Natürlich blieb diese Umwälzung auch für die Kunst nicht folgenlos. Wassily Kandinsky widmet sich radikal der Abstraktion, während Künstler wie Alfred Kubin in die Sphären der Mystik, des Unheimlichen, Irrationalen eintauchten.

Dort muss man - zumindest in seiner frühen Phase - auch Adolf Schinnerer (1876 bis 1949) verorten. Er war Präsident der Münchner Neuen Sezession und nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident der Akademie der Bildenden Künste in München; er verkehrte mit Ernst Barlach, Edvard Munch und war mit Alfred Kubin befreundet. Schinnerers Tochter Regine sagt sogar, sie seien "Seelenverwandte" gewesen. Dennoch ist der Künstler, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt, nur wenigen Kunstkennern ein Begriff, und dann meist wegen seiner großformatigen Gemälde im Stile des Spätimpressionismus.

Schinnerer war aber auch ein Meister der Kaltnadelradierung. Als "Poeten unter den Grafikern" rühmten ihn zeitgenössische Kunstkritiker, wobei sie wohl vor allem seine idyllischen Landschaftsszenen vor Augen gehabt haben dürften, oft kombiniert mit nackten Körpern: Eine badende Frau wäscht sich die Haare im See. Schinnerer, der auch eine Professur für Aktmalerei hatte, schuf darin paradiesisch anmutende Traumbilder von meisterlicher Einfachheit und Leichtigkeit. Im Zentrum steht stets der menschliche Körper.

Aber es gibt auch einen Adolf Schinnerer, der dem Unheimlichen, dem Beklemmenden, bisweilen auch Irren ein Gesicht und eine Gestalt gibt. Diesen Schinnerer kennt fast keiner, dabei ist diese Facette seines Schaffens besonders spannend, und dank Ausstellungsmacher Norbert Göttler sind viele Blätter seiner frühen Grafiken, die vielleicht nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren, zum ersten Mal in einer Ausstellung zu sehen. Am billigen gelben Papier erkennt man die materielle Not der damaligen Zeit, in Ausdruck, Komposition und Intensität stehen diese Arbeiten dem fantastischen Alfred Kubin aber in nichts nach. Göttler interpretiert sie als "stumme Anklagen gegen Krieg, Hass und Gewalt."

Im Gegensatz zu Kubin sind die surrealen Schreckensgestalten bei Schinnerer Allegorien und Chiffren für psychologische Zustände, Einsamkeit, Angst, für die Verlorenheit in der Masse. Das zeigt sich eindrücklich an seinem Mappenwerk "Das Haus am Silbernagel", in der er seine Eindrücke aus dem Ersten Weltkrieg verarbeitet. Ausgemergelte Soldaten drängen in einen fensterlosen Raum, Gestalten wälzen sich aufeinander, eine Vergewaltigung oder eine Prügelei, man weiß es nicht so genau. Schinnerer war kein Frontsoldat. Er war einquartiert in einer Landshuter Behelfskaserne, wo dumpfe Langeweile herrschte und die Aggression gärte.

Genauso beklemmend sind die Szenen aus der privaten Unterkunft, die er sich in Landshut nahm, wo ihn die missgünstige Zimmerwirtin als monströser Nachtmahr heimsucht. Das ist gruselig und faszinierend zugleich. Perspektiven und Bildausschnitte muten oft verblüffend modern an, fast cineastisch. Aus seiner Kammer, wo er einsam in Gesellschaft eines bleichen, nackten Gespenstes haust, öffnet er dem Betrachter den Boden und lässt ihn in die Etage darunter blicken auf rohe Bänke mit ebenso rohen Gesellen. Das Licht hat in seinen Bildern oft etwas Grelles, fast Theatralisches, während die Dunkelheit sich bisweilen zu einer erdrückenden physischen Materialität verdichtet. Es sind Bilder, die ohne Erklärung oft kaum zu verstehen sind, und dennoch den Betrachter aufwühlen. Schinnerer gibt hier Einblick in seine Seelenzustände. Zu sehen ist diese kleine, sehr sehenswerte Ausstellung, in der Galerie der Künstlervereinigung Dachau (KVD), die in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen feiert. Schinnerer lebte unweit von Dachau im Haimhausener Ortsteil Ottershausen und war nach dem Zweiten Weltkrieg auch Vorsitzender der KVD Dachau. Er starb 1949 im Alter von 72 Jahren, erschöpft und gezeichnet von zwei Weltkriegen.

Der Mensch - Wesen zwischen Harmonie und Dämonie: zum 70. Todestag von Adolf Schinnerer, bis 7. April, Dachau, KVD-Galerie, Pfarrplatz 13, Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag, 16 bis 19 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr