Süddeutsche Zeitung

Kunst-Vandalismus:Verschlimmschönert

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Eine Provokationskünstlerin überklebt und signiert ein bekanntes Gemälde des dänischen Situationisten Asger Jorn und wird von einem Rechtsextremen gefilmt: Ist das Kunst?

Von Mette Mølgaard, München

"Das verstörende Entlein" ist eines der wichtigsten Werke des dänischen Künstlers Asger Jorn. Das Werk hängt in der Stadt Silkeborg, wo Asger Jorn (1914-1973) geboren wurde. Das Museum Jorn nennt es einen "nationalen Schatz".

Asger Jorn verschaffte sich internationale Bekanntheit als einer der Gründer der Avant-Garde-Bewegung COBRA und der Situationistischen Internationale.

Das Gemälde war der Stolz des Museums - bis zum Morgen des Freitags vor einer Woche. Da wurde das Bild überklebt und bekritzelt. Und die Täterin, die Performance-Künstlerin Ibi-Pippi Orup Hedegaard, benannte das Werk kurzerhand um: Aus dem verstörenden Entlein, verkündete sie, sei damit die "disturbing bitch" geworden, das verstörende Miststück. Die Zerstörung des Werkes sei Kunst, und Asger Jorns Werk sei nun das ihre.

"Ich habe gerade das Jorn Museum in Silkeborg besucht", hieß es auf ihrer Facebook-Seite, "und eine doppelte Änderung vorgenommen. Ich habe ein Bild von mir auf dem berühmten Entlein angebracht. Ich habe das Werk auch signiert, da es nun ein Werk von Ibi-Pippi und nicht mehr von Asger Jorn ist."

In Dänemark waren viele schockiert, vorneweg die Leitung des Museums. "Sie ging sehr gewalttätig vor", sagt Jacob Thage, Direktor des Museums Jorn zur SZ. "Vandalismus ist niemals zu rechtfertigen." Und nun diskutiert das Land: Vandalismus oder Kunst? Asger Jorn war selbst berühmt dafür, dass er Gemälde anderer Leute übermalte. Ibi-Pippi Orup Hedegaard verteidigt sich, sie habe einfach das getan, was Asger Jorn selbst in seiner Karriere als Künstler getan hat. Das verstörende Entlein etwa hatte Jorn 1959 auf ein billiges Ölgemälde eines Bauernhauses gemalt, ein Schnäppchen vom Flohmarkt.

Neue Kunst also auch in diesem Fall? Asger-Jorn-Experte und Autor Jørn Erslev Andersen von der Universität Aarhus ist nicht der Einzige, der sein Veto einlegt. "Es gibt einen großen Unterschied zu dem, was Jorn getan hat. Er kaufte das Bild und malte es an. Er besaß es. Als noch keiner ahnte, dass das Entlein einmal ein so wichtiges Werk der jüngeren Kunstgeschichte werden würde", sagt er. Was Ibi-Pippi Orup Hedegaard getan hat, sei hingegen völlig "inakzeptabel".

Ein Restaurator arbeitet an dem Bild, es ist noch unklar, ob die Schäden behoben werden können

Einer der wenigen, die Ibi-Pippi Orup Hedegaard verteidigen, ist Jens Haaning, jener Künstler, der im Herbst 2021 bekannt wurde durch sein Werk "Take the Money and Run": Haaning hatte damals von einem Museum in Aalborg 70.000 Euro kassiert und leere Bilderrahmen abgeliefert. In einer Talkshow des dänischen Rundfunks urteilte er, die Beschmierung des Entleins sei ein "sehr kompetentes Kunstwerk".

Damit stand Haaning auch in der Sendung ziemlich allein. Marco Evaristti, etwa, der im Jahr 2000 lebende Goldfische in Mixer tat und es den Museumsbesuchern überließ, ob sie die Mixer anschalteten, nannte die Aktion "reinen Vandalismus": "Wenn Sie ein Auto kaufen und ich meinen Namen auf Ihr Auto setze und es ein Kunstwerk nenne, ist es dann mein Auto? Das glaube ich nicht", sagt er. Asger Jorn hatte sich für seine Werke stets billige Originale unbekannter Künstler gekauft. "Es war von einer gewissen Ironie, sie zu übermalen", sagt Jørn Erslev Andersen. "Damit machte er die unbekannten Bilder erkennbar. Es war eine künstlerische Geste."

Für den Vandalismus, den das Gemälde jetzt erlitten hat, gebe es hingegen keine Entschuldigung. "Ich weiß nicht einmal, wer die Frau ist. Wir haben andere radikale Provokationskünstler, aber von ihr habe ich noch nie gehört", sagt er. Tatsächlich erregte die männlich geborene Ibi-Pippi Orup Hedegaard bislang die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit weniger mit ihrer Kunst als mit ihrer öffentlich vollzogenen standesamtlichen Eintragung als Frau 2015, ohne jegliche Geschlechtsangleichung. Sie bezeichnet sich selbst als "lesbische Frau, die im Körper eines Mannes gefangen ist".

Ebenfalls anwesend bei der Performance im Museum John war der nicht weniger umstrittene Künstler Uwe Max Jensen. Jensen seinerseits fiel in der Vergangenheit vor allem auf durch öffentliches Urinieren auf diverse Gegenstände. Er ist politisch aktiv und trat bei den Wahlen 2019 für die rechtsextreme Partei "Stram Kurs" an. Jensen half dabei, die Aktion zu filmen und live zu übertragen in der Facebook-Gruppe "Patrioten live dabei". Jensen behauptete hinterher, er sei selbst entsetzt über das Vorgefallene.

Ein Gemälderestaurator arbeitet nun an dem Bild, laut Museumsdirektor Jacob Thage ist allerdings noch nicht klar, ob die Schäden vollständig behoben werden können.

"Es ist zu früh, um das zu sagen. Die Tinte ist in die Farbe gepresst, das kann man sehen", sagt er. "Aber wir sind optimistisch."

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