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Kunst:Unterm Seufzerbaum

Horns "Amore Continental", 2008.

(Foto: Dejan Saric/Rebecca Horn/VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Die deutsche Künstlerin Rebecca Horn hatte einen Schlaganfall. Wie sie sich zurück ins Lebens gekämpft hat, zeigt ihr neuer Werkzyklus "Hauchkörper", der jetzt in einer Ausstellung im Lehmbruck-Museum in Duisburg zu sehen ist.

Von Michael Kohler

Am Anfang zieht eine Prozession seltsamer Wesen vorüber. Da gibt es einen Mann, der einen mehrere Meter hohen Hut auf dem Kopf balanciert und sich wie ein Storch vorsichtig staksend über eine Wiese bewegt. Eine Frau hat sich eine mit Bleistiften gespickte Maske übers Gesicht gezogen. Gleich darauf tastet sich dieselbe Frau mit langen schwarzen Insektenfühlern voran, die wie falsche Nägel auf ihren Fingern stecken. Und schließlich steht sie wie ein Falter in einem Korsett mit großen Schwingen vor uns.

Am besten beginnt eine Rebecca-Horn-Ausstellung damit, dass sie uns an die Anfänge der Bildhauerin erinnert. In den Siebzigern entwarf Horn noch nicht die lärmenden Maschinen, für die sie später berühmt wurde, sondern bastelte an Insektenkostümen oder zirkushaften Korsettkleidern herum. Ganz allmählich entwickelte sie aus diesen Körpererweiterungen, die immer ein wenig an die Zwangswerkzeuge der schwarzen Pädagogik erinnerten, dann ihre scheppernd aus dem Schlaf erwachenden Skulpturen.

Auch davon sind im Duisburger Lehmbruck-Museum einige zu sehen: Die kleinen Hämmer etwa, die sich wie Spechte in die Wand zu bohren versuchen; oder die an die Wand geschraubte Geige, die jedes Mal protestierend an der Halterung zu rütteln scheint, bevor ein Stahlstab über ihre Saiten kratzt. Aber dieses Mal versteht man, dass auch Horns elektronisch angetriebenen Skulpturen im Grunde Körper sind. Sie rühren sich, sie lärmen und leben im Rhythmus einer durch Bewegungsmelder animierten Stoßatmung.

In Duisburg bilden diese klassischen Werke den Rahmen für einen neuen, in den letzten Monaten entstanden Werkzyklus, die "Hauchkörper". Mit diesen kämpfte sich die 1944 geborene Rebecca Horn nach einem Schlaganfall zurück ins Leben, wobei das Erstaunliche der vier im Lehmbruck-Museum gezeigten "Hauchkörper"-Skulpturen gerade darin liegt, dass sie den Kampf gegen alle äußeren und inneren Widerstände aufgegeben zu haben scheinen. Ihnen fehlt die geräuschvolle Plötzlichkeit, mit der sich der "Schildkrötenseufzerbaum" unter einem Windstoß schüttelt, bevor er uns von menschlichen Nöten erzählt. Stattdessen wiegen sie sich wie Schilf in meditativer Langsamkeit.

Ging es früher um die Entladung von Energie, soll nun die Kraft gespeichert werden

Das erste von Rebecca Horns neuen Werken trägt den programmatischen Titel "Hauchkörper" und gleicht dem Beginn eines neuen Kapitels. Es besteht aus zwölf Messingstäben, die, jeweils etwa drei Meter hoch, aufrecht in einer dunkelgrauen Stahlplattform stehen und sich, angetrieben von unsichtbaren elektrischen Motoren, langsam jeder in seiner Bahn bewegen. Obwohl sie einander nie berühren, scheinen sie einem gemeinsamen Energiefeld anzugehören. Die sich wiegenden Halme des "Hauchkörper"-Felds ziehen sich durch den gesamten Werkzyklus. Einmal sind sie zu einer Spirale angeordnet, ein anderes Mal stecken sie in einem in Bronze gegossenen Paar Schuhen; lediglich in "Umschlungen in unendlicher Liebe" sind die Messingstäbe zu drei verschieden großen Ringen gebogen, die mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten ineinander rotieren und im Laufe von Minuten, Stunden oder Tagen nur für einen flüchtigen Moment eine gemeinsame Linie bilden.

Mit ihren "Hauchkörpern" führt Horn frühere Arbeiten fort, um sich noch einmal neu zu erfinden. Die Halme setzte sie bereits als "Blitze" ein, und die exakt aufeinander abgestimmten Bewegungen erinnern an alte Material-Choreografien. Auch die Langsamkeit war Horn nie völlig fremd, wobei der in Duisburg gezeigte Phallus, der sich ganz sachte in einer Muschel schlafen legt, wohl eher ironisch gemeint war. Anders als früher geht es Horn jetzt nicht mehr um Energieentladungen, sondern um das Speichern von Energien. Am wichtigsten scheint ihr dabei die Hoffnung zu sein, dass nicht brechen kann, was sich im Rhythmus unsichtbarer Kräfte wiegt.

Rebecca Horn. Hauchkörper als Lebenszyklus, Lehmbruck Museum, Duisburg. Bis zum 2. April. Der Katalog kostet 24,80 Euro.

© SZ vom 12.02.2018

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