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Radikaler Bruch: Daniel Birnbaum verlässt seinen Posten als Direktor des Moderna Museet, um für das Londoner Startup "Acute Art" mit Kunst-Stars Virtual Reality zu produzieren.

Von Bernd Graff

Das englische Adjektiv "acute" bedeutet nicht nur das Akute der wörtlichen Übersetzung, sondern auch: Intensität wie Scharfsicht, das Schrille wie das durchdringend Heftige. Wenn sich ein Unternehmen also "Acute Art" nennt, dann will es schon dem Namen nach eine Kunst herstellen oder befördern, die quer zum Mainstream steht, die unbedingt auffällt, die durchdringend und spitz unter die Haut geht.

In der reichlich kunstdurchtränkten Gegenwart ist das entweder ein vermessener oder naiver Anspruch. Denn wollte nicht alle Kunst seit der klassischen Avantgarde, also seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, nicht "acute" sein? Galt das "épater les bourgeois", das "erschreckt die Bürger", nicht immer schon als Ausweis rezenten Kunstbegehrens? Und ist nicht seitdem auch schon wieder reichlich Wasser den Styx, den Totenstrom, hinuntergeflossen und hat viele dieser frivolen alten Ansprüche mit sich gerissen? Ja, ist man vom "Schrillen" denn nicht längst gelangweilt? Und wie will denn Kunst heute noch "acute" sein? Was sollte das sein? Kann sie das überhaupt noch?

Mit solchen, eher skrupulösen Fragen ist man bei Daniel Birnbaum genau richtig. Ja, er scheint nur auf sie gewartet zu haben. Denn zurzeit amtiert er noch als Direktor des Moderna Museet in Stockholm. Davor war er von 2000 bis 2010 Rektor der Städelschule in Frankfurt, im Jahr 2009 hat man ihn zum Leiter der Biennale von Venedig berufen. Und nun hat er sich entschieden - für viele im Kunstbetrieb äußerst überraschend, für andere sogar frappierend - von 2019 an der künstlerische Leiter eben jenes in London ansässigen Unternehmens "Acute Art" zu werden.

2017 wurde die Firma von dem schwedischen Sammler Gerard de Geer und seinem Sohn Jacob gegründet. Beide sind nicht nur Kunstkenner, sondern auch erfolgreiche Unternehmer in der Finanz- und Start-up-Welt. Man muss dieses neue Setting ein wenig hervorheben: Der überaus erfolgreiche, angesehene Kunsthistoriker, Museumsleiter und Philosoph Birnbaum, Jahrgang 1963, sagt der klassischen Kunstinstitution Museum (vielleicht sogar der etablierten Kunstwelt?) Adieu, um anschließend nicht einer Galerie oder einer Kunsthochschule vorzustehen, sondern einem Unternehmen der Privatwirtschaft. Einem der Kunst gewidmeten Unterfangen allerdings, das eine spezielle Symbiose in einem speziellen Ambiente fördern und pflegen wird. "Acute Art" will Technologie mit Kunst vereinen, versöhnen, vernetzen. Und umgekehrt. Für eine Kunst des Heute muss das natürlich heißen: Sie wird endgültig digital. Und die Welt ist ihr nicht genug, denn sie will mit Technologien zu Augmented und Virtual Reality (AR und VR) ihr virtuelles Pendant, diesen neuen Raum des Virtuellen, ganz erobern, besetzen und überhaupt gestalten.

Die Namen sind groß: Christo & Jeanne-Claude, Marina Abramović, Jeff Koons, Anish Kapoor, Jakob Steensen und Ólafur Elíasson

Die erste Frage also, ob die klassischen Ausdrucksformen der Museumskunst, also Bild und Skulptur, damit für Birnbaum überholt seien, will er jedoch so gar nicht erst gestellt sehen. Weder für sich noch für die Kunst. Denn, so sagt er, seine Aufgabe bestehe darin herauszuarbeiten, wer für diese neuen Medien relevante Positionen beziehen kann und wie diese beschaffen sein könnten. Damit sei er in derselben Weise gefordert wie als Leiter eines Museums oder einer Biennale. Kein Museum in der Welt stelle schließlich nur Matisse oder Picasso, also das Bewährte aus, sondern entdecke und fördere auch unbekannte Größen wie neue Positionen.

Stimmt: Mit Erkundungen der VR etwa beschäftigt sich schließlich schon die Virtual International Fine Art Fair, die von Herbst an erst in Monte Carlo und dann durch einschlägige Kunstmetropolen tourende Messe für irgendwie artifiziell Digitales.

Allerdings muss man sagen, dass Birnbaums künftiger Arbeitgeber "Acute Art" jetzt schon mit fast nur großen Namen kooperiert und einige der Big Shots des Betriebs zu neuen Kunstanstrengungen animieren konnte. Man arbeitete auch schon mit bekannten Institutionen, etwa mit Hans Ulrich Obrist und der Serpentine Gallery, zusammen und sammelte Leute wie Christo & Jeanne-Claude, Marina Abramović, Jeff Koons, Anish Kapoor, Jakob Steensen und Ólafur Elíasson um sich. Sie entließen unter der "Acute"-Flagge bereits jetzt entweder bekannte, aber ins Digitalräumliche übertragene Arbeiten (Christos "The London Mastaba") oder experimentelle Neuerkundungen von Wasser und menschlichem Körper (Abramovićs "Rising", Kapoors "Into Yourself, Fall") oder gleich ganze Fantasiewelten (Elíassons "Rainbow", Steensen "Aquaphobia") ins Virtuelle.

Das sind tatsächlich Neuerkundungen fremder Kunstplaneten. Erfahrungen im virtuellen Raum, die mitunter ebenso befremdlich wie überwältigend sein können. Jeff Koons arbeitet derzeit noch an "Phryne", einer Ballerina in der Koon'schen Ästhetik verchromter Radkappen, die einmal wirklich jede Realität verzaubern können soll. Denn sie tanzt dann "augmented": überall dort, wo immer man hinschaut.

Das alles passierte schon, so muss man ja sagen, vor Daniel Birnbaums Dienstantritt im nächsten Januar. Und man weiß davon und kennt sogar schon manche dieser Arbeiten, weil "Acute Art" eben eine Medienkunst fördert, die natürlich auf allen digital-medialen Plattformen zugänglich sein will. So gibt es in den bekannten App-Stores schon die (kostenlose) "Acute Art VR"-App, die eine Erfahrung einiger der oben genannten Kunstexperimente für alle gängigen Smartphone-Typen eröffnet. Ein simples "Google Cardboard" etwa macht's möglich. Das heißt für den Kunstmarktwert der "Acute Art"-Werke auch, und Birnbaum bestätigt das ausdrücklich: "Da gibt es nichts zu verkaufen." Noch nicht jedenfalls. Die erwähnten Künstler seien für ihre Beiträge auch nicht bezahlt worden, es "hat ihnen Spaß gemacht".

Er skizziert dann eine weitere dieser radikalen, einschneidenden wie herausfordernden Aufgaben einer Kunst fürs Jetzt: Neu muss diese ja nicht nur ihrer Form und ihrem Gehalt nach sein, sie muss auch technisch und medial in ganz anderen Sphären agieren. Und - auch nicht unwichtig - wie und wo zeigt man dann die Arbeiten? In verdunkelten Museumssälen wie heute Video-Installationen? Bleibt es beim privaten Download im App-Store?

Das alles ist es, was Birnbaum reizt. Er weiß, dass viele Technologiefirmen bekannte Künstler heute als Testimonials einsetzen, um ihre schicken neuen Geräte zu verkaufen. Birnbaum will in seinem virtuellen Atelier dagegen Freiräume für Kunst und Künstler eröffnen und offen halten. Er erinnert an Walter Benjamin, "der prophetische Fähigkeiten in den mit Technik verknüpften Kunstwerken" beobachtete: "Mir geht es um diese neuen Wahrnehmungen, um die phänomenologisch noch nicht erforschten Möglichkeiten, ebenso beeindruckend wie erschreckend, für Werke der Kunst und ihre Gestalt. Vielleicht ist Kunst ja bald auch keine Ware mehr, sondern eine Leistung. Und doch wird das wahrhaft Aufregende auch mit der Digitalisierung nie das Medium sein, sondern das, was man damit und darin macht."