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Kunst und Stadt:Anflug von Farbe

Paint by Drone Carlo Ratti Associati

Das System "Paint by Drone" macht aus Fassaden Leinwände.

(Foto: Carlo Ratti Associati)

Ein Architekt will in Berlin und Turin Gebäude mit Hilfe von Graffiti-Drohnen bemalen. Ist dies die technologische Weiterentwicklung von Street Art oder Vandalismus 2.0?

Von Gerhard Matzig

Die Graffiti-Drohne, ein digital steuerbares Fluggerät samt Sprühdose, wird sehnsüchtig erwartet. Von den einen. Die anderen, die darin kein technologisches Upgrade der Street Art sehen, befürchten eher so etwas wie Vandalismus 2.0. So oder so ist die Drohne im Anflug. Noch in diesem Jahr will der italienische Architekt Carlo Ratti in Berlin und Turin zwei Gebäude mit seinen Mal-Fliegern bearbeiten. Entstehen sollen große Wandmalereien. Gesteuert werden die Apparaturen, von denen Leonardo da Vinci nicht zu träumen wagte (obschon er eine "Luftschraube" als Vorgänger des Hubschraubers erfand), über Smartphone, Tablet und per App.

Schon vor drei Jahren stellte der amerikanische Sprayer Katsu seine Pläne für einen Street-Art-Quadrocopter vor und veröffentlichte später im Netz eine Bauanleitung für "Icarus One". Doch erst die Pläne des italienischen Architekten Ratti, der am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology lehrt und zahlreiche Patente entwickelt hat, scheinen nun ausgereift zu sein. Demnach wäre es nur eine Frage der Zeit, wann die Sprayer dieser Welt wie das HB-Männchen in die Luft gehen. Katsu, der Drohnen als "physische Erweiterung des Menschen" interpretiert, fordert dazu auf, sich mithilfe der Technik neues Terrain zu erobern. Zum Beispiel schwer zugängliche Gebäudeteile oder Architekturen - etwa die oberen Stockwerke eines Hochhauses. Oder gigantische Billboards.

Um Anarchie und/oder reine Kunst geht es Ratti nicht. Er sieht eher das Potenzial von Farbe und Form sowie die Renaissance der Wandmalerei in Architektur und Städtebau. Tatsächlich gehört die Wandmalerei zu den frühesten Kulturleistungen der Zivilisationsgeschichte. Man denke nur an die Höhlen von Lascaux und die rund 18 000 Jahre alten Abbilder von Bisons, Pferden und Auerochsen auf den dortigen Felswänden. Auch in der Antike wurde eine farbige Tempel-Architektur gepflegt. Erst die Moderne beförderte, etwa in Form der hell strahlenden Kuben-Architektur vom Bauhaus, das Missverständnis der Monochromie. Die "weiße Moderne" war in Wahrheit, man sieht das etwa bei Le Corbusier, alles andere als weiß. Dennoch setzt sich der sinnliche Entzug von Farbe in unseren Städten durch. Es wurde öde. Sprich: felsgrau, mausgrau oder schiefergrau.

Deshalb bietet das digitalisierte Sprayertum nun beides: den Albtraum von dilettierenden Schmierfinken hoch über den Wolken. Und die Hoffnung auf eine farbliche Erneuerung der Architektur. Schon Emily Dickinson meinte, Hoffnung sei "die Sache mit Federn". Ob sie eine Spraydosen-Drohne damit meinte?

© SZ vom 16.05.2017
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