Kunst und Politik Die wichtigen Fragen

"Manchmal geht es um konkrete Politik, die man anprangern muss": Der Komponist Robert M. Helmschritt über das Aufführungsverbot seines Werkes "Salamu".

Interview von Helmut Mauró

Am Sonntagabend hätte in der Kirche St. Moritz zur Eröffnung der "Ingolstädter Orgeltage" die Uraufführung des Stücks "Salamu" von Robert M. Helmschrott stattfinden sollen. Sie wurde abgesagt, was den demnächst 80-jährigen Komponisten und ehemaligen Präsidenten der Münchner Musikhochschule zu heftigen Vorwürfen gegen die Verantwortlichen veranlasste. Pfarrer Bernhard Oswald hatte den Vorstand des veranstaltenden Vereins, Franz-Josef Paefgen, um die Absage des Konzertes gebeten, nachdem er in einem Interview Helmschrotts mit dem Donaukurier gelesen hatte, es solle auch ein Gedicht des Schriftstellers Friedrich Ani vorgelesen werden, in dem dieser die Asylpolitik der CSU angreift.

SZ: Ist "Salamu" ein politisches Machwerk?

Helmschrott: Mein Stück trägt den Untertitel "1648 Kriegsende - 1918 Kriegsende - 1945 Kriegsende. Was haben wir daraus gelernt?" Aber es ist in der Nachfolge von "Lumen" eine sakrale Musik für Orgel, Schlagwerk, Trompete und eine Violine. Reines Orgelspiel wird dabei mitunter verstärkt durch Schlagwerk, und das ist ganz im Sinne des alten Testaments, ich denke an die Psalmen 150 und 130. Es ist eine Musik von alttestamentarischer Verkündigung und Vitalität, in der die arme Kreatur zu ihrem Schöpfer ruft: "Warum?". Am Ende steht ein Trauergesang der Solovioline. Ich habe dem Ingolstädter Pfarrer geschrieben: Wer in den Kategorien des Psalmisten denkt, schreibt keine Musik, die man "aus politischen Gründen" ablehnen muss. Aber das hat ihn nicht umgestimmt.

Das Stück enthält aber offenbar politischen Sprengstoff, und Sie wollen mit einem Spruchbanner vor der Kirche gegen das Verbot der Uraufführung protestieren. Darf sich denn ein Pfarrer nicht gegen eine politisch instrumentalisierte Kunst in seiner Kirche wehren?

Ich empfinde die Absage als Zensur. Als Künstler ist man auch ein politischer Mensch, und wenn es um das Thema Frieden geht, wie in meinem Stück "Salamu", dann muss man auch Dinge ansprechen, die die aktuelle Politik betreffen. Der Pfarrer hat mir unterstellt, in der Kirche eine politische Demonstration zu veranstalten. Aber es ist doch etwas ganz anderes, ob ich in einem Kunstwerk etwas ausdrücke oder ob ich eine Demonstration veranstalte.

Im Vorwort Ihres Stückes heißt es: "Man kann sich 2018 nicht an das Ende des Dreißigjährigen Krieges erinnern und auch nicht an das Ende des Ersten Weltkriegs, ohne die Waffenproduktion in unserem Land zu nennen, die überall dort eingesetzt wird, wo Krieg ist." Überschreitet das nicht den Bereich sakraler Kunst?

Das finde ich nicht, und das findet man auch außerhalb von Ingolstadt nicht. Wir hatten "Salamu" vorab in kleinerer Besetzung in Herford ausprobiert, und es gab keinerlei Probleme. Man hat das Thema "Krieg und Frieden", unter dem es dort präsentiert wurde, ernst genommen.

Da gab es aber noch kein Gedicht von Friedrich Ani und kein Interview, in dem Sie sagen, Beten helfe nicht mehr, man müsse handeln. Und dann nennen Sie als Grund Ihrer "Wutmusik" neben den vielen Kriegen in der Welt auch die "skandalöse Abschottungspolitik der CSU". Und in dem Gedicht von Ani heißt es, er glaube nicht, dass Seehofer ein Christ sei.

Stimmt, aber mein Text, der ursprünglich vorgesehen war und für die Aufführung in Herford vom dortigen Pfarrer akzeptiert wurde, ist auch nicht unpolitisch. Da geht es um den Verkauf der landeseigenen Nordbank an die Firma Cerberus, einen Verleiher von Söldnerarmeen, die in der Ukraine und im Orient mit US-Geldern Kriege führen, die die US-Armee in dieser Brutalität aus Angst vor den Rechtsfolgen nicht führen will. Die Bank wurde für eine Milliarde verkauft, aber wir Steuerzahler übernehmen vorher noch 14 Milliarden Schulden.

Muss man das, was man musikalisch nicht ausdrücken kann, in Worten nachliefern?

Manchmal ja. Die Musik ist in solchen Dingen zu vage, und manchmal geht es um konkrete Politik, die man anprangern muss, wenn man ernsthaft für Frieden eintreten will statt für Krieg.

Der Ingolstädter Pfarrer unterstellt Ihnen eine "Brachialsprache". Ist die nötig?

Ich mag provozieren, aber eine Brachialsprache, wie sie in den politischen Diskussionen um sich greift, benutze ich nicht.

Letztes Jahr wurde in Kloster Neuburg Ihr Oratorium "Lumen" aufgeführt, in dem Sie auch Koranrufe komponierten. Beweist das nicht die Toleranz der Kirche?

Das war ein musikalischer Dialog der drei Abrahamitischen Weltreligionen, Christentum, Judentum und Islam. Ich habe das ein paar katholischen Theologen vorgelegt, und die fanden das unmöglich: Man könne nicht aus der Bibel zitieren und einen Korantext danebenstellen. Dabei war es jeweils die gleiche Aussage, die in den verschiedenen Religionen formuliert wurde.

Machen Sie sich nicht lächerlich mit einer Ein-Mann-Demo mit Spruchband?

Kann sein, aber mit achtzig Jahren spielt das keine Rolle mehr, da ist es nicht mehr wichtig, ob Sie eine gute Figur machen. Da geht es nur noch um die wichtigen Fragen. Dazu gehört auch die Frage der Zensur.