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Kunst und Politik:Die Unsichtbaren

Zu politisch für Instagram: Die Kunst von Darrel Ellis, einem Weggefährten Robert Mapplethorpes, dessen Vater von der Polizei erschossen wurde.

Von Philipp Bovermann

"Ihre Werbung wurde nicht akzeptiert", steht in der Meldung. Die Galerie Crone in Berlin wollte auf Instagram ihre neue Ausstellung mit einer bezahlten Anzeige ankündigen. Gezeigt werden soll ein amerikanischer schwarzer Künstler, die Ausstellung soll etwas mit "Black Lives Matter" zu tun haben. Das reicht, damit der Beitrag nach den Kriterien des Konzerns Facebook, dem Instagram gehört, als politisch eingestuft wird. Wer dort politische Inhalte bewerben will, muss sich seit 2018 ausweisen. Die Galerie lädt also einen Ausweis hoch - aber es passiert: nichts. Sie versucht mehrfach, Facebook und Instagram zu kontaktieren, erhält aber keine Antwort. Die zusätzliche Sichtbarkeit bleibt der Ausstellung verwehrt. Es ist das vorerst letzte Kapitel der turbulenten Geschichte eines Werks, das genau das - die Auslöschung schwarzer Körper und Identität - zum Thema hat. Sie beginnt so:

Ein schwarzer Mann gerät in eine Verkehrskontrolle. Kurz darauf ist er tot, ermordet von Polizisten. Von dem Toten bleibt nur eine Kiste voll Fotografien.

Der Vorfall findet im Jahr 1958 statt. Einen Monat später wird der Sohn des Ermordeten geboren, Darrel Ellis. Als er Ende der Siebzigerjahre anfängt, Kunst zu studieren, gibt seine Mutter ihm die Kiste. Die Fotos zeigen Freunde und Bekannte aus dem schwarzen Viertel Harlem, ein bürgerliches Leben, soweit Bürgerlichkeit zu erlangen Afroamerikanern in den Fünfzigerjahren eben gestattet ist.

Durch den Tod des Vaters rutscht die Familie in die Armut. Die Welt, die er mit der Kamera festgehalten hat, rückt immer weiter weg, je länger er fort ist. Zunächst rührt der Sohn die Fotos nicht an. Dann aber beginnt sein eigenes Werk diesen Schatz, diese Last zu befallen wie ein böser Traum.

Er zerschneidet, durchlöchert und reassambliert die Prints, schafft daraus gespenstische Gebilde, schließlich geht er mit der Schere auch an die Negative heran. Die Auslöschung des Vaters durch einen Polizisten, in einer Gesellschaft, in der er unsichtbar war, wird sichtbar im künstlerischen Werk des Sohnes.

Darrel Ellis 1990 auf einem Selbstporträt..

(Foto: Darrel Ellis/Galerie Crone)

Doch dann verschwinden die Bilder aus Harlem, die so lange in einer Kiste lagen, erneut. Im Jahr 1992 sind Darrel Ellis' Werke im New Yorker Museum of Modern Art in der Ausstellung "New Photography 8" zu sehen, aber er erlebt diesen Ritterschlag nicht mehr. Er stirbt einige Monate zuvor an den Folgen seiner Aids-Erkrankung. Die Bilder kommen in ein Depot.

Werden vergessen. Nun sind sie ein zweites Mal wiederaufgetaucht, weil auch die Geschichte von der Auslöschung schwarzen Lebens, die sie verarbeiten, kein Ende findet. Ein schwarzer Mann gerät in eine Verkehrskontrolle, kurz darauf ist er tot, weil sein Flehen, atmen zu wollen, nicht zählt. It didn't matter.

"Matter" heißt die Ausstellung, die nun, 62 Jahre nach dem Tod von Thomas Ellis, Darrel Ellis' Vater, zwei Monate nach dem Mord an George Floyd, in der Galerie Crone in Berlin stattfindet. "Matter" lässt sich auf Deutsch mit "Angelegenheit" oder auch mit "Stoff" übersetzen, aber das sind eher abstrakte Begriffe, die englische Bedeutung transportiert noch eine konkrete, plastischere Schwere - etwas, das Dingen Gewicht und Bedeutung verleiht.

Darrel Ellis geht den umgekehrten Weg. Er verflüchtigt. Die Fotografie eines Polizisten, geschossen von seinem Vater, hat er mit schwarzer und weißer Gouachefarbe abgemalt. Ausgerechnet dieses Motiv ist kaum mehr als eine Ahnung, weich bis ins Unerträgliche. Wo das Gesicht des Beamten sein sollte, befindet sich ein quadratischer weißer Fleck. Verzerrungen ziehen sich durch das Werk.

Ellis setzt Stücke der Negative, die er zerschneidet, mit leichten Verschiebungen wieder zusammen, bevor er einen Abzug macht. Manchmal projiziert er das Ergebnis anschließend auf einen unebenen Gipshintergrund und fotografiert es dann erneut ab. Dadurch verwandeln sich die Beine eines Jungen in einem Park in Harlem - derselbe Park, in dem er einige Jahre nach der Aufnahme gespielt hat, ohne den Vater - in eine unsicher taumelnde Linie, so als werde der Junge nur durch unsichtbare Fäden aufrecht gehalten, während sich entlang seines zerschnittenen Oberkörpers die Lücken zwischen den herausgelösten Negativschnipseln aufschichten.

Darrel Ellis’ „Untitled (Women in Front of Car)“, wahrscheinlich von 1989. Bearbeiteter Silbergelatine-Abzug.

(Foto: Darrel Ellis/Galerie Crone)

Es sind Spuren der Gewalt, Trennstriche zum dargestellten Idyll einer schwarzen Gemeinschaft auf dem Weg in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. "Natürlich haben heute alle Familien Brüche, Zerrüttungen, einen Mangel an Gemeinsamkeit - Löcher sozusagen. Aber die schwarze Familie ist eine besonders schwierige Sache, denn im Grunde gibt es gar keine schwarze Familie mehr", schreibt Ellis in sein Notizbuch. "Wenn ich auf diese Fotos schaue, sehe ich nur Löcher."

Darrel Ellis findet eine neue Familie aus Freunden und Liebhabern in der New Yorker Kunstszene. Aber auch diese Familie zerfällt, durch Aids. Während etwa die Fotografen Peter Hujar und Robert Mapplethorpe, enge Vertraue von Ellis, zu Ikonen der homosexuellen Avantgardekunst werden, gerät er in Vergessenheit. Zum Teil liegt das wohl daran, dass ihre Fotografie mehr auf Statements als auf Brüche und Risse setzt, auf gespielte Härte statt auf die Verflüssigung von Kanten. Weil sie weniger kompliziert ist. Man kann sich allerdings auch fragen, was aus Ellis' Werk geworden wäre, hätte er weiße Haut gehabt.

Die Kuratorin Cay-Sophie Rabinowitz hat die Bilder im Depot entdeckt und im vergangenen Jahr erstmals wieder in New York ausgestellt. Die Galerie Crone in Berlin zeigt sie noch bis 29. August. Zur Ablehnung der Anzeige wollte sich Facebook in der SZ nicht zitieren lassen, verwies lediglich auf seine Richtlinien. Der Autorisierungsprozess für Anzeigen mit gesellschaftlich relevanten Themen sei nicht korrekt abgeschlossen worden.

© SZ vom 17.07.2020
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