Kunst und Leben von Hugues de Montalembert Licht, das aus dem Dunkel kommt

Der Künstler Hugues de Montalembert ist seit einem Überfall vor 33 Jahren blind - und erinnert sich doch an die Bilder all der Orte, die er seitdem bereist hat. Jetzt hat er ein Buch über sein Leben geschrieben, ganz ohne Krankheitskitsch. Ein Besuch.

Von Alex Rühle

Das Erste, was auffällt, ist dieses Stahlband quer durchs Gesicht, das brillenförmige Ding, über das er selbst schreibt, es verberge seine Furcht und seine Wunde "unter einer Art brutaler Arroganz." Hugues de Montalembert steht im Türrahmen seiner Pariser Wohnung, hoch gewachsen ist er und scheint seinen Besucher direkt zu fixieren. Das ist das zweite, was auffällt: Blinde drehen ja meist den Kopf leicht weg, wenn sie mit einem reden, klar, ihr Hörsinn muss das Auge ersetzen; es wirkt oft, als tasteten sie mit dem Ohr nach der Stimme ihres Gegenübers. Hugues de Montalembert wendet einem aber stets das Gesicht zu. "Kaffee?" fragt er, schickt den Gast ins mittagshelle Wohnzimmer vor und verschwindet selbst in der Küche.

Auf einem Hocker neben dem Sofa liegt ein Bildband. "The Cave". Schwarzweißaufnahmen. Felsen. Himmel. Meer. Eine Grotte. Eine karstige Wand. Auf dem allerersten Bild sieht man von oben einen Mann, der diese mörderisch steile Wand runterklettert. Moment mal . . . das kann ja wohl nicht sein . . . In dem Moment tastet sich der 71-jährige Montalembert ins Wohnzimmer und lacht, lacht dieses wilde, dieses kugelrunde Lachen, das auch Tage später noch im Kopf widerhallen wird. "Mein Schwiegervater hatte mir mal auf Mallorca von dieser Grotte erzählt, wie schön sie ist, wie wild und einsam. Von der musste ich mir einfach selbst ein Bild machen. Ich weiß nicht, ob die Fotos das wiedergeben, aber er hatte Recht, das ist der schönste Ort der Welt." Und die Fotos? Hat er die selbst gemacht? "Na ja, wenn ich die Höhle schon nicht selbst sehen kann, sollen wenigstens die anderen sie sehen. Ich sitze sehr oft da unten."

Hat er's doch geschafft. Eigentlich sollte man ja gegen Überraschungen aller Art gewappnet sein, wenn man gerade die Lebenserinnerungen von Hugues de Montalembert gelesen hat: Ein Maler und Filmemacher, der auf seine plötzliche Erblindung damit reagiert, dass er alleine einen Flieger besteigt und in die Fremde verschwindet. Der seither auf eigene Faust in Ländern unterwegs war, in die sich andere nicht mal in Reisegruppenstärke trauen. Der als Blinder ein Ballett geschrieben hat, in dem er auch selbst aufgetreten ist. Und der jetzt, im Alter von 71 Jahren, ein Buch verfasst hat mit dem schönen Titel "Der Sinn des Lebens ist das Leben" (Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer. Dumont Verlag, Köln 2011. 128 Seiten, 16,99 Euro), ein Buch über seine Blindheit, über Unabhängigkeit und die Schönheit des Reisens, ein karger, kurzer Text und doch: Eine große Feier des Lebens. Jetzt hat er als Blinder also auch noch ein Fotobuch gemacht. Und ist dafür regelmäßig eine Steilwand runtergeklettert.

Wie würden Sie einen Abenteurer definieren?" Montalembert wendet der Frage das stille Gesicht zu und hält im Kaffeetassenrühren inne. Es ist merkwürdig, aber seine komische Stahlbinde wirkt nach wenigen Minuten ganz normal, fast unsichtbar. Und von "brutaler Arroganz" ist sowieso nichts zu spüren. Er sagt: "Ein Abenteurer ist einer, der Träume hat, ohne ein Träumer zu sein. Und ein Abenteuer ist das Gegenteil von Hoffnungslosigkeit. Oh, regnet es?"

Hugues de Montalembert lebte Ende der siebziger Jahre in New York. Als er an einem Sommerabend nach Hause kam, waren zwei Einbrecher in seiner Wohnung. Und als er einen Schürhaken nahm, um damit auf den größeren der beiden Männer los zu gehen, spritzte ihm dessen Komplize Farblöser in die Augen. Montalembert erblindete noch in derselben Nacht. Er war bis dahin Maler und Filmemacher gewesen. Wie überlebt man so etwas als Mensch, dessen ganzes Leben sich bis zu dem Tag um das Sehen gedreht hatte? Als 38-Jähriger, der dauernd auf Reisen gewesen war und dem die Ärzte nun sagten, er sei ab sofort auf fremde Hilfe angewiesen? Wie kommt man zurecht, wenn man plötzlich aufwacht in diesem stockfinsteren Lebenslabyrinth aus Geräuschen und Einsamkeit und sich insgesamt sechsmal die Augen nähen lassen muss?

Vladimir Nabokov schreibt, Erinnerung sei "der lange Sonnenuntergangsschatten der Wahrheit". Montalembert arbeitet mit zwei Schriftfarben: Das, was er heute, im Rückblick schreibt, steht da in gestochen scharfem Schwarz, wird aber zuweilen von Einträgen unterbrochen, die in milchigem Grau gesetzt sind: Tagebucheinträge, die meisten stammen aus der ersten Zeit nach der Erblindung, aus den stockdunklen Jahren 1979 und 1980, in denen er sich mühsam in sein neues Leben hineintastete und irgendwo schrieb: "Man muss wie ein kleines Kind, aber ohne die Hilfe der Mutter, alles noch einmal ganz neu lernen. Man muss laufen lernen und lernen, unabhängig zu sein."

Er lag drei Monate im Krankenhaus und kam danach in eine Reha-Klinik. Er musste lernen, sich an Autogeräuschen zu orientieren. Penibel Ordnung zu halten. Die Füße wie Hände zu benutzen. Einen Knopf anzunähen. Und so sicher aufzutreten wie ein normaler Mensch. Nach eineinhalb Jahren tat er dann das Verrückte: Ohne irgendjemandem vorher Bescheid zu sagen, flog er alleine nach Indonesien. Die Ärzte hätten gewarnt sein können, Montalembert hatte schon zuvor im fast schon fanatischen Kampf um seine Unabhängigkeit unkonventionelle Dinge getan: War nachts alleine durch New York spaziert, um seinen Orientierungssinn zu trainieren. Hatte angefangen, Klavierstunden zu nehmen. Dann aber war er eines Tages weg. "Das war eine schwere Entscheidung. Aber ich denke, sie hat mich gerettet, denn tatsächlich bin ich dadurch ins Leben zurückgekehrt."