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Kunst und Krise:"In einer Zombiesituation"

Ein Gespräch mit dem New Yorker Galleristen David Zwirner über seine Kampagne für Joe Biden und die große Zeit der Experimente, die gerade angebrochen ist.

Interview von Catrin Lorch

Na klar sprechen wir Deutsch", sagt der zerzauste Galerist, der im Video-Interview vor einer Schrankwand sitzt. David Zwirner, der als der bedeutendste Händler für zeitgenössische Kunst weltweit gilt, gründete seine Galerie Anfang der neunziger Jahre in New York. Inzwischen hat er Niederlassungen in Hongkong, London, Paris. In diesem Herbst wurde er überraschend zum Auktionator: die Spendensammler der demokratischen Partei baten ihn, online den Verkauf gespendeter Kunst zu organisieren.

SZ: Wie kam es dazu, dass ausgerechnet ein Galerist beauftragt wurde?

David Zwirner: Die Demokraten sind auf mich zugekommen. Sie haben zuerst die großen Auktionshäuser Sotheby's und Christies für die Sache gewinnen wollen. Aber die haben wohl Angst gehabt, dass sie ihre amerikanischen Kunden vergrätzen. Als klar war, dass die Spendensammler vor allem virtuell unterwegs sind wegen Corona, waren die üblichen Dinners in den Galerien, bei denen man Mäzene versammelt, gestrichen. Und weil wir uns schon in den vergangenen Jahren vermehrt darum gekümmert haben, Kunst digital anzubieten und zu verkaufen, sind die Biden-Wahlkampfhelfer auf uns zugekommen.

Dass mehr als 100 Künstler mit ihren Werken vertreten waren - darunter Stars wie Jeff Koons oder Ed Ruscha, Cindy Sherman, Lawrence Weiner und Carol Bove - ist bekannt. Aber wie viel haben Sie denn eingenommen?

Die Auktion hat - zusammen mit einem anschließenden, virtuellen Zoom-Dinner, an dem die Politikerin Kamala Harris teilgenommen hat -, mehr als fünf Millionen Dollar gebracht. Eigentlich darf ich das gar nicht wissen, man unterliegt hier komplizierten Regeln und Gesetzen in Bezug auf Fundraising. Es darf ja niemand, der für eine Partei sammelt, direkt mit einem Spender sprechen. Alles musste elektronisch abgewickelt werden, das Geld floss direkt in die Kampagne. Für die Kunstwelt ist das alles schon ungewohnt: E-Commerce gilt ja bei uns als verpönt.

War in diesem Fall die Akquise anstrengender oder der Verkauf?

Wir haben eine Menge gestiftet bekommen, und das Netzwerk der demokratischen Partei hat viel beigetragen. Wir haben selbst mehr als eine Million Dollar an Kunst aus unserer Galerie gestiftet. Bei dieser Wahl ist alles anders als sonst. Es ist so klar, wo alle stehen. Wenn man sich entscheidet, in der Kunstwelt zu arbeiten oder Künstler zu sein, kann man sich in keiner Weise mit Trump identifizieren.

Carrie Mae Weems, Remember to Dream, 2020

Carrie Mae Weems „Remember to Dream“, (2020) hat Galerist David Zwirner zugunsten von Joe Biden verkauft.

(Foto: Courtesy the artist and Jack Shainman Gallery, New York)

Und Ihre Sammler sind ausschließlich Demokraten?

Nein. Natürlich haben wir auch republikanische Sammler, übrigens sehr nette Menschen. Die Reichen wollen halt keine Steuern zahlen. Ich kann mir gut vorstellen, dass von denen auch viele Kunst bei der Auktion gekauft haben - und dadurch jetzt Biden unterstützen. Auch wenn wir viele Bieter auf die Auktion vorbereitet und betreut haben, unterliegt deren Identität aber ebenfalls der Geheimhaltung. Andere Sammler, wie Eli Broad, sind da ganz offen, der hat schon Obama unterstützt.

Sind denn die Demokraten kunstaffiner?

Wie sehr sich einzelne Politiker mit der Kunst auseinandersetzen, kann ich nicht beurteilen. Aber als Obama regierte, war Kerry James Marshall im White House zu Besuch. Und im Wohnzimmer hing ein Josef Albers. Die Demokratin Kamala Harris war jedenfalls sehr vertraut mit Künstlern - sie stammt ja aus San Francisco und gehört beispielsweise zum Board des San Francisco Museum of Modern Art, zu ihren Bekannten gehören Künstler wie Carrie Mae Weems oder Catherine Opie, die auch gerade ihr Porträt angefertigt hat. Die Vorstellung, dass jemand, der so vertraut mit der Kunst ist, in ein paar Tagen Vizepräsidentin sein könnte, ist ganz toll.

Wäre das auch deswegen wichtig, weil die Museen, Galerien, Auktionshäuser von Corona schwer getroffen ist?

Ja, es ist ein sehr schwieriges Jahr. Auch wenn sich der Kunstmarkt wohl so durchmogeln wird, er ist klein und sehr international. Die stärkeren Galerien werden das überstehen. Aber wer nicht mit Sammlern in Asien, Europa und Südamerika verdrahtet ist, für den wird es sicher hart. Wir haben hier eine Zombiesituation. Viele Galerien, die ihre Miete nicht länger bezahlen, können derzeit nicht rausgeklagt werden. Das wird sich im Januar ändern. Dann wird hier das Galeriensterben einsetzen.

Haben Sie selbst auch Einbußen erlebt?

Wir haben uns weder von Künstlern trennen müssen, noch Flächen aufgegeben. Allerdings haben wir Mitarbeiter entlassen, beispielsweise das Team, das Messen vorbereitet. Nachdem drei oder vier Messen ausgefallen waren, mussten wir sie entlassen. In London und Paris, wo es Kurzarbeit gibt, konnten wir bislang noch alle halten.

Dennoch haben Sie gerade jetzt angekündigt, eine neue Galerie mit ausschließlich schwarzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu eröffnen.

Der New Yorker Galerist David Zwirner.

(Foto: Jason Schmidt)

Das geht auf die Idee der Kuratorin Ebony L. Haynes zurück. Sie hat mich darauf angesprochen, dass es einen Ort braucht, an dem Schwarze ausgebildet werden. Die von ihr geführte Galerie soll eine schwarze Identität haben. Die Kunstwelt ist so weiß, wir haben in den Galerien höchstens zwei oder drei Prozent schwarze Kollegen, in den Auktionshäusern sind es noch weniger. In der Stadt sieht es anders aus als in der Kunst, weil die Kunstszene für junge Schwarze keine Karrieremöglichkeiten bot, anders als Banken oder das Musikgeschäft beispielsweise.

Eine rein schwarze Galerie klingt allerdings auch wieder nach Segregation.

Die Idee ist natürlich nicht nur gut aufgenommen worden. Aber Achtung: Die Künstlerliste ist nicht schwarz. Und die Sammler werden es sowieso nicht sein. Ich habe mich über solche Fragen viel mit schwarzen Künstlern unterhalten. In diesem Land ist so vieles noch nicht aufgearbeitet; die Amerikaner haben sich mit der Geschichte der Sklaverei nie wirklich auseinandergesetzt. Das wird jetzt hier diskutiert.

Sind es also gerade irgendwie auch gute Zeiten für Experimente?

Schlechte Zeiten bringen ja oft gute Kunst hervor. Die Weimarer Zeit war - vom Bauhaus bis zur neuen Sachlichkeit - eine große Epoche. Wenn es zu gut läuft, wird die Kunst gefällig. Und was auch immer passiert: Es ist eine Zeit des Wechsels. Die alte Generation, die gerade erfolgreich ist, sieht danach wohl nicht mehr so gut aus. Zudem war New York sowieso zu teuer. Die Künstler können jetzt vielleicht wieder aus Upstate zurückkommen. New York war immer eine gute Stadt für Kunstschaffende. Und das wird jetzt wieder so sein.

© SZ vom 31.10.2020

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