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Kunst statt Werbung:Eine Galerie, so groß wie Teheran

Ein Rembrandt uber dem Expressway und ein Dalí über der Betonbrücke: Teheran bringt die Kunst zu seinen Einwohnern - weil die keine Zeit für Museen und Galerien haben.

(Foto: Atta Kenare)

Dalí und Magritte über Nacht: In Teheran wurden 1500 Werbeflächen überraschend zu einer Open-Air-Galerie. War es eine Kunst-Guerrilla? Konsumkritiker? Oder Gegner von Anti-US-Propaganda?

Von Anja Perkuhn

"Der Schrei" an der Riesenkreuzung, ein Rembrandt über der Schnellstraße und ein Dalí über der grauen Betonbrücke: In der iranischen Hauptstadt Teheran hat sich das Stadtbild beinahe über Nacht verändert. Auf den 1500 stadteigenen Werbeflächen, auf denen normalerweise Küchengeräte aus Korea und lange haltbare Lebensmittel zu sehen sind - und hin und wieder noch ein "Down with the USA"-Plakat - prangen nun ausschließlich Kunstwerke.

Es sind viele berühmte Bilder westlicher Künstler darunter, zum Beispiel "Der Schrei" von Edvard Munch, "Die große Welle von Kanagawa" von Katsushika Hokusai und René Magritte's "Mann mit Hut, Apfel vorm Kopf", Stillleben von Rembrandt und Fotografien zum Beispiel von Henri Cartier-Bresson - aber auch einige Werke von nationalen Malern.

Anarchie! Ach nein, doch nicht

Der Bildertausch klingt wie das Werk einer Kunst-Guerrilla mit konsumkritischem Ansatz (oder Konsumkritikern mit künstlerischem Ansatz) - am Ende ist die Aktion aber doch nicht ganz so anarchisch, wie sie zunächst wirkt: "A Gallery As Big As A Town" ist ein Projekt, das offiziell vom Bürgermeister Teherans unterstützt wird.

Die Idee dazu stammt von der "Organisation für die Verschönerung von Teheran", die festgestellt hat: Die Einwohner der 12-Millionen-Metropole sind zu beschäftigt, um in Museen oder Galerien zu gehen - auf den Straßen verbringen sie beispielsweise auf dem Weg zur und von der Arbeit aber sehr viel Zeit. "Also haben wir beschlossen, die ganze Stadt in eine große Galerie zu verwandeln." Die Menschen sollen über Kunst reden, das ist das erklärte Ziel der Organisation.

Die Einnahmen aus der Vermietung der Werbeflächen machen einen Großteil des Finanzhaushaltes der Stadt aus. Es ist also durchaus ein Statement, fast alle davon mit purer Ästhetik zu überkleben. Bürgermeister Mohammad Baqer Ghalibaf liebe nun einmal Kunst, zitiert die New York Times einen Stadtbeamten, "vor allem in den vergangenen Jahren hat er eine tiefe Liebe für künstlerische Werke entwickelt".

Der Bürgermeister liebt Kunst - und Präsident will er auch gern werden

Für den zweimaligen - jeweils unterlegenen - Präsidentschafts-Kandidaten gehe es bei der Verwaltung einer so großen Stadt wie Teheran nicht nur um Dienstleistungen. "Kultur und Kunst sollten auch Teil davon sein."

Ein bisschen mit Politik hat es dann aber auch zu tun: 2016 steht die nächste Präsidentschaftswahl in Iran an. Ghalibaf will sich wieder als Kandidat präsentieren - und sich mit Munch und Matisse die Stimmen der Mittelklasse sichern.

Und noch ein wenig Realismus in der neuen urbanen Kunsttraumzauberwelt: Wie der Guardian berichtet, hat ein prominentes iranisches Kunstmagazin kürzlich 100 Experten aufgefordert, Irans Star-Künstler zu nennen. Unter den Top Ten befinden sich acht Künstler, die aus dem Land verbannt wurden.

© SZ.de/khil

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