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Kunst:Stalagmiten in der Schlucht

CREDIT PRÜFEN: PETER RICHTER !!!

Thomas Scheibitz: Plateau mit Halbfigur
9. September 2018 - 12. Mai 2019

verschiedene Materialien, montiert, farbig gefasst / various materials, mounted, painted
829 x 733 x 613 cm (Höhe/Breite/Tiefe)

Die Skulptur "Plateau mit Halbfigur" in der Kindl Kunsthalle in Berlin.

(Foto: Jens Ziehe, 2018/Thomas Scheibitz/VG BILD-KUNST, Bonn 2018)

Die Kindl-Kunsthalle in Berlin forderte Thomas Scheibitz zu seiner bisher größten Skulptur heraus.

Von Peter Richter

Dass der Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz jetzt in Berlin das bisher voluminöseste Werk seiner Karriere präsentiert hat, liegt vor allem an dem Raum, für den er es geschaffen hat. Deshalb müssen zunächst einmal ein paar Worte über diesen Ort verloren werden. Denn abseits der traditionellen Kunstbetriebstopografie hat sich tief im proletarischen Neukölln eine Kunsthalle etabliert, die in jeder Hinsicht für Größe steht, wo in Berlin-Mitte die Horizonte und die Spielräume zusehends enger werden. Statt der Trophäen in die Berliner Gesellschaft hineindrängender Privatsammler aus Westdeutschland wird hier ein kuratiertes Programm gezeigt, in das sich die Spender, ein im Hintergrund bleibendes Paar aus der Schweiz, nicht einmischen. (Aktuell die erste institutionelle Einzelausstellung von Kathrin Sonntag in Berlin.) Vor der Umwidmung der Immobilie für irgendetwas Renditeträchtigeres als Kunst bewahrt hier das Baurecht. In der "Metropolis"-artigen Kulisse der Cafeteria wird in Zukunft die bei Berliner Künstlern beliebte "Bar Babette" Asyl finden, nachdem sie von dem vielleicht ein bisschen zu voreilig als Superphilanthrop umjubelten Investor Nicolas Berggruen aus ihrem bisherigen Glaspavillon an der Karl-Marx-Allee vertrieben wurde. Dass schließlich im Keller immer noch eine kleine Brauerei arbeitet, sorgt dafür, dass sich ohnehin durchgängig der süße Geruch der Feierfreude auf die Dinge legt.

Aber vor allem ist da das ehemalige Kesselhaus mit seinen rund zwanzig Metern Höhe. Damit hat der Hauskurator Andreas Fiedler den großartigsten und gleichzeitig schwierigsten Raum, der Künstlern in Berlin geboten werden kann. Die drei bisher hier gezeigten behalfen sich alle damit, den Raum gleichsam von oben, über seine inkommensurable Höhe her zu begreifen und Dinge hineinzuhängen - Haegue Yang eine ihrer Installationen aus Lamellenvorhängen, David Claerbout Videoscreens und Roman Signer sogar ein ganzes Flugzeug. Bei der Beauftragung von Thomas Scheibitz sei es nun, sagt Andreas Fiedler, darum gegangen, einmal eine Skulptur, wie es sich gehört, vom Boden aus nach oben wachsen zu lassen. Wenn man den Raum als Höhle betrachtet, ist nach so vielen Stalaktiten mit anderen Wort mal Zeit für einen Stalagmiten. Und ein Höhlengleichnis liegt nun einmal automatisch nahe, wenn Skulpturen im Grunde so neoplatonisch daherkommen wie seit der Zeit des Manierismus nicht mehr, in der auch die Allansichtigkeit zur neuen Norm wurde. "Von allen Seiten schön", hieß das damals; von allen Seiten aufreizend ist Scheibitz' "Plateau mit Halbfigur", und mit dem Titel fängt das schon mal an.

Denn natürlich könnte man das Plateau, knallrot gestrichen wie es ist, im engeren Sinne des Skulpturalen auch für einen Sockel halten. Im weiteren Sinne des Scheibitz'schen Werkes ist es aber vielleicht auch eher eine Drehbühne, auf der typische Formen seines Werkes auftreten, als wären es die Charaktere einer Commedia dell'arte. Er spricht von "Halbzeugen" oder "Prototypen", die in seinem Atelier auf ihren jeweiligen Einsatz warten, und ihre Namen sind Buchstabe, Gebäude, Gesicht, Tropfen, Stiefel, Tor und Brücke. Das sind, wenn man so will, die Vokabeln. Und, wie bei einem Schriftsteller, entsteht daraus immer wieder ein neuer Text. Scheibitz selbst assoziiert den Raum mit einer Schlucht, an deren Grund sich die Körper als Ideen wie von selbst anhäufen - wie kulturelles Geröll, das aus visuellen Erinnerungen von der Antike bis zum Fernsehen neue Formationen türmt. Denn darum gehe es ihm ja immer, sagt Scheibitz: etwas so noch nie gesehen zu haben, "aber sich in der nächsten Millisekunde schon an etwas erinnert zu fühlen". Das Schöne für spätere Kunsthistoriker an Scheibitz ist, dass er freundlicherweise seine Quellen immer mit offenlegt. Der Katalog reproduziert sein Carnet des curiosités: Architekturtraktate, Fotos, Typografie, popkulturelle Alltagsikonografien. Aus anderen Quellen müssen sich die Farben speisen, die bei kaum einem anderen Künstler die Malerei dermaßen offensiv in den Anstrich hinein objektivieren, nur um kurz davor wiederum haltzumachen, als wären sie bei Bertolt Brecht in die Schauspielschule gegangen.

So wird "Plateau mit Halbfigur" beinahe zur einer Art Miniretrospektive, die das Werk von Thomas Scheibitz in den Essenzen zusammenfasst. Leidtun kann einem nur derjenige, der das eines Tages mal erwirbt. Denn um das adäquat auszustellen, wird er leider das gewaltige Kesselhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei nachbauen müssen.

Kindl Zentrum für Zeitgenössische Kunst, bis 12.5.2019

© SZ vom 12.09.2018
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