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Kunst:Schutzdämon aus Datteldosen

Michael Rakowitz

Foto: Uyen Luu

Jedes Jahr darf ein Künstler den leerstehenden Denkmalsockel am Londoner Trafalgar Square bespielen. Der Amerikaner Michael Rakowitz hatte dafür eine ganz besonders gelungene Idee.

Von Alexander Menden

Vor dem Golfkrieg waren Datteln und Dattelsirup neben Erdöl einer der bedeutendsten irakischen Exportartikel. Diese Industrie ist heute größtenteils verschwunden, genauso wie viele antike Kunstwerke, die islamistischem Vandalismus zum Opfer gefallen sind. Dem amerikanischen Künstler Michael Rakowitz, aus einer jüdischen, irakischen Familie stammend, ist es gelungen, für die Londoner 4th Plinth Commission wirtschaftlichen Zusammenbruch und Kulturterrorismus zu vereinen, und dabei etwas Mahnendes und zugleich vielleicht sogar Trost spendendes Neues zu machen. Auf dem leer stehenden, alljährlich von anderen Kunstwerken temporär besetzten Denkmalsockel am Trafalgar Square erhebt sich seit dieser Woche ein sogenanntes Lamassu, eine Gestalt der babylonischen Mythologie. Der gut vier Meter lange, geflügelte Schutzdämon mit Stierkörper und bärtigem Menschenhaupt ist nach dem Vorbild einer Steinstatue in Ninive gefertigt. Das Original, das seit 700 vor Christus das berühmte Nergal-Tor bewachte, wurde 2015 von einem Angehörigen der Terrormiliz IS mit einem Schlagbohrer vernichtet. Rakowitz will seine Arbeit mit dem Titel "Der unsichtbare Feind sollte nicht existieren" als Geist von etwas unwiederbringlich Verlorenem verstanden wissen. Es besteht aus Tausenden Dattelsirup-Dosen - ein Verweis darauf, dass von den einst 30 Millionen Dattelbäumen des Irak heute nur noch rund zehn Prozent übrig sind. Durch seine Aura veredelt der Lamassu das alltägliche Material, aus dem er besteht, und gibt ihm neue Bedeutung. Aber wie andere Werke in einer Reihe von Rakowitz' Arbeiten, die Bezug auf die verschwundenen und zerstörten Kulturgüter des Irak nehmen, ist dieser Lamassu nur ein Platzhalter, eine Erinnerung daran, was alles nicht mehr existiert - ein "Palimpsest des Verlustes". Das buntglänzende Wesen blickt nun von London aus nach Osten, in Richtung Irak. Es ist eines der eindrucksvollsten Kunstwerke, die je auf dem vierten Sockel gestanden haben.

© SZ vom 31.03.2018

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