Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Münchner Villa Stuck:Die höchste Zahl heißt "Zorn"

Adolf Wölfli wurde in der Psychiatrie zum Zeichner und Autor. Eine Ausstellung zu seinem überbordenden Werk hinterfragt den Begriff der "Outsider Art".

Von Evelyn Vogel

Am besten verschmäht man den Aufzug und nimmt die Treppe. Lässt sich von den kehligen und doch weich schwingenden Worten, die das Treppenhaus erfüllen, wie von einem Mantra nach oben tragen: "Tummah. 16. Cher: 1. Giiiga. 16. Cher: 1. Nit a Brida. 16. Cher: 1. Chrummah. 16. Cher: 1. Stiiga 16. Cher: 1." Wer es schafft, seine Schritte dem Rhythmus der Sprache dieses "Trauer=Marschs" anzupassen, hat schon ein kleines Stück der Welt des Schweizer Künstlers Adolf Wölfli verinnerlicht.

Die Schweizer Regisseurin Meret Matter hat Teile von Wölflis 8300 Seiten umfassendem "Trauer=Marsch" eingelesen. Und Kurator Roland Wenninger hat dieses lautmalerische Werk - das letzte und unvollendete des 1930 in der Nervenheilanstalt Waldau gestorbenen Künstlers - an den Anfang und ans Ende der Ausstellung "Bis ans Ende der Welt und über den Rand - mit Adolf Wölfli" in der Münchner Villa Stuck gesetzt. Um die ausufernde, von Farben und Formen, Buchstaben und Zahlen, Rhythmen und Klängen geprägte Welt Wölflis zu erfassen, muss man tief eintauchen in sein Leben, das von Armut und Angst, Gewalt und Gewahrsam geprägt war.

Der verwaiste Junge wächst als "Verdingbub" auf einem Bauernhof auf

Wölfli wird 1864 als jüngstes von sieben Kindern im Schweizer Kanton Bern geboren. Der alkoholsüchtige Vater verlässt die Familie, da ist Wölfli noch keine sechs Jahre alt. Die Mutter stirbt, bevor er zehn ist. Er wächst als sogenannter "Verdingbub" auf Bauernhöfen auf, wird misshandelt und missbraucht. Etliche Jahre schlägt sich der mittlerweile zum kraftstrotzenden Kerl mit baumstarken Armen Herangewachsene als Knecht, Handlanger, Lohn- und Wanderarbeiter durch. Wegen Kindesmissbrauchs wird Wölfli 1890 verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach einem weiteren Missbrauchsfall nur drei Jahre später landet er in der psychiatrischen Heilanstalt Waldau, wo er anfängt, wie besessen zu zeichnen und die nächsten 35 Jahre bis zu seinem Tod verbringt - von 1919 an wegen seiner Gewalt- und Zornesausbrüche in seinem Zimmer isoliert.

Es ist der Psychiater Walter Morgenthaler, der, als er 1907 in die Waldau kommt, Wölflis Talent erkennt und fördert. 1921 wird er das Buch "Ein Geisteskranker als Künstler" veröffentlichen, in dem er Wölfli würdigt. Statt mit Bleistift in Schwarz-Weiß zeichnet Wölfli nun auch mit Buntstiften - und stürzt sich in ein Abenteuer voller Farben und Visionen. Auf mittelformatigen Papierseiten, die er mitunter durch Zusammenkleben vergrößert, und auf Zeitungsseiten entwirft er ein dichtes Geflecht aus Prosa, Poesie, Tabellen, Zahlen und Notenlinien, schafft Zeichnungen, Collagen, Lautmalereien und Kompositionen.

Er verfasst seine fiktive, 3000 Seiten umfassende Autobiografie "Von der Wiege bis zum Graab", die er mit mehr als 700 Farbstiftzeichnungen kraftvoll illustriert. Er, der nie über die Landesgrenze hinauskommt, schreibt eine Reiseerzählung und verwandelt seine schwierige Kindheit in heldenhafte Geschichten mit wunderlichen Abenteuern, glorreichen Entdeckungen und überwundenen Gefahren.

Er erfindet die "Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung", die zur Grundlage seines weiteren bildnerischen Werks wird. Schließlich ernennt er sich selbst zum "Skt. Adolf II." Einem Herrscher, der keine Grenzen kennt. Einem Schöpfer und Heiligen am Kreuz. Städte, Paläste und Inseln, Kirchen und Burgen sind in Wölflis fantastischen Bildwelten, in denen die Berner Unter- und Oberstadt auftaucht, seine Heimat, oft umschlungen von Schlangen und Flüssen. Darauf dicht an dicht: Gestalten, Ornamente, Schrift, Zahlen und Noten. Luftschiffe, Schiffe und Heißluftballons tragen ihn und sein imaginäres Reich in alle Himmelsrichtungen.

Zum Nachlass gehören mehr als 25 000 Seiten und 1600 Zeichnungen

Wölfli entwickelt auch fiktive Rechen-, Finanz- und Zinssysteme, mit deren Hilfe er den gesamten Globus aufkaufen, neu organisieren und ihn sich durch "konsequente Umbenennung aneignen" will. Alles ist groß, größer, riesig. Herkömmliche Zahlensysteme reichen ihm nicht mehr. Er erschafft neue Einheiten. Die höchste Zahl nennt er "Zorn". Die mächtigen Konvolute bindet er zu Heften. Nur wenn ihm Farbstifte und Tabak ausgehen, zeichnet er einzelne Blätter, die er eintauscht. "Brotkunst" nennt er das, was er an Ärzte, Angestellte, Besucher und erste Sammler verschenkt oder verkauft. Am Ende hinterlässt er mehr als 25 000 Seiten mit gut 1600 Zeichnungen und ebenso vielen Collagen.

Adolf Wölfli gilt inzwischen als einer der bekanntesten Vertreter der sogenannten "Outsider Art", nach dem französischen Maler Jean Dubuffet auch bekannt als "Art Brut". "Bildnerei der Geisteskranken" nannte der Psychiater Hans Prinzhorn sie 1922. Heute bezeichnet Outsider Art vor allem die autodidaktische Kunst von Menschen mit psychischen Einschränkungen und von gesellschaftlichen Außenseitern.

Eine Kategorisierung, über die heftig debattiert wird. Obwohl - oder vielleicht gerade weil - es mittlerweile sogar Messen für Outsider Art gibt, die Kunst zu hohen Preisen bei renommierten Auktionshäusern gehandelt wird und in dem "Art/Brut Center Gugging" sogar ein eigenes Museum hat. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, dass Andrea Lissoni, Direktor im Haus der Kunst in München, die aktuelle Ausstellung der Euward-Preisträger, mit der die Augustinum-Stiftung Künstlerinnen und Künstler im Kontext von geistiger Behinderung fördert, gleichberechtigt neben die anderen Ausstellungen gestellt hat.

Gegen vereinfachende Kategorisierungen wehrt sich Kurator Wenninger im Museum Villa Stuck, wenn er sagt: "Es gibt keine Outsider Art. Es gibt nur Kunst!" Und die von Wölfli sei "faszinierend und irritierend" zugleich. Deshalb bringt er nun, am Ende eines zweijährigen Forschungsprojekts, 70 Arbeiten Adolf Wölflis aus allen Schaffensphasen mit Werken anderer "Grenzgänger" und "Weltenschöpfer" zusammen, um nicht nur bis ans Ende von Wölflis Welt, sondern über deren Rand hinaus zu blicken.

Manche dieser Begegnungen überzeugen. Beispielsweise wenn neben Wölflis umfassender Aneignung der Welt Anselm Kiefers "Besetzungen" hängen. Andere muten eher etwas beliebig an, es sei denn man will zum Ausdruck bringen: Sind wir nicht alle ein wenig gaga? Oder um es mit der ebenfalls laufenden Tonspur von Beuys auszudrücken: "Ja Ja Ja Ja Ja Nee Nee Nee Nee Nee", die lautmalerisch eine gute Ergänzung abgibt.

Interessant ist das Kapitel "Wölfli und die Frauen". Schon in den Zeichnungen "Von der Wiege bis zum Graab" taucht das Motiv des "Vögeli" auf. Der kleine Vogel wird als Beschützer des Alter Ego von Wölfli verstanden, aber auch als sexuelles Symbol interpretiert. Frauen stellt Wölfli als Göttinnen oder Prinzessinnen dar, in seinen Collagen auch als Werbe-Pin-ups zwischen Amazone, Sexsymbol, Mutter und Hausfrau.

Am Ende schließt sich der Kreis um Wölfli mit der Darstellung einer Riesen-Wasserschlange und Blättern aus seinem "Trauer=Marsch", den man dann auch noch einmal hören kann. "Tummah. 16. Cher: 1. Giiiga. 16. Cher: 1. Nit a Brida. 16. Cher: 1. Chrummah. 16. Cher..." . Ein Mantra, das einem lang nicht mehr aus dem Kopf geht.

Bis ans Ende der Welt und über den Rand - mit Adolf Wölfli, Museum Villa Stuck München, bis 25. Juli; derzeit widmen sich auch Ausstellungen im Zentrum Paul Klee und im Schweizerischen Psychiatrie-Museum (beide in Bern) der überbordenden Welt Adolf Wölflis.

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