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Uffizien:Nackt im Museum

Italy, Tuscany: Florence Italy, Tuscany: Florence (Firenze in Italian). Paintings entitled The Venus of Urbino (middle)

Neue Sicht auf alte Kunst. Zum Beispiel auf die Venus von Urbino. War das doch alles nur Pornografie? In den Uffizien von Florenz ist man empört.

(Foto: imago images/Andia)

Das Sexportal Pornhub lanciert "Classic Nudes" - und ärgert damit nicht nur die Uffizien in Florenz. Denn auch der Pinselstrich ist hier Metapher.

Von Oliver Meiler

Nackt ist ja nicht einfach nackt, und, wenn das noch der Präzisierung bedurft haben sollte: Erotik ist nicht Pornografie. Oder nicht immer. Die Venus von Botticelli zum Beispiel: Anmut pur, in einer Muschel.

Pornhub, der meistgeklickte Streamingdienst für Sexdarstellungen aller Art (42 Milliarden Aufrufe im Jahr 2019), hat eine neue Kategorie in sein Angebot aufgenommen. Er nennt sie "Classic Nudes". Gezeigt werden darin Werke von Großmeistern, neben Botticellis "Geburt der Venus" etwa auch die "Venus von Urbino" von Tizian, Caravaggios "Bacchus", "Die nackte Maja" von Goya und Edgar Degas' "Nackter Mann". Die stillen Aktgemälde werden nachgespielt, natürlich bewegt, mit vage ähnlich ausschauenden Darstellern. Allegorien also mit einer Schlagseite zur Parodie.

Als Nebenprodukt gibt es Audioführer der anderen Art für den Besuch der Museen, die diese Werke ausstellen. Etwa für die Uffizien in Florenz, den Louvre und das Musée d'Orsay in Paris, das Metropolitan Museum in New York, den Prado in Madrid, die National Gallery in London. Besprochen werden sie von Asa Akira, einer Diva des pornografischen Genres, halb Japanerin, halb Amerikanerin. "Es ist Zeit", sagt die Werbeträgerin von Pornhub, "dass ihr die langweiligen Guides weglegt und mit mir jeden Pinselstrich der Meisterwerke genießt." Auch der Pinselstrich, so darf man annehmen, ist hier Metapher.

Ob Pornhub mit seiner Idee, die ja vielleicht in der Langeweile des Immergleichen geboren ist, am Ende durchkommen wird, hängt nicht unwesentlich von den Museen ab. Die Uffizien jedenfalls haben sich an das italienische Kulturministerium gewandt mit der dringenden Bitte, die Angelegenheit schnell zu prüfen. Es liege eine "sehr schwerwiegende Verletzung des Urheberrechts" vor. Oder anders: Pornhub, mit Büros in Kanada und Steuersitz in Luxemburg, 460 Millionen Dollar Jahresumsatz, zeigt die Bilder, ohne dafür zu bezahlen. Und das geht natürlich nicht, der Konzern soll verwarnt werden. Andere Museen könnten dem Beispiel folgen. Aus den Uffizien verlautet, es handele sich nicht um einen moralischen Einwurf gegen den Streamingdienst, auch nicht um Prüderie. Man hätte gleichermaßen reagiert, wenn sich etwa Walt Disney die Bilder einfach so genommen hätte.

Auch Cicciolina taucht plötzlich wieder auf

Der Direktor der Uffizien, der Deutsche Eike Schmidt, ließ sich bisher persönlich nicht vernehmen in der Causa, was den italienischen Zeitungen eine besondere Erwähnung wert ist. Er wolle seinen Namen wohl nicht in einem Atemzug mit Pornhub genannt haben, heißt es. Schmidt hatte im vergangenen Jahr eine Debatte ausgelöst, als er die italienische Starinfluencerin Chiara Ferragni, 24,3 Millionen Follower allein auf Instagram, vor Botticellis "Venere" posieren ließ. Ziel war es, auch junge Menschen, die sonst nicht leicht mit der Kunstwelt in Berührung kommen, ins Museum zu locken.

Demokratisierung oder Desakralisierung der Kunst? Oder weder noch? Die Zeitung Il Foglio ist ganz angetan von der Idee, mit Asa Akira im Ohr ins Museum zu gehen. Oder mit Ilona Staller alias Cicciolina, Pornostar aus der prädigitalen Zeit und zwischenzeitlich mal Mitglied des italienischen Parlaments. Cicciolina, mittlerweile 69 Jahre alt, bewirbt die Initiative von Pornhub mit einem Video in sehr ungefährem Englisch. Sie trägt dazu einen engen, rosafarbenen Stoffhauch am Körper und steht in einer Muschel, zu ihrer Rechten ein junger Mann mit wallendem Haar und Engelsflügeln, zu ihrer Linken eine Frau im Blumenkleid. Venus, fast eins zu eins. Fast.

© SZ/mau
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