Kunst Pixel für die Ewigkeit

Marina Abramović und Bill Viola suchen in London historische Größe - und finden ihre Meister. Über eine lautstarke Tendenz der zeitgenössischen Kunst.

Von Catrin Lorch

Marina Abramović ist ein Star geworden mit Performances, die vom Körper der Künstlerin zehrten, von seiner unmittelbaren Anwesenheit im Museum. Die junge Künstlerin spielte vor Publikum mit Messern, rannte immer wieder nackt gegen ihren Partner Ulay oder harrte stundenlang auf einem Fahrradsattel aus, der hoch über einer Vernissage an der Wand festgeschraubt war. Ihre Ausstellung "The Artist Is Present" im Museum of Modern Art in New York war eine der berühmtesten Performances überhaupt, eine halbe Million Menschen kamen und besuchten genau genommen auch die Künstlerin, der sie stundenlang an einem Tisch gegenüber sitzen durften.

Natürlich kann man das nicht ewig machen. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung hat die Künstlerin darauf hingewiesen, dass sie für die Ausstellung in der Bundeskunsthalle Tänzer, Performer, Schauspieler engagiert und ausgebildet hat, die ihren Platz einnehmen. Kommt Marina Abramović, die als berühmteste lebende Künstlerin gilt, jetzt die Technik entgegen? Die Londoner Serpentine Gallery zeigt eine Woche lang die Premiere von "The Life", eine Mixed-Media-Installation, bei der ein Auftritt der Künstlerin virtuell durch eine Brille zu sehen ist. Anders als bei Virtual-Reality-Masken bleibt aber auch der Ausstellungsraum sichtbar. "Endlich kann ich überall gleichzeitig helfen", kündigte Abramović bei der Vernissage an, als wäre sie ein Notarzt im Einsatz.

Die Performance ist unspektakulär - Marina Abramović, die ein rotes Kleid trägt, streckt mal die Hände aus, dann geht sie im Kreis oder verschränkt die Arme auf dem Rücken. Alle paar Minuten verschwindet sie in einem Gestöber aus blau leuchtenden Lichtfunken. Und auch die Illusion ist nicht eben überzeugend; oft lösen sich die pixeligen Ränder des Kleides auf, mal verschwimmt die Nase der Künstlerin, dann wieder kann man durch ihre schwarzen Waden hindurch auf die Hosenbeine der anderen Besucher schauen. Ganz offensichtlich gibt die wohl berühmteste Künstlerin der Welt nur das Postergirl für die mattgraue Brille, die "Performance" ist ein prominent platzierter Testlauf für ein noch nicht ganz ausgereiftes Tool der visuellen Unterhaltungsindustrie.

Dies allerdings bremst Todd Eckert nicht, einen Filmemacher und Spiele-Entwickler, der seine Erfindung vollmundig anmoderiert: "Wir sind hier die ersten Zeugen eines Werks, das so noch in 500 Jahren Bestand haben wird", verspricht er, als bräche eine neue Epoche der Kunst an. Dabei gilt ausgerechnet dieses Versprechen für jedes ordentlich gemalte Ölgemälde - und bislang für kein einziges künstlerisches Video, Computerprogramm oder digitales Bild. Deren Vorführung wird schon dann zu einem gewaltigen Experiment, wenn die Bänder, Disketten, Festplatten und Monitore nur ein paar Jahrzehnte alt sind.

Schon weil die Präsentation nur eine Woche zu sehen ist und als "Event" - und nicht einmal als Ausstellung - im Kalender des renommierten Ausstellungshauses gelistet ist, sollte man hoffen, dass "The Life" schnell vergessen wird. Doch scheinen sich historische Ansagen und aufwendige Bildtechnik gerade neu zusammen zu finden. Auch in der renommierten Royal Academy werden Pixel mit Ewigkeitsanspruch gezeigt. Nur dass man hier nicht ein halbes Jahrtausend in Richtung Zukunft, sondern fünfhundert Jahre zurück greift. Bill Viola, 1951 geborener Videopionier, hat in den verdunkelten Räumen ein ganzes Dutzend seiner Werke installiert und in dieselben Säle Zeichnungen von Michelangelo gehängt. Der Titel der Ausstellung verklammert die Namen der beiden Künstler, als handele es sich um eine Kooperation: "Bill Viola / Michelangelo. Life Death Rebirth". Im Presseschreiben heißt es: "Obwohl sie durch fünf Jahrhunderte getrennt sind und in radikal unterschiedlichen Medien arbeiten, teilen diese Künstler ihre tiefe Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Menschseins und seiner Existenz."

Die Aufstellung baut unter anderem auf den Kontrast zwischen dem monumentalen Video-Triptychon "Nantes Triptych" aus dem Jahr 1992 - das parallel auf drei Projektionswänden eine Geburt, das Sterben von Violas Mutter und den Künstler unter Wasser schwebend zeigt - zu den kleinen, durchgearbeiteten Blättern, auf denen der Renaissance-Meister die Heilige Familie gezeichnet hat. Und während auf den ersten Blick die ineinander verschlungenen Körper von Maria mit ihrem toten Sohn dem Videobild gleichen, auf dem eine Frau während der Geburt von ihrem Mann gestützt wird, so bleibt die Konstellation letztlich eine Anmaßung. Während Michelangelo die biblische Szene mit allem Gewicht irdischer Körper und menschlichen Leids beschwert, montiert Bill Viola in die kunsthistorisch aufgeladene Form des Triptychons Aufnahmen ein, die vor allem ratlos wirken vor der existenziellen Erfahrung von Geburt und Tod.

Links: Michelangelos Zeichnung "Auferstandener Christus" (1532). Rechts: Bill Violas "Tristan's Ascension" (2005).

(Foto: Royal Collection/Bill Viola)

Dass die Videobilder in ihrem Aufbau und ihrer Komposition bewusst oder unbewusst kunsthistorische Vorbilder zitieren, das reicht nicht zum Gegenüber. Und alle Vergleichbarkeit endet in dem gewaltigen Saal, in dem sich die pathetische Installation "Five Angels for the Millennium" von 2001 ausbreitet, fast abstrakte Bilder des Künstlers, der in Wasserbecken schwebt. Das Genie der Renaissance hingegen kann auf Papier sogar ein Wunder wie die "Auferstehung" (1532) immer wieder überzeugend ausmalen - wie auf der nur etwas mehr als dreißig Zentimeter breiten Kreidezeichnung aus der Sammlung der Queen.

Dennoch haben solche Konfrontationen Konjunktur: Jeff Koons zeigt, nachdem er kürzlich im Liebighaus in Frankfurt zwischen gotischen Skulpturen und barocken Büsten seine Balloon-Dogs und Blumensträuße platzieren durfte, seine metalllic-bunten Plastiken gerade im Ashmolean Museum in Oxford.

Lange waren die Sammlungen der Kunstmuseen der zeitgenössischen Kunst eher verschlossen - und verbannten sie, wenn überhaupt, in die Ausstellungssäle. Die Kunstgeschichte zeigte sich zurückhaltend, wo es um die Gegenwart ging, nahm sich Zeit und wartete ab. So gab sie der jüngsten Generation die Luft, auf Abstand zu gehen, sich ohne unmittelbare Rückbindung und vor allem auch in Abgrenzung zur Kunstgeschichte zu entfalten. Doch der enorme Erfolg der Zeitgenossen, die Popularität von Koons, Damien Hirst, Abramović und anderen hat die Verhältnisse verschoben. Wo sie ihr Werk mit den überwältigenden Bildtechniken der Unterhaltungsindustrie verpaaren, dröhnen sie die stillen Säle der Museen einfach zu.

Marina Abramovic. The Life, in der Londoner Serpentine Gallery bis 24. Februar. Bill Viola/Michelangelo. Life Death Rebirth, in der Londoner Royal Academy bis 31. März. Katalog: 22 Pfund.