Kunst: Palazzo Farnese Orgiastischer Triumphzug

Der Ururenkel Pauls III., Kardinal Odoardo Farnese, erbte schließlich die umfangreiche Sammlung von Antiken, Gemälden und Zeichnungen Fulvio Orsinis, des langjährigen Beraters der Farnese in künstlerischen Dingen. Er war es auch, der die große Galerie zum Garten hin und sein Schlafgemach von Annibale Carracci, der zeitweilig dabei von seinem Bruder Agostino unterstützt wurde, mit grandiosen Fresken ausschmücken ließ. Die beiden Carracci malten für den Kardinal auch viele Gemälde. Ein Katalog des 17. Jahrhunderts verzeichnet an die 600 Bilder im Palast, die bedeutendsten von ihnen hängen heute im "Museo di Capodimonte" in Neapel. Schon vor der Galerie mit ihren mythologisch erotischen Fresken, dem letzten großen Meisterwerk der Renaissance, war der sogenannte Salotto dipinto von Francesco Salviati mit Darstellungen zur Verherrlichung der Familiengeschichte ausgeschmückt worden.

Der Besucher geht also mit vielen Erwartungen in den Palast, die allerdings nicht alle erfüllt werden. Im Garten steht nicht wie damals die Monumentalskulptur des "Farnesischen Stiers", die 1545 in den Caracalla-Thermen ans Licht kam und mit deren Aufstellung Michelangelo beauftragt wurde. Auch schmücken den Innenhof nicht mehr die sechs antiken Kolossalstatuen, die Tugend, Tapferkeit und Blüte der Familie Farnese versinnbildlichen sollten. Wenigstens eine von ihnen, den berühmten "Ercole Farnese", kann man oben im "Großen Saal" in Gips bewundern. Einige kleinere antike Skulpturen, die einmal zwei Säle füllten, sind jedoch auf dem Flur vor der Galerie ausgestellt, darunter die reizende "Aphrodite Kallipygos" ("die mit dem schönen Gesäß"), die sich in spielerischer Drehung ihrem schön gerundeten Hinterteil zuwendet.

Nur wenige der vielen Gemälde haben den Weg zurück in den Palast gefunden. Von den Porträts, die Tizian gemalt hat, ist nur jenes zu sehen, das Paul III. ohne Kopfbedeckung zeigt. Das Gruppenbild mit seinen Enkeln Ottavio und Alessandro, das so prägnant den Aufstieg der Farnese illustriert, ist genauso wie Raffaels Bildnis in Neapel geblieben.

Zwischen Laster und Tugend

Der Besucher wird jedoch reichlich durch die Besichtigung des Palastes entschädigt. Offen stehen wieder die sich über zwei Geschosse hinziehende "Sala grande", der wichtigste Repräsentationsraum, der "Salotto dipinto" mit seinen Fresken (allerdings nur bei Abwesenheit des Botschafters) und die berühmte Carracci-Galerie mit ihren antiken Statuen, die heute aber nur noch als Gipsabdrücke in den Nischen stehen. Zugänglich ist auch das Schlafgemach Kardinal Odoardos, in dem Annibale Carraccis Gemälde "Herkules am Scheideweg", das ursprünglich an der Decke angebracht war, wieder im Original zu sehen ist. Wenn der Kardinal im Bett lag und nach oben schaute, dürfte ihm die Entscheidung zwischen Laster und Tugend nicht ganz leichtgefallen sein, hat doch das Laster die Formen der Aphrodite mit dem schönen Hintern.

Der Katalog mit 32 Beiträgen von unterschiedlicher Qualität und den Erläuterungen zu den einzelnen Ausstellungsstücken belehrt den Besucher auch über vieles, was er nicht sieht. Kompetent werden die Baugeschichte des Palasts und die Entstehung und Aufstellung der Antikensammlung behandelt (C. L. Frommel und C. Riebesell). Die Familiengeschichte enthält nicht wenige Fehler und ist sehr oberflächlich rekonstruiert (S. Andretta).

Sehr nützlich ist die Übersicht über die in Neapel bewahrten Antiken und Gemälde aus dem Farnese-Besitz (C. Gasparri, N. Spinosa), erhellend M. Utili zu Carraccis "Herkules am Scheideweg". Verwunderlich ist dagegen die kontrastierende Interpretation der Carracci-Fresken in der Galerie. Während F. Buranelli deren erotischen Charakter nicht anzweifelt, besteht S. Ginzburg auf der öfter schon vorgetragenen Meinung, dass hier, entsprechend der angeblichen Bestimmung für die Hochzeit Herzog Ranuccio Farneses, ein moralisierendes Programm zur Ausführung kam. Der orgiastische Triumphzug von Bacchus und Ariadne mit den vielen Nacktheiten auf dem zentralen Deckenfresko scheint für solche Finalitäten eher ungeeignet. Ginzburgs Thesen sind in der Forschung denn auch mit überzeugenden Argumenten bestritten worden.

Die Ausstellung im Palast bleibt bis 27. April geöffnet. Katalog "Palazzo Farnese. Dalle collezioni rinascimentali ad Ambasciata di Francia" bei Giunti, Florenz

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