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Kunst:Ohne Ende

Das Whitney Museum hat den beliebten Bau von Marcel Breuer in New York verlassen, jetzt hat ihn sich das Metropolitan Museum einverleibt - und feiert mit seiner ersten Ausstellung die Ästhetik des Unfertigen.

Von Peter Richter

Es sieht aus wie ein typografischer Auffahrunfall: Das Metropolitan Museum of Art in New York nennt sich zwar immer schon selber gern "The Met", als wolle es durch diese Knappheit sein in Wahrheit eher ausladendes Wesen in Szene setzen. Jetzt hat es sich dafür auch noch einen neuen Schriftzug verpasst, der offenbar die berufsverkehrhafte Enge in den Depots und Galerien vor Augen führen soll; die Buchstaben sind so eng ineinandergeklebt wie die wuchernden Anbauten an den Weltkulturentempel am Central Park.

Das Gebäude wiederum, das der Architekt Marcel Breuer 1966 dem Whitney Museum unweit des Met auf die Upper East Side gestellt hat, wurde von den New Yorkern zuerst oft als hässlich empfunden, als brutal oder als brutalistisch (was zwar nicht dasselbe ist, aber gerne so verwendet wird), später allerdings eher wie etwas Kleines, Feines von Tiffany's: als Juwel oder, treffender, Juwelenkästchen. Als das Whitney Museum kürzlich ins südlichere Manhattan umzog, war deshalb der Jammer über den Auszug aus "the Breuer" hier fast größer als die Freude über den unwesentlich größeren Neubau dort unten.

Das Metropolitan hat sich nun für die nächsten acht Jahre eingemietet, und wenn dieser Tage überall in der Stadt in dieser gedrängelten Schrift die Ankündigung steht "The Met at the Breuer", dann lässt das an den Einsatz von Schuhlöffeln denken: Wie, bitte, soll auch nur irgendetwas aus dem enzyklopädischen Sammlungskoloss in diese Schatulle passen, die sogar dem strikt auf Americana beschränkten Whitney Museum zu eng geworden war? Es war viel spekuliert worden. Würde das Met hier eine Zweigstelle für Gegenwartskunst aufmachen, die immer ein wenig als die irgendwo in dunklen Zwischengeschossen dahindämmernde Schwachstelle des Hauses gilt? Oder würde das der Ort für die großen Sonderausstellungen werden?

Titian - The Flaying of Marsyas

Tizians Malweise in seinem Spätwerk "Schindung des Marsyas" wird heute "offene Pinselschrift" genannt. Seine Zeitgenossen bezeichneten es "Fleckenmalerei".

(Foto: gemeinfrei)

Zur Eröffnung am 18. März werden jetzt die Antworten gegeben. Es gibt zwei Ausstellungen. Die erste ist eine Retrospektive der indischen Künstlerin Nasreen Mohamedi ( 1935 bis 1990). Eine Malerin, die sich von eher lyrischen Anfängen tief in immer minimalistischere Abstraktionen hineingearbeitet hat. Die wenigsten New Yorker werden mit dem Namen vertraut sein, die Kunst aber ist anschlussfähig an das, was sie aus dem Museum of Modern Art kennen, und die Ausstellung ist auch ausgesprochen schön, was zumindest ein bisschen an Marcel Breuers "Setting" liegt.

Das Spekulieren hat nie aufgehört, ob Tizian dieses Bild tatsächlich als fertig betrachtet hat

In den beiden größeren Etagen darüber zeigt das Met dann aber seine eigentliche Waffen: "Unfinished" ist eine Ausstellung gewordene Seminararbeit über das Phänomen des Unfertigen in der Kunst von der Frührenaissance bis gerade eben. Von wegen das Breuer wird des Metropolitans Schaukästchen für Junges und Exotisches: Das hier ist eine Leistungsschau der Malereikuratoren und ihrer Macht im internationalen Leihbetrieb. Das Met hat nicht nur seine eigene Altmeisterabteilung in Teilen über die Straßen von New York hier herübergetragen, darunter das vielleicht einflussreichste Gemälde der ganzen Sammlung, El Grecos apokalyptische "Öffnung des fünften Siegels". Es sind auch aus Europa Werke gekommen, von denen man nicht gedacht hätte, sie noch mal außerhalb ihres Standorts zu sehen, Tizians "Schindung des Marsyas" aus Olmütz in Tschechien zum Beispiel. Dieses Bild hat es in sich. Mal davon abgesehen, dass es der vermutlich am stoischsten seine eigene Häutung hinnehmende Marsyas der Kunstgeschichte ist (und die Geschichte ist ja, so als frühneuzeitliche Form von moralisierendem Splatter, oft dargestellt worden: Der Satyr hatte Apoll als Musiker herausgefordert und verloren, weshalb dem Anmaßenden das Fell über die Ohren gezogen wurde), es ist auch ein ausgesprochen spätes Werk im Œuvre Tizians, möglicherweise sogar sein letztes, und obwohl es signiert ist, hat das Spekulieren nie ganz aufgehört, ob er es tatsächlich als so "fertig" betrachtet hat, wie er es bei besserer Verfassung gern gehabt hätte.

Der Eindruck des nicht ganz zu Ende ausgeführten, nur erst einmal locker mit dem Pinsel so Hingetuschten speziell im Spätwerk dieses Malers hat schon etliche Regalmeter an kunsthistorischer Literatur hervorgebracht, und weitere gelten dem alten Streit darüber, ob das Degeneration oder ästhetische Intention war. Des späten Tizians "offene Pinselschrift", wie das heute meistens genannt wird - die Zeitgenossen sprachen von Fleckenmalerei und waren oft eher irritiert als begeistert - steht gewissermaßen genau im Zentrum dessen, was die Kuratoren des Met da im Breuer-Bau zusammengetragen haben. Fast immer umweht diese Werke so ein Geheimnis, jedenfalls bei der alten Kunst: Warum wurde nicht weitergemacht? Oder war das Kalkül? Warum etwa hat Jan van Eyck 1437 seine heilige Santa Barbara detailliert mit dem Silberstift auf die grundierte Holztafel gezeichnet, eine ganze, genauso detaillierte Landschaft mit Kathedralenbaustelle dahinter - dann aber nur den Himmel mit ein wenig Ölfarbe angelegt?

´MetBreuer" eröffnet in New York

Zunächst angefeindet, gilt der Breuer-Bau heute vielen als Schmuckkästchen.

(Foto: dpa)

Dass es so bleiben sollte, ist im Fall von van Eyck nicht wirklich wahrscheinlich, aber dankbar ist man dafür trotzdem, denn hinreißender könnte ein Bild kaum sein. Dass das auch früher von vielen so gesehen wurde, zeigt die Häufigkeit, mit der schon seit Petrarca die berühmte Stelle aus Plinius des Älteren "Historia Naturalis" zitiert wurde, wonach es fast eine größere Freude sei, unvollendet zurückgebliebene Werke zu betrachten als die fertig ausgeführten, weil man über die Vorzeichnung gleichsam Einblick in die Gedanken des Künstlers erhalte. Was diese Ausstellung letztlich vorführt, ist dies: wie aus diesen eher zufälligen Genüssen ein ästhetischer Grundkonsens unserer Gegenwart wurde.

Mit dieser Ausstellung hat das Met das Klügste getan, was es im Wettstreit der Museen tun konnte

Auf Tizian folgen Rubens und Velázquez und die ganze Traditionskette "offener" Pinselschriften bis zu den Impressionisten und Picasso. Das Met wäre nicht das Met, wenn es nicht zeigen könnte, dass es auch auf dem Gebiet der Druckgrafik viel hierüber zu erzählen hat, und sogar im Film. Es gibt auch Überraschendes von Vertretern der gegenläufigen Tendenz: Von dem Klassizisten Anton Rafael Mengs, eigentlich einem Vertreter eher eisiger Perfektion und Oberflächenglätte, hängt da das bizarre Porträt einer spanischen Edeldame, deren Gesicht ein leerer, ausgewischter Fleck geblieben ist. Aber ansonsten wird die Schau immer kalkulierbarer, je mehr das Nonfinito zum kalkulierten Faktor wird. Da, wo die Ausstellung im 20. Jahrhundert spielt, haben die Kuratoren "Unfinished" kurzerhand eher im Sinne von "endlos" ausgelegt, um auch Werke der oft ja doch eher recht perfektionistischen Minimal Art unterzubringen. Ansonsten gilt gerade hier die Schönheit des Konzepts als Gegenmittel zur Trauer der Vollendung. Wenn man diese Kategorien auf die Ausstellung selbst anwenden darf, dann kann man sagen, dass sie stark und solide beginnt, nach hinten, zum Heute hin, aber durchaus Raum für eigene Gedanken und Schlüsse lässt (das ist ja immer ein Argument für die Reize des "Offengelassenen" gewesen, die Aktivierung des Betrachters. . .)

Das Met hat mit diesem solide metropolitanhaften Einstand im Breuer-Bau wahrscheinlich das Klügste getan, was es im Wettstreit der großen New Yorker Häuser um die auf Gegenwartskunst fixierten Gönner tun konnte: zeigen, dass es nicht das Museum of Modern Art ist, sondern das Museum, das auch vorführen kann, was die Modern Art mit Tizian zu tun hat. Wenn man durch das Portal aus rohem, uneingepacktem Sichtbeton nach draußen geht, hat man fast den Verdacht, dass das Met mit dieser Ausstellung auch der Architektur von Breuer eine Reverenz erweisen wollte, denn gerade die Kunst des beton brut kann manchmal so fein wirken wie eine Unterzeichnung von van Eyck.

Nasreen Mohamedi. Bis 5. Juni; Unifinished. Bis 4. September, Metropolitan Museum of Art, New York. Der Katalog kostet 77 Dollar.

© SZ vom 15.03.2016
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